POLITIK

Nobelpreis für Medizin: „Vater“ von vier Millionen Babys

Dtsch Arztebl 2010; 107(40): A-1896 / B-1664 / C-1636

Zylka-Menhorn, Vera; Siegmund-Schultze, Nicola; Leinmüller, Renate

Der Physiologe Robert G. Edwards hatte in den 1970er Jahren gemeinsam mit dem britischen Gynäkologen Patrick Steptoe die In-vitro-Fertilisation entwickelt.

Es war kurz vor 24 Uhr am 25. Juli 1978, als in Manchester (Großbritannien) Louise Brown auf die Welt kam: Der 2 600 Gramm schwere Säugling zog die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich, denn mit Louise war das erste „Retortenbaby“ geboren, auf Basis einer neuen Technik: der künstlichen Befruchtung der Frau. Heute leben weltweit circa vier Millionen Kinder dank dieser Pioniertat und der Weiterentwicklungen der in-vitro-Fertilisation (IVF).

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Mit der erfolgreichen Befruchtung im Reagenzglas läuteten der Physiologe Robert G. Edwards und der inzwischen verstorbene Gynäkologe Patrick Steptoe ein neues Zeitalter in der Behandlung unerwünschter Kinderlosigkeit ein. Am Montag wurde dem heute 85-jährigen Edwards der Nobelpreis für Medizin zugesprochen.

IVF heute in vielen Variationen

Bereits 1960 erwog der Physiologe die Zeugung eines Embryos in einem Reagenzglas: Edwards versuchte zunächst, Eizellen mit eigenem Sperma zu befruchten und zu kultivieren. Ab 1968 arbeitete er mit Steptoe zusammen. Um an Material zu gelangen, baten sie Frauen vor einer Hysterektomie um Geschlechtsverkehr. So hofften sie, Spermien zu erhalten, die in den weiblichen Reproduktionstrakt gelangt waren. Ethisch gesehen war das Vorgehen der beiden Mediziner diskussionswürdig. Edwards verteidigte sich aber damit, er respektiere das Recht seiner Patienten, eine eigene Familie gründen zu können.

In den Jahren 1972 bis 1974 wurden erstmals Embryonen in Frauen transferiert, aber Schwangerschaften blieben aus. 1976 erreichten Edwards und Steptoe das erste Mal eine Eileiterschwangerschaft. 1977 gelang dann die erste künstliche Befruchtung einer Frau: der Mutter von Louise Joy Brown. Edwards versuchte auch als erster Forscher, überzählige Embryonen zu kryokonservieren.

Zu den Therapieformen der assistierten Reproduktion gehören heute neben der IVF die intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) und die testikuläre Spermienextraktion (TESE). „Im Prinzip wird überall auf der Welt dieselbe Methode der In-vitro-Fertilisation angewendet“, erläuterte Edwards anlässlich seines Besuchs der EXPO 2000 in Deutschland. „Die ICSI zum Beispiel ist eine sehr nützliche Variante. Und es gab damals wie heute sehr wenig Fehlgeburten nach IVF.“

Robert G. Edwards studierte Biologie an der Universität in Wales und später im schottischen Edinburgh. Nach dem Studium begann er seine Forscherlaufbahn am Londoner National Institute for Medical Research. Ab 1963 arbeitete er in Cambridge an der Bourn Hall Clinic, dem weltweit ersten IVF-Zentrum. Heute ist der 85-Jährige emeritierter Professor der Cambridge-Universität. Foto: picture-alliance

Die Verleihung des Medizin-Nobelpreises an Robert G. Edwards wird von Reproduktionsmedizinern als ein Meilenstein in der Behandlungsform ungewollt kinderloser Paare gesehen. „Gerade für Deutschland, wo die IVF lange ein Schattendasein geführt hat, ist dies von ganz besonderer Bedeutung“, sagte Dr. med. Georg Döhmen (Mönchengladbach), stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin zum Deutschen Ärzteblatt. „Ich würde mir wünschen, dass dieser Nobelpreis die aktuellen Bemühungen in Deutschland unterstützt, die Methoden der IVF weiter optimieren zu können.“ Konkret meint Döhmen damit zum Beispiel die in Deutschland verbotene Eizellspende für Frauen mit Kinderwunsch, bei denen die Verwendung eigener Eizellen nach einer Krebsbehandlung zum Beispiel nicht möglich oder mit erhöhten Risiken assoziiert ist. Die Samenspende dagegen ist erlaubt, was angesichts des Gleichbehandlungsgrundsatzes kritisch diskutiert wird.

