MEDIZIN: Originalarbeit

Wie schätzen Allgemeinmediziner die Risiken durch elektromagnetische Felder ein?

The Views of Primary Care Physicians on Health Risks From Electromagnetic Fields

Dtsch Arztebl Int 2010; 107(46): 817-23; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0817

Berg-Beckhoff, Gabriele; Heyer, Kristina; Kowall, Bernd; Breckenkamp, Jürgen; Razum, Oliver

Hintergrund: Ziel dieser Untersuchung ist es, die Einstellung von Allgemeinmedizinern zu den gesundheitlichen Risiken elektromagnetischer Felder (EMF) zu erfassen und die Behandlung des Themas in Arzt-Patient-Gesprächen zu charakterisieren.

Methode: Deutschlandweit wurde eine 7-%-Stichprobe (N = 2 795) von Allgemeinmedizinern und praktischen Ärzten aus den Verzeichnissen der Kassenärztlichen Vereinigungen gezogen. 435 Ärzte (Rücklaufquote: 23,3 %) beantworteten einen vierseitigen postalisch versandten Langfragebogen und 456 (Rücklaufquote: 49,1 %) einen einseitigen Kurzfragebogen. Die Ärzte wurden befragt, wie sie gesundheitliche Risiken von EMF wahrnehmen und welche Erfahrung sie mit Patienten zu diesem Thema gemacht haben.

Ergebnisse: 61,4 % der Allgemeinmediziner gaben an, dass EMF als mögliche Ursache gesundheitlicher Beeinträchtigungen in Patientengesprächen schon mindestens einmal thematisiert worden waren. In 73,4 % dieser Konsultationen äußerte zunächst der Patient die Vermutung eines Zusammenhangs, der dann lediglich in 24,1 % der Fälle auch vom Arzt als plausibel erachtet wurde. In knapp der Hälfte der Konsultationen, in denen EMF als mögliche Ursache von Gesundheitsbeschwerden genannt wurden, wurde eine Schutzmaßnahme vorgeschlagen. Am häufigsten wurde den Patienten nahegelegt, elektrische Geräte zu entfernen, am zweithäufigsten, umzuziehen. Bei Wissensfragen zeigten sich bei den Interviewten erhebliche Kenntnislücken hinsichtlich der Eigenschaften und Risiken von EMF.

Schlussfolgerung: Konsultationen wegen EMF spielen eine bedeutende Rolle in Arztpraxen. Ein beträchtlicher Teil der Ratschläge der Allgemeinmediziner ist nicht evidenzbasiert und kann erhebliche Konsequenzen für den Patienten haben.

Die Frage nach gesundheitlichen Risiken durch elektromagnetische Felder (EMF) wird seit der Einführung des Mobilfunks immer wieder in der Öffentlichkeit diskutiert. Obwohl bis zum heutigen Zeitpunkt die gesundheitlichen Risiken noch nicht endgültig bewertet werden können, werden sie in den meisten Reviews auf der Basis der bisher vorliegenden Studien höchstens als „gering“ eingeschätzt (14). Dennoch spricht man in den Medien häufig von hohen Risiken (Zitat): „Neue Studien verwirren die Deutschen. Handystrahlen – Sind sie nun gefährlich oder nicht?“ (Bildzeitung vom 28.7.2009). Dies führt zu Verunsicherung und Besorgnis in der Bevölkerung. Gerade diese Verunsicherung wiederum ist – unabhängig von der Exposition gegenüber EMF – mit gesundheitlichen Risiken wie zum Beispiel Schlafstörungen assoziiert (5). Rund 27 % der deutschen Bevölkerung sind aufgrund der EMF des Mobilfunks um ihre Gesundheit besorgt und 9 % fühlen sich sogar durch EMF gesundheitlich beeinträchtigt (6).

