THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Organtransplantation: Reflexhafter Schlagabtausch

Dtsch Arztebl 2010; 107(39): A-1857 / B-1629 / C-1605

Siegmund-Schultze, Nicola

Manchmal reicht ein Stichwort. Dann beginnt eine Diskussion in der Öffentlichkeit, die an das kurze Klappern eines aufgezogenen Blechspielzeugs erinnert. Jüngstes Beispiel: Die Nierenspende des SPD-Fraktionsvorsitzenden, Frank-Walter Steinmeier (54), an seine im Sommer kurz vor der Dialysepflichtigkeit stehende Ehefrau. Mit fast mechanistischer Reflexhaftigkeit wiederholten darauf einige Politiker und Ärzte die Forderung, das Transplantationsgesetz für die postmortale Organspende zu ändern: von der Zustimmungs- zur Widerspruchslösung.

Organspende in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken, ist grundsätzlich positiv. Aber die für eine präemptive Transplantation vorgesehene Nierenspende direkt mit einer grundrechtsrelevanten, politischen Forderung für die postmortale Organspende zu verknüpfen, grenzt an Populismus. In diesem Fall erzeugt die Verknüpfung, die sicher nicht von Steinmeier intendiert war, einen schlechten Eindruck: Sie suggeriert, die Lebendspende sei für einen aktiven und prominenten Politiker eine derartige Belastung, dass einer nicht ausreichend zur postmortalen Organspende willigen Bevölkerung nun die Sozialpflichtigkeit ihrer Organe auferlegt werden könne. Schweigen gilt bei der Widerspruchslösung als Zustimmung zur Organentnahme, Einverständnis also als „die Regel“. Derzeit muss es vom Verstorbenen vor Explantation bekannt sein oder von Angehörigen eingeholt werden.

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Eine präemptive Transplantation, wie im Fall der Politikergattin, führt in der Praxis nie zur Zuteilung eines postmortalen Organs, auch nicht in Ländern mit Widerspruchslösung und höheren Organspenderaten als unseren. Jeder Patient in Deutschland, der ein fremdes Organ haben möchte, muss auf die Warteliste. Auch für die Empfänger eines lebend gespendeten Organs heißt es in den Empfehlungen der Bundesärztekammer, sie müssten „rechtzeitig“ angemeldet werden, ohne dass „rechtzeitig“ konkretisiert wäre (DÄ, Heft 48/2000). Für Nierenkranke ist die bestehende oder in Kürze erforderliche Dialysebehandlung Voraussetzung für die Aufnahme in die Warteliste. Bei der Zuteilung aber ist die Wartezeit ein Kriterium, und sie beginnt mit dem ersten Tag der künstlichen Blutwäsche. Auch in den USA, wo Zentren, anders als in Deutschland, eine von zwei postmortal entnommenen Nieren autonom für eigene Patienten verwenden dürfen, ist die Nierenimplantation in einen nichtdialysierten Empfänger eine ausgesprochene Rarität.

2009 haben 600 Menschen in Deutschland eine Niere lebend gespendet – häufig, um einem nahestehenden Menschen die Dialyse zu ersparen und frühzeitig die Versorgung mit qualitativ besseren Organen zu ermöglichen, als es postmortal entnommene im Allgemeinen sein können. Der Gesetzgeber aber hat zum Schutz gesunder Menschen der postmortalen Organentnahme Vorrang gegenüber der Lebendspende gegeben (Subsidiarität). Die Zeit zwischen der Anmeldung zur Aufnahme in die Warteliste und dem Termin für die Lebendspende ist teilweise so kurz, dass die Chance für die Zuteilung eines post mortem explantierten Organs verschwindend gering ist.

Das Subsidiarität ist in der Praxis also nur zum Teil gegeben. Und Kritiker meinen, die Regelung könne zu einer suboptimalen Verwendung der Organe führen. Seit Inkrafttreten des Transplantationsgesetzes werde der Vorteil einer Übertragung lebend gespendeter Nieren zunehmend deutlich. Bevor man allerdings erwägt, die Bestimmungen zur Lebendorganspende zu lockern, sollte ein flächendeckendes Register für Spender und Empfänger eingerichtet werden, um künftig mit validen, nationalen Langzeitdaten über Chancen und Risiken aufklären zu können.

Die postmortale Spende aber bleibt der „Motor“ der Transplantationsmedizin: 86 Prozent der übertragenen Organe stammen von Hirntoten. Der eklatante Organmangel verstärkt möglicherweise allgemein den Druck zur Lebendspende. Aber auch in Österreich mit seiner Widerspruchslösung und deutlich mehr postmortalen Spendern pro Million Einwohner als bei uns stammen 15 Prozent der verpflanzten Nieren von Lebendspendern – Trend steigend (Deutschland: 21,6 Prozent).

Selbstverständlich gilt es, die postmortale Organspende zu fördern. Die Frage ist, welche Mittel zu welchem Zeitpunkt Priorität haben sollten. Der Deutsche Ärztetag hat sich in diesem Jahr für die Einführung der Widerspruchslösung ausgesprochen – nach einer Fünfminutendebatte ein echter „Schnellschuss“. Die Bundesärztekammer hat das Thema auf der Agenda.

„Die Möglichkeiten auf Basis der bestehenden Gesetze sind längst nicht ausgeschöpft“, meint Prof. Dr. med. Günter Kirste, medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation. „Bei einer optimalen Mitarbeit der Kliniken ließe sich Schätzungen zufolge die Zahl der Organspender verdoppeln – ohne Grundsatzdebatten über die Einschränkung der Individualrechte“, sagt Kirste. Die flächendeckende Etablierung von Transplantationskoordinatoren in für Organspende relevanten Kliniken, deren enge Zusammenarbeit mit Intensivmedizinern und eine angemessene Vergütung gehörten zum Optimierungspotenzial.

Es spricht vieles dafür, erst einmal Defizite auf bestehender Gesetzesgrundlage zu beseitigen, bevor die Widerspruchslösung debattiert wird.

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