MEDIEN

DVD: „Wenn Ärzte töten“

Dtsch Arztebl 2010; 107(45): A-2240 / B-1937 / C-1905

Kösegi, Johannes

Mit dem hippokratischen Eid verpflichten die Ärzte sich dazu, alles dafür zu tun, um Leben zu erhalten. Vor nicht allzu langer Zeit gab es in Deutschland viele Ärzte, denen ihr Eid auf Adolf Hitler mehr zählte. Fast die Hälfte der damals 90 000 deutschen Ärzte war in der NSDAP. In der Zeit von 1933 bis 1945 wurden über 300 000 Menschen gegen ihren Willen sterilisiert. In Heil- und Pflegeanstalten wurden 70 000 Erwachsene und 5 000 Kinder ermordet. In den Konzentrationslagern entschieden die Ärzte bei der „Selektion“ über das Schicksal der Opfer und missbrauchten mehr als 100 000 Menschen für medizinische Versuche. Wenn auch im Nürnberger Ärzteprozess 1946 einige der Haupttäter in Weiß zu Todes- und Haftstrafen verurteilt wurden, so kamen doch die meisten ungestraft davon und praktizierten nach dem Krieg weiter, als wäre nichts geschehen.

Frage nach Ethik und Moral

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Die beiden deutschen Filmemacher Hannes Karnick und Wolfgang Richter zeigen in ihrem Dokumentarfilm „Wenn Ärzte töten“ Ausschnitte aus wochenlangen Interviews mit dem US-amerikanischen Psychiater und Autor Robert Jay Lifton über die „psychologischen Abgründe“ von Ärzten. Der erstmals auf DVD erschienene Streifen beschränkt sich nicht nur auf die historischen Hintergründe, sondern wirft auch Fragen nach Ethik und Moral in der modernen Medizin auf.

Der heute 84-jährige Lifton wurde vor allem bekannt durch Studien über die psychologischen Hintergründe und Auswirkungen von Krieg, Genozid und politischer Gewalt. Seit mehr als 40 Jahren konfrontiert er die Öffentlichkeit mit seinen Erkenntnissen, wobei die Verstrickungen der Nazi-Ärzte einen Schwerpunkt bilden. Zu deren Erforschung nahm er sich etwa 80 Opfer und 40 Täter vor und unterzog sie einer psychoanalytischen Befragung. Dabei geht es um Fragestellungen wie Mord, Völkermord und das Zusammenleben der Menschen. Lifton gilt als Gründer der „Psychohistory“, einer Wissenschaft, die die inneren menschlichen Beweg- und Abgründe in ihrem historischen Kontext untersucht. Er erhielt zahlreiche Buchpreise und für die von ihm mitgegründete Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs“ 1985 den Friedensnobelpreis.

Trotz seiner Betroffenheit wahrt Lifton die wissenschaftliche Distanz und Objektivität. Er erläutert ausführlich, welche behutsame Taktik er als erfahrener Gesprächstherapeut anwandte, um die Täter nicht gleich mit ihren Verbrechen moralisch zu konfrontieren. Ausführlich geht Lifton auf das von den Nazi-Ärzten praktizierte Sterilisationsprogramm ein, das geradewegs in die Euthanasie führte. Bereits Kinder wurden mit Schlafmitteln getötet, um die „Volksgesundheit“ zu erhalten und durch Erbschäden entstandenes „unwertes“ Leben vom Volk fernzuhalten. So wurden aus den zum Heilen ausgebildeten Ärzten Mörder. Nach den vielen Gesprächen hat sich bei Lifton die Erkenntnis durchgesetzt, dass das größte Menschenvernichtungslager in Auschwitz wie ein anderer Planet war. Die Ärzte entschieden in diesem „Pseudo-Krankenhaus“ am Schreibtisch über Leben und Tod, die „Dreckarbeit“ in den Gaskammern mussten andere erledigen. Als Psychoanalytiker diagnostiziert er bei diesen Ärzten eine Persönlichkeitsspaltung. In einem „faustischen“ Pakt hätte sich bei ihnen ein „Auschwitz-Selbst“ herausgebildet. Eine klare Trennung zwischen Gut und Böse sei dabei nicht mehr möglich. Die Grenze zwischen Ethik und Wahn scheint aufgehoben. Doch am Ende sieht Lifton trotz aller Wut und Zerstörung eine Möglichkeit der Hoffnung.

Nach monatelanger Arbeit wurde für die Macher immer deutlicher, dass die Bilder, die Lifton in den Köpfen der Zuschauer erzeugt, stärker sind als alles, was darüber hin- aus gedreht wurde. So entstand ein Film, der in seinen filmischen Mitteln zwar reduziert ist, dessen bedrückende Wahrheit und Aktualität sich dem Zuschauer aber umso differenzierter und vielfältiger erschließt, unterstützt und kommentiert durch die bewusst einfach gehaltene Filmmusik von Jan Tilman Schade.

Sehenswerte Extras zum Film

Um die Authentizität zu wahren, gibt es auf der DVD keine Synchronspur, sondern nur deutsche Untertitel. Interessante Extras erweitern die Filmdauer noch einmal um die Hälfte. So gibt es Gespräche mit den Filmemachern, mit Robert Jay Lifton und seiner Frau Betty Jean. Ein historisches Tondokument lässt einen Zeugen im Frankfurter Auschwitz-Prozess zu Wort kommen. Erhältlich ist dieser außergewöhnliche Dokumentarfilm über www.absolutmedien.de oder im Fachhandel. Johannes Kösegi

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