WIRTSCHAFT

Arzneimittelindustrie: Warten auf das Biotech-Wunder

Dtsch Arztebl 2010; 107(40): A-1940 / B-1697 / C-1669

Prenzel, Petra

Zehn Jahre nach dem Gründungsboom in der deutschen Biotechnologiebranche sind erst acht Medikamente zugelassen.

Es klang nach einer wissenschaftlichen Sensation: Am 6. April 2000 gab der amerikanische Biochemiker Craig Venter bekannt, er habe das menschliche Erbgut entschlüsselt. Die Euphorie erfasste auch deutsche Forscher. Sie gründeten Biotechnologieunternehmen und fanden ebenso begeisterte Finanziers. „Allein im Boomjahr 2000 nahmen deutsche Biotechnologieunternehmen mehr als eine halbe Milliarde Euro an Risikokapital auf – mehr als dreimal so viel wie im Vorjahr. Dieser Wert wurde seitdem nie wieder erreicht“, sagt Marion Jung. Die promovierte Molekularbiologin ist Beteiligungsmanagerin bei Earlybird, einem Technologieinvestor, der sich auf frühe Unternehmensphasen spezialisiert hat. Zusätzlich stellt die deutsche Bundesregierung von 2001 bis 2005 mehr als 980 Millionen Euro für Biotechnologieprojekte bereit. Mit Hilfe der Kenntnis aller menschlichen Gene sollte der Ursprung bislang unzureichend therapierbarer Erkrankungen gefunden werden.

Mit Hochdruck erforschen die Biotechunternehmen neue Wirkstoffe beziehungsweise prüfen, welche Wirkstoffkandidaten Potenzial besitzen (hier in einem Bioreaktor) – der große Durchbruch steht aber noch aus. Foto: mauritius images
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Die Bilanz fällt heute ernüchternd aus: Gerade einmal acht Medikamente hat die deutsche Biotechnologiebranche bisher hervorgebracht – davon wurde nur ein einziges Medikament tatsächlich vom Labor bis zur Marktzulassung entwickelt. Es ist ein Wirkstoff für die Krebstherapie, den die Münchener Firma Trion mit finanzieller Unterstützung der Fresenius-Gruppe entwickelt hat. Die anderen zugelassenen Medikamente wurden zum Teil in fortgeschrittenem Stadium einlizenziert oder von Pharmafirmen übernommen. „Sicherlich wurde die Zeitdauer von der Entwicklung eines Medikaments bis zur Markteinführung von vielen unterschätzt“, meint Elmar Kraus, Biotechexperte bei der DZ-Bank.

Seit der Finanzkrise fehlt das Risikokapital

Die Mehrzahl der Firmen schreibt noch immer rote Zahlen. Immerhin konnten die börsennotierten deutschen Unternehmen ihre Verluste durch Produktverkäufe und lukrative Allianzen im vergangenen Jahr um 37 Prozent auf insgesamt 150 Millionen Euro verringern, schreibt das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Ernst & Young in einer aktuellen Studie. Die Verlustbilanz der privaten Unternehmen sei dagegen, aggregiert um 13 Prozent, auf insgesamt 270 Millionen gestiegen. Viele private Firmen stünden mit dem Rücken zur Wand. „Die Biotechbranche hat im vergangenen Jahr stark unter der Wirtschafts- und Finanzkrise gelitten. Venture Capital als klassisches Instrument für die Bereitstellung von Beteiligungskapital ist als Finanzierungsquelle in Deutschland fast vollständig ausgetrocknet“, erläutert Siegfried Bialojan, Leiter des European Life Science Center von Ernst & Young. Andererseits hätten sich die pessimistischen Prognosen mancher Analysten, die von einem massiven Einbruch bei der Anzahl der Biotechunternehmen im Laufe des Jahres 2009 ausgegangen waren, nicht bestätigt. „Jetzt gelten neue Spielregeln“, erklärt Bialojan das Phänomen. Die Biotechunternehmen hätten gelernt, das verfügbare Kapital effizienter einzusetzen. Außerdem gebe es eine Reihe von Investoren, die sich der Biotechnologie als Herzensangelegenheit angenommen hätten, sagt DZ-Bank-Experte Kraus. „Diese Personen werden weiterhin da sein, davon gehe ich aus“, meint er. Zu den privaten Investoren zählen unter anderem die Hexal-Gründer Thomas und Andreas Strüngmann sowie der SAP-Mitgründer Dietmar Hopp.

Erfolgreiche Kooperationen mit der Pharmabranche

Erfolgreich sind vor allem diejenigen Biotechunternehmen, die Kooperationen mit der Pharmabranche eingegangen sind. Schon heute stammten 25 bis 55 Prozent der in der Entwicklung befindlichen Pharmaprodukte aus Lizenzvereinbarungen oder aus Partnerschaften mit oftmals kleinen Biotechnologieunternehmen, erklärt Jung.

