KULTUR

„uncle boonmee“: Ein Sterben ohne Hast

Dtsch Arztebl 2010; 107(43): A-2119 / B-1841 / C-1813

Osterloh, Falk

Foto: Sayombhu Mukdeeprom

Der diesjährige Cannes-Gewinner lädt ein zu einer mystischen Reise an das Ende des Lebens – und webt ein tröstliches Märchen vom friedvollen Sterben.

Von 100 Filmen, die in deutschen Kinos laufen, stammen 99 aus den USA und der EU. Wie der Rest der Welt Filme macht, erscheint deutschen Kinogängern daher bisweilen als sonderbar. Wenn der nierenkranke Uncle Boonmee auf seinem Landgut im Norden Thailands zum Beispiel beim Abendessen Besuch von einem Affenmenschen erhält, der einmal sein Sohn war, wirkt das auf uns eher ungewöhnlich. Noch weit ungewöhnlicher wirkt es, wenn sich auch der Geist seiner Frau dazugesellt und diese Tischgemeinschaft ernsthaft und in ausgesprochen emotionsarmer Intonation über die kleinen Sorgen des Alltags plaudert. Doch wenn sich Boonmees Familie auf eine Reise durch den thailändischen Urwald begibt, wenn Onkel Boonmee schließlich in einer Höhle sein Leben unter Erinnerungen und Fantasien abrundet, dann tritt auch bei europäischen Zuschauern die Verwunderung zurück und wird zum Staunen.

Anzeige

Apichatpong Weerasethakul – so fremdartig wie der Name des thailändischen Regisseurs wirkt vielfach auch sein Film „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“. Doch gerade vom Fremden kann man bekanntlich am meisten lernen, weil es eine andere Perspektive auf ein bekanntes Bild ermöglicht. In vielen westlichen Industrieländern erscheinen die Sterbenden vielfach entwurzelt, wenn ihre Ängste und Ahnungen in den letzten Lebensmomenten ohne Resonanzraum von Linoleumböden oder Kalkwänden widerhallen.

„Uncle Boonmee“ hingegen ist ein Plädoyer für ein Sterben ohne Hast. Und ein Plädoyer für eine Sterbebegleitung, die das Sterben zulässt. Zum Schluss wird dann deutlich, dass der Film auch für westliche Betrachter nicht nur fremdartig, sondern gleichermaßen hochaktuell ist. Und ein Satz bleibt, an Boonmee gerichtet, als Metapher für den gesamten Film im Gedächtnis: „Vielleicht brauchen deine Augen ein wenig Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen.“ Der Film läuft zurzeit in den deutschen Kinos.

Falk Osterloh

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige