THEMEN DER ZEIT

Telemedizinprojekt: Unterstützung am Lebensende

Dtsch Arztebl 2010; 107(31-32): A-1516 / B-1346 / C-1326

Krüger-Brand, Heike E.

Hausnotrufzentrale der Johanniter: Das Ziel im Projekt „PAALiativ“ ist es, Krisensymptome so früh zu erkennen, dass sie gar nicht erst zur Krise werden. Foto: Johanniter

In Oldenburg wird erprobt, wie Technik dazu beitragen kann, palliativmedizinisch betreuten Menschen bis zuletzt ein Leben zu Hause zu ermöglichen.

Die meisten unheilbar kranken Menschen wollen die letzten Lebensmonate im gewohnten Umfeld und im Kreis ihrer Angehörigen verbringen, doch im Gegensatz dazu stirbt in Deutschland die Mehrzahl der Menschen im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Dies liegt unter anderem daran, dass der Aufbau der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung bundesweit nur schleppend vorankommt, so dass Angehörige, Hausärzte und Pflegedienste häufig zu wenig Unterstützung erhalten, um vor allem krisenhafte Situationen auch zu Hause bewältigen zu können. An dieser Stelle setzt das Forschungsprojekt „PAALiativ“ an mit dem Ziel, Hilfsmittel und Unterstützungsangebote für die häusliche Versorgung schwer kranker Menschen zu entwickeln und in die tägliche Begleitung zu integrieren (Kasten). Als Zielgruppe wurden Patienten ausgewählt, die an Lungenkrebs oder an chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) leiden.

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Nach einer mehrmonatigen Vorbereitungsphase unter anderem mit qualitativen Befragungen bei Patienten und Versorgern hat Anfang Juli 2010 die Umsetzung in die Praxis begonnen. Der Regionalverband Weser-Ems der Johanniter-Unfall-hilfe koordiniert das Projekt, die technische Leitung liegt beim Informatikinstitut OFFIS. Weitere Partner sind unter anderem das Institut für Palliative Care, das Palliativzentrum Oldenburg am Evangelischen Krankenhaus, das Pius-Hospital Oldenburg, drei onkologische Praxen und ein Pflegedienst.

„Wir verbinden mit dem Projekt die Palliativmedizin mit Ambient Assisted Living, also altersgerechten Assistenzsystemen in den eigenen vier Wänden“, erklärte Jochen Meyer von OFFIS. Dabei geht es nicht um eine besonders aufwendige Technik, sondern letztlich um ein Netzwerk, in dem technische Systeme in soziale Systeme des Patienten in dessen häuslicher Umgebung integriert werden.

Realisiert wird das über eine beim Patienten installierte webbasierte Hauskommunikationsplattform, die auf den Hausnotruf aufsetzt. Zu dieser Plattform haben alle Versorger, wie etwa Ärzte und Pflegedienst, sowie betreuende Angehörige und der Patient selbst Zugang und können dort ihre medizinisch-pflegerischen Daten eingeben. Auch Sensorsysteme zur Erfassung von Vitalparametern, wie zum Beispiel Blutdruck, können eingebunden werden. Über eine „Ampelschaltung“ wird die Krisenintervention gesteuert: Stellt sich die Ampel auf Rot, wird ein Notruf ausgelöst, und die Johanniter erhalten Zugriff auf den Rechner.

„Die Technik trägt dazu bei, allen Versorgern den gleichen Blick auf den Patienten zu gewähren, um schnell die richtigen Entscheidungen treffen zu können“, erläuterte Alexander Jüptner, Leiter der Hausnotrufzentrale der Johanniter-Unfallhilfe im Landesverband Niedersachsen/Bremen. Das Ziel: „Wir wollen Krisensymptome so früh erkennen, dass sie gar nicht erst zur Krise werden.“ COPD-Patienten leiden oft unter Atemnotattacken und Erstickungsanfällen. Viele dieser Patienten werden bei Krisen direkt ins Krankenhaus eingeliefert, sind aber kurze Zeit später bereits wieder zu Hause. Andere würden das Krankenhaus gerne schneller verlassen, fürchten sich jedoch
davor, bei einer erneuten Attacke nicht schnell genug beatmet zu
werden. Durch eine zeitnahe Intervention könnten unnötige stationäre Aufenthalte vermieden werden.

Darüber hinaus geraten auch die Angehörigen stärker in den Blick. „Aus unseren Befragungen haben wir gelernt, dass in Krisensituationen zunächst fast immer ein Angehöriger hilft. Angehörige wünschen sich für den Notfall klare Handlungsanweisungen, einen direkten Ansprechpartner sowie Rat und Hilfe bei weitergehenden Fragen“, sagte Jüptner. Hier gelte es, unterstützende Angebote für die Angehörigen zu schaffen, beispielsweise Kontakte zu Selbsthilfegruppen oder Beratungsstellen zu vermitteln.

Heike E. Krüger-Brand

Hintergrund

Unter dem Begriff Ambient Assisted Living (AAL) hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2008 ein Förderprogramm zum Thema „altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben“ initiiert (www.aal-deutschland.de). Im Rahmen der Hightechstrategie der Bundesregierung fördert das BMBF dabei 18 Projekte mit 45 Millionen Euro.

Im AAL-Forschungsprojekt „PAALiativ“ in Oldenburg werden intelligente technische Unterstützungsmöglichkeiten in der häuslichen Versorgung für Menschen in ihrem letzten Lebensjahr konzipiert und erprobt (www.paaliativ.de). Hierfür stellt das BMBF 1,5 Millionen Euro über drei Jahre bereit, die Partner bringen zusätzliche Eigenmittel in gleicher Höhe ein.

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