Das Hamburger Unternehmen Evotec zum Beispiel kooperiert unter anderem mit Roche, Boehringer Ingelheim, Novartis und Ono Pharmaceutical. Das 1993 gegründete Unternehmen sieht sich als Allrounddienstleister für die präklinische Forschung der Pharmaindustrie und prüft, welche Wirkstoffkandidaten Potenzial besitzen. Das erste Halbjahr 2010 ist so gut gelaufen wie nie zuvor in der Unternehmensgeschichte: Evotec erwirtschaftete einen kleinen Gewinn in Höhe von 300 000 Euro. Grund dafür sind hohe Prämienzahlungen der Partner Genentech und Boehringer Ingelheim, die den Umsatz um 33 Prozent nach oben trieben. Unternehmenschef Werner Lanthaler hat im August die Umsatzprognose für das gesamte Jahr auf 52 bis 54 Millionen Euro angehoben, das entspräche einem Anstieg um mehr als 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Jahr 2012 will das Unternehmen dann zum ersten Mal auch auf Jahressicht schwarze Zahlen schreiben. Trotz der guten Entwicklung ist die Krise auch an Evotec nicht spurlos vorbeigegangen: Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung wurden in den ersten sechs Monaten um 82 Prozent auf 2,9 Millionen Euro gekürzt. Evotec beschäftigt circa 350 Mitarbeiter. Die Aktien des Unternehmens sind im TecDAX gelistet und werden am Nasdaq Global Market gehandelt.

Das dem Umsatz nach erfolgreichste deutsche Biotechunternehmen ist Qiagen aus Hilden. Qiagen startete als reiner Laborzulieferer und ist nun ein wichtiger Diagnostikaanbieter, der zum Beispiel Gentests verkauft. Im Jahr 1996 ging Qiagen als erstes deutsches Life-Science-Unternehmen an die US-Technologiebörse Nasdaq. Im Jahr darauf wurde es in das Marktsegment des Neuen Markts aufgenommen, seit 1998 notiert die Aktie des Unternehmens im TecDAX. In den vergangenen drei Jahren hat Qiagen sowohl seinen Umsatz als auch seinen Gewinn in etwa verdoppelt. Im zweiten Quartal dieses Jahres stieg der Umsatz um neun Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 263 Millionen Euro, der Nettogewinn erhöhte sich auf 38,5 Millionen US-Dollar. „Die Geschichte von Qiagen ist eine Er-
folgsstory“, sagt Kraus.

Auch Morphosys aus Martinsried bei München zählt zu den großen Namen der deutschen Biotechbranche und schreibt dank zahlreicher Kooperationen bereits schwarze Zahlen. Das 1992 gegründete Unternehmen hat sich auf die Synthetisierung von Antikörpern spezialisiert und verfügt über eine riesige Datenbank, in der mehr als 45 Milliarden humane Antikörpervarianten gespeichert sind. Das ist mehr als das Zwanzigfache der durchschnittlichen Anzahl von zwei Milliarden Antikörpern im menschlichen Blut. Wie wertvoll diese Bibliothek ist, zeigt die Bereitschaft des schweizerischen Pharmakonzerns Novartis, dem Unternehmen für eine auf zehn Jahre angesetzte Kooperation jährlich 40 Millionen Euro zahlen zu wollen. Seitdem gibt es Gerüchte, Novartis könnte Morphosys übernehmen. Im ersten Quartal dieses Jahres stieg der operative Gewinn gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 4,2 auf 4,7 Millionen Euro. Der Umsatz erhöhte sich um acht Prozent auf 20,6 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr erwartet Morphosys einen Umsatz bis zu 93 Millionen Euro sowie einen operativen Gewinn bis zu neun Millionen Euro. Die Aktie von Morphsys wird im TecDAX gehandelt.

Noch in den roten Zahlen steckt Medigene. Allerdings konnte das Unternehmen den Verlust im ersten Halbjahr dieses Jahres um 60 Prozent auf 3,3 Millionen Euro verringern. Der Umsatz kletterte um ein Viertel auf 25,2 Millionen Euro – vor allem dank steigender Erlöse mit dem Krebsmedikament Eligard und der Genitalwarzensalbe Veregen. Das 1994 gegründete Unternehmen aus Martinsried bei München konzentriert sich auf die Erforschung und Entwicklung innovativer Medikamente gegen Krebs- und Autoimmunkrankheiten. Medigene hatte als erste deutsche Biotechnologiefirma Medikamente auf den Markt gebracht und diese über Partner vertrieben. Auch Medigene ist im TecDAX gelistet. In der Forschungspipeline befinden sich zurzeit Wirkstoffe zur Behandlung von rheumatoider Arthritis, therapeutische Impfstoffe und sogenannte onkolytische Viren. Das sind gentechnisch veränderte Herpes-simplex-Viren, die sich ausschließlich in Tumorzellen vermehren und diese zerstören. Große Hoffnungen setzt das Unternehmen in seinen Medikamentenkandidaten „EndoTAG“ gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs. „Wir konnten mit unserer kontrollierten Phase-II-Studie bereits sehr positive Ergebnisse veröffentlichen“, sagt der Vorstandsvorsitzende, Frank Mathias.

Gut gefüllte Produktpipeline macht Hoffnung

Die Aussichten der deutschen Biotechbranche zu beurteilen, fällt nicht leicht. „Die Konsolidierungswelle könnte zeitverzögert noch gravierender zuschlagen“, schreiben Ernst & Young in ihrer Studie, „es könnten aber auch neue Impulse der allgemeinen Wirtschaftserholung eine Rolle spielen.“ Etwas optimistischer zeigt sich Beteiligungsmanagerin Jung: „Auch wenn erst wenige von deutschen Biotechfirmen entwickelte Produkte eine Marktzulassung erreicht haben, die Produktpipeline der Firmen ist gut gefüllt und braucht sich im internationalen Vergleich nicht zu verstecken. Gut Ding will eben Weile haben.“

Petra Prenzel

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