Allgemeinmediziner sind häufig die ersten Ansprechpartner für Personen, die ihre Beschwerden auf die Exposition gegenüber EMF zurückführen (7). Die ärztliche Beratung zu umweltbedingten Risiken ist jedoch mit besonderen Schwierigkeiten verbunden (810). Patienten mit unspezifischen Symptomen kommen häufig mit vorgefassten Einstellungen zu Umweltexpositionen als potenziellen Krankheitsursachen zum Arzt und möchten diese vom ihm bestätigt wissen. Diese sogenannte Behandlungserwartung übersteigt den Behandlungsauftrag an den Arzt (11). Es ist schwierig, mit diesen voreingenommenen Patienten über andere potenzielle Krankheitsursachen zu sprechen. Neben der Bestätigung der selbstformulierten Diagnose erwartet der Patient häufig vom Arzt, dass dieser die allgemeine Umweltexposition nach deren Identifikation entfernt, beziehungsweise Alternativen zur Verbesserung der Lebenssituation aufzeigt (1114). Schließlich verlangt der Patient eine umfassende Aufklärung über Risiken und mögliche Lösungsstrategien, die aber zu einer weiteren Verunsicherung führen können (9, 15). Ferner kann die Beratungssituation dadurch erschwert sein, dass Patienten bereits eine lange „Patientenkarriere“ – verbunden mit verschiedenen Arztbesuchen und unterschiedlichen Diagnosen – hinter sich haben. Dadurch kann keine exklusive und verbindliche Beziehung zum behandelnden Arzt aufgebaut werden (13).

In der vorliegenden Studie wurden die Fragen untersucht, wie sich das Thema EMF für Allgemeinmediziner und Hausärzte im Praxisalltag darstellt, welche Einschätzungen und Einstellungen die Ärzte zu diesem Thema haben und wie sie die Arzt-Patienten-Interaktionen beurteilen.

Methode

Die Erhebung der Daten erfolgte im Zeitraum von März bis Mai 2008. Praktizierende Allgemeinmediziner und Hausärzte wurden über die Ärzteverzeichnisse der Kassenärztlichen Vereinigungen ermittelt. Im Folgenden wird der Begriff Ärzte für diese Gruppe der Allgemeinmediziner, Hausärzte und praktischen Ärzte genutzt. Diese Verzeichnisse enthalten die Namen nahezu aller ambulant tätigen Ärzte und deren Praxisadressen. 7-%-Stichproben dieser Allgemeinmediziner und praktischen Ärzte entsprachen einer Bruttostichprobe von N = 2 795 Praxisadressen. Aus jedem Ärzteverzeichnis der 17 Kassenärztlichen Vereinigungen wurde eine 7-%-Stichprobe gezogen: Einzelne Kassenärztliche Vereinigungen führten diese Stichprobenziehung für die Autoren durch, in den übrigen Fällen wurden die Stichproben aus den über das Internet zugänglichen Verzeichnissen mit Hilfe eines Zufallszahlengenerators gezogen. Zwei Drittel der Ärzte (n = 1 863) erhielten einen vierseitigen und ein Drittel (n = 928) einen einseitigen Fragebogen. Vier der angeschriebenen Arztpraxen existierten nicht mehr. Den Ärzten, die nicht geantwortet hatten, wurde nach vier Wochen die jeweilige Fragebogenvariante ein zweites Mal und der einseitige Fragebogen auch noch ein drittes Mal zugeschickt.

Der vierseitige Fragebogen umfasste vier Teilbereiche:

  • Wahrnehmung der EMF-Risiken durch die Ärzte
  • Erfahrungen mit EMF-Patienten (Arzt-Patienten-Interaktion)
  • Kenntnisstand und verwendete Informationsmedien
  • Informationsbedarf der niedergelassenen Ärzte zum Thema EMF und Gesundheit.

Vergleiche zwischen unterschiedlichen Gruppen wurden mittels Chi²-Test bei einem Signifikanzniveau von 0,05 durchgeführt.

In dem einseitigen Fragebogen wurden die sechs wichtigsten Fragen zusammengestellt. Dazu zählen Fragen nach

  • der ärztlichen Ausbildung
  • der Besorgnis wegen EMF
  • den Konsultationen, in denen EMF als Exposition erwähnt wurden
  • dem selbst eingeschätzten Wissen über EMF
  • der Vertrauenswürdigkeit einzelner ausgewählter Institutionen.

Ziel dieser Kurzbefragung war es, in einer Untergruppe eine höhere Rücklaufquote der Ärzte zu erreichen, um mögliche Verzerrungen im Antwortverhalten durch erwartete geringe Beteiligung in der Langbefragung zu entdecken.

Ergebnisse

An der Befragung mit dem Langfragebogen nahmen 435 Ärzte aus einer Stichprobe von 1 863 Ärzten teil (Rücklaufquote: 23,3 %). Den Kurzfragebogen haben 456 von insgesamt 928 Ärzten beantwortet (Rücklaufquote: 49,1 %). In beiden Gruppen gab es kaum Unterschiede hinsichtlich Geschlecht, Alter, Facharztausbildung und einer zusätzlichen alternativmedizinischen Ausbildung. Ungefähr 65 % der Teilnehmer waren männlich (Langfragebogen: 64,1 %, Kurzfragebogen 64,9 %) (Tabelle 1 gif ppt). Die meisten waren zwischen 45 und 64 Jahre alt. 91 % der Teilnehmer gaben an, eine Facharztausbildung absolviert zu haben. Circa 43 % der Ärzte verfügten über eine zusätzliche Ausbildung in alternativer Medizin. Die Frage nach Konsultationen, in denen das Thema EMF zur Sprache gekommen war, zeigte geringfügige Unterschiede zwischen dem Kurzfragebogen (65,3 %) und dem Langfragebogen (61,4 %).

Tabelle 2 (gif ppt) stellt die persönliche Besorgnis der Ärzte im Hinblick auf bestimmte Gesundheitsrisiken dar. Die Ergebnisse aus dem Jahr 2008 sind den Resultaten aus einer Querschnittserhebung in der Allgemeinbevölkerung aus dem Jahr 2006 gegenübergestellt. Der Vergleich macht deutlich, dass die Allgemeinmediziner bei den meisten abgefragten Gesundheitsrisiken häufiger beunruhigt waren als die Allgemeinbevölkerung. Zwischen den Medizinern mit und ohne alternativmedizinischer Zusatzausbildung gab es kaum Unterschiede bei der Besorgnis über allgemeine Gesundheitsrisiken wie etwa Rauchen. Allerdings waren Ärzte mit einer alternativmedizinischen Ausbildung hinsichtlich der verschiedenen Quellen für EMF stärker besorgt als Kollegen ohne diese Zusatzqualifikation.

In Tabelle 3 (gif ppt) wird deutlich, dass Ärzte über ihr Wissens zu EMF unsicher sind. Immerhin wurde bei allen Fragen zu diesem Punkt in 30 bis 64 % die Kategorie „weiß nicht“ angekreuzt. Circa 50 bis 60 % der Ärzte wussten, dass:

  • die Frequenz von 100 Hertz dem Niederfrequenzbereich zuzuordnen ist
  • die vom Handy ausgesandte Leistung umso niedriger ist, je besser der Netzempfang ist
  • die durchschnittliche Exposition gegenüber EMF in Deutschland deutlich unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte liegt.

43 % der Ärzte war klar, dass mit niederfrequenten EMF Nerven und Muskelzellen gereizt werden können. Weniger als 30 % wussten, was der SAR-Wert ist, oder konnten das Ausmaß der Temperaturerhöhung bei einem Handytelefonat oder die Eindringtiefe von EMF in den Organismus richtig einschätzen. Fortbildungsangebote zum Thema der EMF und Gesundheit kannten lediglich 13,6 % der Ärzte (59 von 435) und nur 34 (7,8 %) haben jemals an einer solchen Fortbildung teilgenommen.