Auch werden im Allgemeinen zwei bis drei Embryonen verpflanzt, so dass es bei circa 20 Prozent der Schwangerschaften Mehrlinge gibt. Ist eine Mehrlingsschwangerschaft mit hohem Risiko für die Mutter verboten, reduzieren die Ärzte die Feten (selektiver Fetozid) – ein ethisch-moralisches Problem, mit dem die verschiedenen Länder unterschiedlich umgehen.

Ethische Bedenken

Auch James Watson, der 1962 den Nobelpreis für seine Entdeckung der Doppelhelixstruktur der DNA erhielt, gehört zu den Kritikern. Er warf Edwards 1970 vor, er müsse für seine Forschungen die Kindstötung akzeptieren. Anders sieht es das Nobelkomitee, das zur ethischen Debatte keine Aussagen treffen wollte: „Edwards musste auch starken Widerstand des Establishments überwinden“, sagte Christer Höög vom Nobelkomitee des Karolinska-Instituts. Die Akademie verweist vielmehr darauf, dass mehr als zehn Prozent aller Paare weltweit von Unfruchtbarkeit betroffen sind.

In Deutschland kam das erste Retortenbaby im April 1982 in Erlangen auf die Welt. Bis in die 90er Jahre fanden die meisten In-vitro-Fertilisationen an Universitätskliniken statt. Inzwischen gibt es rund 120 Kliniken und Fachzentren, die In-vitro-Fertilisationen anbieten. Sie führen jährlich etwa 70 000 Behandlungen durch, 2007 wurden
11 500 Kinder nach künstlicher Befruchtung geboren. Ärzte und Paare wünschen sich, es wären mehr. Derzeit liegt die „Baby-take-home-Rate nach IVF bei 20 bis 22 Prozent, die Schwangerschaftsrate über alle Altersgruppen hinweg bei 28 Prozent, bei den 25- bis 30-jährigen Frauen allerdings bei 35 Prozent.

Die angeblich geringe Erfolgsrate ist immer schon eine Kritik an der IVF gewesen. „Ich antworte darauf: Die menschliche Reproduktion ist nicht sehr effektiv“, erklärt Edwards: „Wenn sich junge Paare ein Kind wünschen und häufig miteinander schlafen, beträgt die Konzeptionsrate pro Zyklus höchstens 20 Prozent. Es gibt also natürliche Grenzen. Wir haben damals mit einer Geburtenrate von fünf Prozent angefangen, und die hat sich inzwischen doch erhöht.“

Zu den in Deutschland intensiv debattierten Möglichkeiten der IVF gehört die Präimplatantationsdiagnostik (PID). Dabei wird ein Embryo vor der Implantation auf seine genetischen Eigenschaften untersucht. Bei Erbanlagen für Muskeldystrophie Duchenne, Mukoviszidose, Fragiles-X-Syndrom oder Trisomie 21 zum Beispiel lassen Ärzte in anderen Ländern, in denen die PID erlaubt ist, die entsprechenden Embryonen gezielt im Labor absterben. Die PID ist für viele Ärzte, auch für die Bundesärztekammer, unter bestimmten Umständen akzeptabel, galt aber bislang nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz als verboten. Der Bundesgerichtshof aber kam im Juli dieses Jahres zu dem Schluss, das Gesetz erlaube die PID an pluripotenten Zellen. „Für uns Ärzte wäre es nun wichtig, dass hier Klarheit geschaffen wird, damit wir uns nicht in einer juristischen Grauzone bewegen müssen“, betont Döhmen.

Die IVF kann als eine Brückentechnologie gesehen werden. Es waren viele Fragen zu klären: wie die der Eizellreifung, ihrer Gewinnung und der notwendigen Kulturbedingungen. Die Reproduktionsmedizin ist heute ein komplexes Fachgebiet, das weit in Bereiche wie die Geburtshilfe, die Onkologie und die Endokrinologie hineinreicht.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Dr. rer. nat. Renate Leinmüller

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