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POLITIK: Kommentar

Weltaidskonferenz: Für globale Gesundheit

Dtsch Arztebl 2010; 107(30): A-1443 / B-1276 / C-1256

Zylka-Menhorn, Vera

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin Medizinreport

Weltaidskonferenzen waren nie rein infektiologisch ausgerichtet. Themen wie Diskriminierung und Gleichberechtigung standen immer auf der Agenda. Die Wiener Konferenz „Aids 2010“ aber wird als Motor für den Kampf um „globale Gesundheit“ in Erinnerung bleiben – mit der Immunschwächekrankheit als einem Teilaspekt. Jedoch ist der Weg, allen Menschen Zugang zur primären Gesundheitsversorgung zu verschaffen, weit und erfordert ein radikales Umdenken: politisch, ökonomisch und medizinisch. Das Spektrum umfasst eine Stärkung der nationalen Gesundheitssysteme, das Einfordern der Menschenrechte, ein Umdenken in der Entwicklungs- und Drogenpolitik, effektivere Hilfsorganisationen, innovative Finanzmodelle sowie eine Ausrichtung auf die Evidenz von Präventions- und Therapiemaßnahmen. Angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise scheint dies eine schier unlösbare Aufgabe zu sein. Es geht aber nicht nur um mehr Geld.

Zwar forderten die Delegierten die G8-Staaten auf, ihre Finanzzusagen für den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria einzuhalten, doch „wenn wir die Ressourcen weiter wie bisher einsetzen, fallen wir zurück“, sagte Microsoft-Mitbegründer Bill Gates, dessen Stiftung inzwischen 23 Milliarden US-Dollar für internationale Gesundheitsprojekte zur Verfügung gestellt hat. Gates brachte auf den Punkt, was die 19 300 Delegierten und Aktivisten einte: Ausgehend von einer WHO-Evaluation, dass mit 40 Dollar pro Jahr einem Menschen ein „Minimalpaket“ an präventiven und kurativen Gesundheitsleistungen ermöglicht werden kann, wäre ein mit jährlich 50 Milliarden Dollar ausgestatteter „Weltgesundheitsfonds“ ausreichend, um den dringlichsten Gesundheitsbedürfnissen aller Menschen entsprechen zu können. „Eine Steuer auf alle Börsentransaktionen in Höhe von 0,005 Prozent würde jährlich allein 33 Milliarden Euro generieren“, sagte Philippe Douste-Blazy. Der Vorsitzende von UNITAID erachtet die Einführung dieser „Robin Hood tax“ als zwingend erforderlich für den sozialen Frieden.

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In Wien wurden Ideen vorgestellt, wie Hilfsgelder zu akquirieren sind und die Effektivität ihres Einsatzes zu steigern ist. Sie reichen von Preisreduktionen bei Arzneimitteln, Therapiebegleitung (zum Beispiel: Delegation ärztlicher Leistungen, weniger Laborkontrollen) bis zu geringen Aufpreisen beim mobilen Telefonieren sowie bei Sportveranstaltungen oder Flügen. Die Gesundheitsministerin von Lesotho kritisierte, dass es nicht zielführend sei, wenn die Hilfsorganisationen einem Entwicklungsland ihre Strukturen aufzwängen: „Parallelstrukturen funktionieren nicht, sie verursachen nur Kosten“, so Dr. Mphu Ramatlapeng: „Die Partner müssen sich an die Vorgaben von nationalen Gesundheitsplänen halten.“ So würden HIV-Infizierte in Lesotho in „primary care“-Einrichtungen und nicht in speziellen HIV-Centern versorgt.

Einig waren sich die Delegierten, dass in Bezug auf HIV solche präventive und therapeutische Maßnahmen priorisiert umgesetzt werden müssten, deren Effektivität bewiesen und die zugleich kostengünstig seien – wie die Circumcision und die Vermeidung der vertikalen Transmission. Um die HIV-Neuinfektions- und Todesraten langfristig zu senken, gelte es jedoch, möglichst viele Betroffene antiretroviral zu behandeln, „da diese Arzneimittel auch das Auftreten anderer Krankheiten wie Tuberkulose oder Herpesinfektionen verhindern“, betonte Julio Montaner, Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft, und fügte selbstkritisch hinzu: Forscher könnten klinische Studien mit weniger Teilnehmern, aber zielgerichteten Populationen aufsetzen und die Daten früher evaluieren. Die Behörden sollten den neuen Ideen aufgeschlossener gegenüberstehen, und die Industrie müsse direkte Vergleiche ihrer Produkte erlauben.


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