Die Grafik (gif ppt) stellt den Ablauf des Arzt-Patienten-Gesprächs während der letzten Konsultation wegen vermeindlicher gesundheitlicher Probleme eines Patienten aufgrund von EMF dar. Von den Allgemeinmedizinern der Langbefragung wurden 253 Ärzte wegen vermeintlicher/vermuteter gesundheitlicher Probleme aufgrund EMF konsultiert, davon 73,1 % (n = 185) in den vorangegangenen 12 Monaten. Die Vermutung über einen Zusammenhang zwischen EMF und den gesundheitlichen Beschwerden äußerte in 73,4 % der Fälle der Patient. Wenn der Verdacht auf einen Zusammenhang zwischen EMF und Gesundheitsbeschwerden vom Arzt ausging, beurteilte er diesen größtenteils auch als plausibel (92,3 %). Wurde die Vermutung eines Zusammenhangs vom Patienten vorgebracht, erachteten Ärzte lediglich in 24,1 % der Konsultationen diese Assoziation als glaubhaft. Den Verdacht, dass ein Zusammenhang zwischen EMF und den von den Patienten berichteten Beschwerden besteht, erachtete ein Arzt damit in 108 Konsultationen (42,7 %) als überzeugend, und zwar in 45 Konsultationen, in denen der Patient die Vermutung äußerte und in 63 Konsultationen, in denen der Arzt selbst den Verdacht hegte.

Die vom Patienten am häufigsten genannten Gesundheitsprobleme waren:

  • Kopfschmerzen (21,6 %)
  • Schlafstörungen (21,0 %)
  • Kreislaufprobleme (9,2 %)
  • Abgeschlagenheit (8,8 %)
  • allgemeine Beschwerden (8,0 %).

Als Ursache für die Gesundheitsstörungen wurden am häufigsten Mobilfunksendemasten und Handys vermutet.

Im Rahmen der 253 betrachteten Konsultationen wegen EMF wurden in 45,8 % (116) der Fälle Schutzmaßnahmen oder Therapien vorgeschlagen. Am häufigsten wurde dazu geraten, elektrische Geräte zu entfernen (Tabelle 4 gif ppt). Insgesamt 24-mal wurde den Patienten vom Arzt ein Wohnungs- oder Wohnortswechsel empfohlen. Weitere Schutzmaßnahmen oder Therapien, die während des Arztbesuchs zur Sprache kamen, waren der Wechsel des Schlafplatzes, generelle Abschirmungsmaßnahmen und Änderungen des Nutzungsverhaltens der technischen Geräte, die als Gefahrenquellen benannt worden waren.

Diskussion

Mehr als die Hälfte aller Allgemeinmediziner und praktischen Ärzte müssen sich in der Praxis mit dem Themengebiet der EMF auseinandersetzen. Im Kurzfragebogen der vorliegenden Untersuchung gaben 65,3 % der Ärzte und im Langfragebogen 61,4 % an, von Patienten bei Konsultationen auf das Thema EMF angesprochen worden zu sein. Vergleichbare Studien zu diesem Thema gibt es bislang in der Schweiz (16) und in Österreich (17). In diesen Querschnitterhebungen unter Allgemeinmedizinern haben ebenfalls die meisten Ärzte Erfahrungen mit sogenannten EMF-Patienten gemacht. In beiden Studien gaben etwa zwei Drittel der Ärzte an, dass in Konsultationen von Patienten das Thema EMF zur Sprache kam.

Die Besorgnis im Hinblick auf Umwelt- und Gesundheitsrisiken ist unter Allgemeinmedizinern größer als in der Allgemeinbevölkerung (18). Die Vergleichsdaten stammen aus einer bevölkerungsrepräsentativen Querschnitterhebung aus dem Jahr 2006, durchgeführt von INFAS, in der dieselben Fragen gestellt wurden wie in der vorliegenden Untersuchung (7). INFAS hat in den Jahren 2004, 2005 und 2006 identische Querschnitterhebungen durchgeführt, in denen sich keine Unterschiede hinsichtlich der Risikobewertung in der Allgemeinbevölkerung feststellen ließen. Die vorliegende Erhebung zur Besorgnis der Allgemeinmediziner hinsichtlich gesundheitlicher Risikifaktoren stammt aus dem Jahr 2008. Somit ist ein Vergleich nur eingeschränkt möglich.

