POLITIK

Organspende: Erneute Debatte um die Widerspruchsregelung

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A-1668 / B-1480 / C-1460

Richter-Kuhlmann, Eva

Ob dem Organmangel mit einer Gesetzesänderung beizukommen ist, bleibt ungewiss. Denn nicht aus Bequemlichkeit, sondern aufgrund von Ängsten sind viele Menschen nicht zu einer Spende bereit.

Die Nierenspende des SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier an seine Frau war mehr als ein persönlicher Akt der Nächstenliebe. Sie entfachte gleichzeitig eine gesellschaftliche Debatte über die Organspende. Mehr und mehr in den Fokus der Diskussion gelangt dabei ein Begriff: die Widerspruchslösung. Momentan gilt hierzulande die „erweiterte Zustimmungslösung“. Dabei dürfen Hirntoten Organe nur dann entnommen werden, wenn der Betroffene vorab oder die Angehörigen ausdrücklich einer Entnahme zustimmen. Geregelt ist dies im Transplantationsgesetz.

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Jeder Bürger könnte ein potenzieller Spender sein

Mittlerweile mehren sich die Stimmen, die für eine Gesetzesänderung und die Einführung der Widerspruchslösung plädieren. Bei einer solchen Regelung gilt jeder Bürger als potenzieller Spender, der zu Lebzeiten nicht ausdrücklich einer Organentnahme widersprochen hat. So kündigte jüngst der Obmann der Unionsfraktion im Gesundheitsausschuss, Dr. med. dent. Rolf Koschorrek (CDU) an, für die Widerspruchsregelung kämpfen zu wollen. Dies sei „eine Möglichkeit, die Versorgung mit Spenderorganen hierzulande entscheidend zu verbessern“, meint er.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) zeigt sich indes zurückhaltend. „Ich halte nichts von Zwang“, erklärt er. Damit entkräfte man Vorbehalte nicht, sondern baue emotionale Hürden auf. Eine Organspende könne nur freiwillig geschehen. Mitstreiter findet Koschorrek jedoch bei anderen Liberalen, wie beispielsweise bei Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die ebenfalls eine Gesetzesänderung fordert. Zudem wird er vom Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU), unterstützt, der „in Anbetracht des Mangels an Spenderorganen über alle Möglichkeiten offen diskutieren“ möchte.

Dies ist mittlerweile auch im Interesse der Ärzteschaft. Erst im Mai dieses Jahres hatte sich der Deutsche Ärztetag in Dresden überraschenderweise für die Einführung der Widerspruchslösung ausgesprochen. „Sie kann dazu beitragen, mehr Menschenleben zu retten“, bekräftigt angesichts der neuen Debatte Bundesärztekammerpräsident Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Wichtig sei allerdings, darauf zu achten, dass es mit der jetzt beginnenden Diskussion nicht wieder zu erheblichen Verunsicherungen der Bevölkerung und damit zu einem Rückgang der Spenderbereitschaft käme.

Diese Gefahr sieht Prof. Dr. Hans Lilie, Universität Halle, auch bei einer möglichen Einführung der Widerspruchslösung. „Unserer jüngsten Bevölkerungsumfrage zufolge würde sich die Spenderbereitschaft in diesem Falle nicht erhöhen, sondern sogar zurückgehen“, erklärt der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer dem Deutschen Ärzteblatt. Zudem hält der Jurist die Frage, ob Widerspruchslösung oder eine erweiterte Zustimmungslösung, gar nicht für das Kernproblem. „Viel entscheidender ist eine gute Koordination der Organspende in den entsprechenden Kliniken“, unterstreicht Lilie. Darauf – und nicht auf die Widerspruchslösung – sei auch die hohe Spenderbereitschaft in Spanien zurückzuführen.

In vielen Kliniken fehlt es an Personal und Zeit

In der Tat scheint bei der Durchführung von Organspenden in Deutschland noch ein großes Potenzial zu bestehen. So melden nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) einige Universitätskliniken relativ wenige Spender, obwohl sie aufgrund ihrer Patientenstruktur mehr potenzielle Spender aufweisen müssten. 2009 schwankte die Zahl der Organspenden je nach Uniklinik zwischen lediglich zwei und 20 Spenden.

Auch die Politik hat inzwischen erkannt, dass der Organspenderbereich an Krankenhäusern verstärkt gefördert werden muss. Zwar sind diese bereits gesetzlich verpflichtet, potenzielle Spender zu melden. Doch in vielen Kliniken fehlt es an Personal und Zeit. Die Regierungskoalition will deshalb im Bundestag eine Debatte über bundeseinheitliche Rahmenbedingungen für die Meldung von möglichen Organspenden anstrengen. Einer Initiative von Zöller, Koschorrek sowie der stellvertretenden FDP-Fraktionsvorsitzenden Ulrike Flach zufolge sollen künftig alle Krankenhäuser mit mehr als 100 Betten und einer Intensivstation mit Beatmungsplätzen dazu verpflichtet werden, Stellen beziehungsweise zusätzlich vergütete Arbeitszeit für einen ärztlichen Transplantationsbeauftragten bereitzuhalten.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

ORGANSPENDE 2009

Im vergangenen Jahr spendeten bundesweit 1 217 Menschen nach ihrem Tod ihre Organe. Die Zahl der Organspender pro eine Million Einwohner betrug 14,9; im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit im unteren Mittelfeld. Die Zahl der Transplantationen bundesweit betrug 4 050. Nach Angaben der DSO warten derzeit 12 000 Menschen auf ein Spenderorgan. Schätzungsweise 1 000 Patienten sterben Jahr für Jahr, während sie auf eine Transplantation hoffen.

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