POLITIK: Aktuell

Allensbach-Studie: Wachsendes Vertrauen in Naturheilmittel

Dtsch Arztebl 1997; 94(39): A-2466 / B-2108 / C-1974

Häußermann, Dorothee

Immer mehr Bundesbürger verwenden im Krankheitsfall Naturheilmittel. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie, die das Allensbacher Institut für Demoskopie im Auftrag des Bundesfachverbandes der Arzneimittelhersteller (BAH) durchführte. 65 Prozent der Bevölkerung zählen heute zu Anwendern von Naturheilmitteln, 1970 waren es erst 52 Prozent.
Eine Umfrage, die das Allensbacher Institut unter 2 647 Befragten ab 16 Jahren durchführte, zeigt einen deutlichen Trend zu Naturheilmitteln. Besonders Frauen greifen verstärkt zu pflanzlichen Arneimitteln. 1970 gaben 55 Prozent der befragten Frauen an, Naturheilmittel zu verwenden, 1997 waren es schon 74 Prozent. Während Naturheilmittel früher vor allem bei älteren Menschen beliebt waren, finden sie heute auch immer mehr Anklang bei der jüngeren Generation. 54 Prozent aller 16- bis 29jährigen berichten, schon einmal zu pflanzlichen Arzneimitteln gegriffen zu haben, 1970 waren es erst 36 Prozent. Allerdings würden sich bei ernsthaften Krankheiten nur drei Prozent der Menschen, die Naturheilmittel verwenden, ausschließlich auf diese verlassen. Natürliche Arzneimittel dienen der Studie zufolge eher dazu, leichtere Erkrankungen wie Erkältungen und Verdauungsbeschwerden zu lindern. Sie werden vorwiegend, sowohl bei leichteren als auch bei schwereren Erkrankungen, als Begleitmedikation eingesetzt.
Die wachsende Beliebtheit von Naturheilmitteln führt das Institut unter anderem auf den steigenden Trend zur Selbstmedikation zurück. Die Neigung, schon bei leichten Befindlichkeitsstörungen zum Arzt zu gehen, sei rückläufig. Dem entspreche, daß der Großteil der Naturheilmittel ohne ärztliches Rezept gekauft wurde. Nur 22 Prozent der Befragten berichten, daß ihnen die Naturheilmittel, die sie in letzter Zeit verwendet haben, vom Arzt verschrieben wurden. 56 Prozent geben an, die Medikamente selbst gekauft und bezahlt zu haben, 21 Prozent hatten sie teilweise selbst gekauft.
Ein weiterer Grund, warum immer mehr Bundesbürger Naturheilmittel verwenden, ist der Studie zufolge das wachsende Mißtrauen in chemische Medikamente. Die Gefahr ihrer schädlichen Nebenwirkungen schätzen 84 Prozent der Befragten als "mittel" bis "groß" ein. Im Gegensatz dazu werden Naturheilmittel von den meisten für harmlos gehalten.
Ein großer Teil der Naturheilmittelverwender ist der Meinung, daß diese Naturheilmittel auch in Zukunft auf Kassenrezept verschrieben werden sollen. 75 Prozent der Befragten halten die Erstattungsfähigkeit für "wichtig" oder "sehr wichtig". Die Mehrheit der Befragten glaubt zudem, daß dem Arzt die Entscheidung überlassen bleiben sollte, ob er ein bestimmtes Arzneimittel zu Lasten der Krankenkasse verschreiben will oder nicht. Nur 18 Prozent sprechen sich gegen die Therapiefreiheit des Arztes aus.
Klares Votum
für Therapiefreiheit
Die Bevölkerung mißt laut Allensbacher Institut dem Erfahrungswissen große Bedeutung zu. 61 Prozent der Befragten sind der Auffassung, daß Naturheilmittel aufgrund der Erfahrung von Ärzten und Patienten verordnet werden könnten, selbst wenn ihre Wirkungen nicht wissenschaftlich nachgewiesen seien. Aus der Studie zeichne sich ab, daß eine Schlechterstellung von Naturheilmitteln im Vergleich zu chemischen Arzneimitteln von der Mehrheit der Bevölkerung nicht gewünscht werde. Es herrsche ein positives Meinungsklima für Naturheilmittel: 41 Prozent der Befragten sind der Überzeugung, daß diese in der Zukunft eine immer stärkere Verbreitung finden werden. Dorothee Häußermann
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