POLITIK

Pflegebranche: Jobmotor mit schlechtem Image

Dtsch Arztebl 2010; 107(33): A-1553 / B-1385 / C-1365

Hibbeler, Birgit

Für die meisten jungen Menschen ist der Pflegeberuf nicht gerade ein Traumjob. Foto: ddp

In kaum einem anderen Wirtschaftssektor entstehen so viele neue Arbeitsplätze wie in der Pflege. Trotzdem gilt der Bereich unter Schulabgängern als unattraktiv.

Die Pflegebranche wächst rasant. Nach einer Studie des WifOR-Instituts der Technischen Universität Darmstadt entstehen in kaum einem anderen Wirtschaftssektor in Deutschland so viele neue Arbeitsplätze. Zwischen 1996 und 2008 ist die Zahl der Beschäftigten um circa 50 Prozent gestiegen.

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„Die Pflegebranche ist der Wachstums- und Beschäftigungstreiber in Deutschland“, sagt Studienautor Dennis Ostwald. Für die Berechnungen wurden die Bereiche Alten- und Krankenpflege herangezogen sowie Einrichtungen für werdende Mütter und Behinderte. Speziell in der Alten- und Krankenpflege rechnen die Wissenschaftler künftig mit vielen neuen Stellen. Das deckt sich mit der Einschätzung des Instituts der Deutschen Wirtschaft: Allein in der Altenpflege werde sich die Zahl der Arbeitsplätze bis 2050 verdreifachen.

Der Bedarf steigt. Doch Pflegefachkraft zählt nicht gerade zu den Traumberufen von Schulabgängern. Daran haben auch unzählige Imagekampagnen nichts geändert. Ein wichtiger Schritt, um den Pflegebereich aufzuwerten, ist aus Sicht von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) der neue gesetzliche Mindestlohn. Man brauche motiviertes Fachpersonal, betont von der Leyen. „Das geht nicht ohne angemessene Entlohnung.“

Mindestlohn seit 1. August

Die Lohnuntergrenze für Mitarbeiter von Pflegeheimen und ambulanten Diensten beträgt im Westen 8,50 Euro, im Osten 7,50 Euro. Sie gilt seit Anfang August, und zwar für Beschäftigte, die die Grundpflege übernehmen. Eine wesentliches Motiv für die Einführung des Mindestlohns: Ab Mai 2011 gilt in der Europäischen Union (EU) die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit. Die Pflegeanbieter hatten befürchtet, ausländische Firmen könnten hierzulande Pflege zum Billigtarif anbieten. Die nun vereinbarte Lohnuntergrenze gilt auch für Unternehmen aus dem Ausland.

Aber führt der Mindestlohn wirklich zu einer Aufwertung der Pflege? Zum Vergleich: Bei Dachdeckern einigte man sich auf 10,60 Euro. Für Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerats (DPR), handelt es sich zunächst einmal um eine Entscheidung, die wegen der EU-Rahmenbedingungen notwendig war. Grundsätzlich sei der Mindestlohn zu begrüßen. Er betreffe aber Hilfskräfte – nicht die Pflegefachkräfte. Deren Tarifgehalt sei deutlich höher. „Das wird in der Öffentlichkeit aber nicht differenziert dargestellt“, kritisiert Westerfellhaus. Er befürchtet deshalb, dass die Diskussion um den Mindestlohn junge Menschen, die sich für eine Ausbildung in der Pflege interessieren, eher abschreckt.

Damit der Pflegeberuf attraktiver wird, ist nach Meinung des DPR-Präsidenten ein Bündel von Maßnahmen erforderlich. Dazu zählen neben der angemessenen Bezahlung und einem Bürokratieabbau auch gesundheitsfördernde Maßnahmen für die Mitarbeiter. Überfällig sei außerdem eine Ausbildungsreform. Der DPR plädiert für eine gemeinsame Grundausbildung von Kranken-, Alten-, und Kinderkrankenpflegern mit anschließender Schwerpunktbildung.

Auf eine Reform der Pflegeausbildung hatten sich Union und FDP bereits im Koalitionsvertrag verständigt. Eckpunkte für ein neues Berufsgesetz sollen im März 2011 vorliegen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der SPD-Faktion hervor. Nach Ansicht des DPR geht es aber nicht nur um eine Reform der Ausbildung. Um die Arbeit in der Pflege aufzuwerten, müssten auch die Aufgabenfelder neu bestimmt werden. „Es geht um die Frage: Wer darf in diesem System mit welcher Qualifikation was machen?“, sagt Westerfellhaus.

Dr. med. Birgit Hibbeler

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