Obwohl die Allgemeinmediziner sich einerseits wegen EMF sorgten, andererseits ihr Wissen zum Thema EMF nicht sehr hoch war, konnten sich lediglich 13,6 % aller befragten Ärzte an Fortbildungsangebote zu EMF und Gesundheit erinnern und nur 7,8 % haben je ein solches Angebot wahrgenommen. Es muss berücksichtigt werden, dass das Wissen über EMF kein Bestandteil der Ausbildung von Allgemeinmedizinern ist. Somit ist es nicht überraschend, dass diesbezüglich der Kenntnisstand nicht sehr hoch ist. Problematisch ist, dass bis zum heutigen Zeitpunkt die gesundheitlichen Risiken durch EMF noch nicht endgültig bewertet werden können, wenngleich die meisten Reviews diese als „gering“ eingeschätzen (14). Der kritische Blick auf aktuelle Studien zum Thema EMF und auf den Stand des Wissens ist jedoch ohne Kenntnisse über EMF nur eingeschränkt möglich.

Gerade im Rahmen von Arztbesuchen wegen EMF ist die Frage nach der Behandlungserwartung des Patienten bedeutsam. In den Konsultationen, in denen Allgemeinmediziner mit dem Problem einer gesundheitlichen Wirkung EMF konfrontiert wurden, stellten immerhin 73,4 % der Patienten von sich aus einen Zusammenhang zwischen EMF und ihren Beschwerden her. Der vom Patienten geäußerte Zusammenhang zwischen EMF und Gesundheitsrisiken wurde nur zu 24,1 % von den Ärzten als plausibel bewertet. Ein ähnliches Ergebnis findet sich auch in der schweizerischen Ärztebefragung (16). Aus dieser stark vom Patienten initiierten und wenig vom Arzt bestätigten Darlegung von Zusammenhängen kann vermutet werden, dass gerade im Rahmen einer Konsultation wegen Beschwerden, die der Patient mit EMF in Zusammenhang bringt, eine bestimmte Behandlungserwartung vonseiten des Patienten vorliegt. Diese Behandlungserwartung kann dann zu folgenden Interaktionseffekten (10) führen:

  • Konkurrenz der Expertise: Die Patienten konsultieren den Arzt mit selbst angeeignetem Wissen über EMF, das auf vermeintlich wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnissen beruht.
  • Ambivalenz: Einerseits versteht der Arzt die gesundheitlichen Probleme des Patienten und möchte ihm helfen, andererseits fehlen ihm klare, hilfreiche und passende Behandlungsstrategien. Dadurch wird der Arzt in seiner Fachkompetenz angegriffen (10).
  • Iatrogene Fixierung: Zur Aufrechterhaltung der Vertrauensbasis wird vom Arzt trotz unrealistischer Erwartungen vonseiten des Patienten ein kontinuierliches Einfühlungsvermögen verlangt. Ein Problem in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient besteht ferner in der wissenschaftlichen Ungenauigkeit der Risikoquantifizierung eines Zusammenhangs zwischen EMF und gesundheitlichen Risiken. Wenn der Arzt dem Patienten wahrheitsgemäß mitteilt, dass die Wissenschaft nicht mit absoluter Sicherheit ein gesundheitliches Risiko ausschließen kann, wird sich der Patient in seiner Annahme bestätigt fühlen und seine – aus objektiver Sicht – verzerrte Wahrnehmung beibehalten (10).

In knapp der Hälfte der Konsultationen wegen EMF wurde eine Schutzmaßnahme oder Therapie angesprochen. Als zweithäufigste Maßnahme rieten die Ärzte zu einem Umzug. Dieses in der Konsequenz einschneidende Ergebnis deckt sich mit den Resultaten der beiden Studien aus Österreich und der Schweiz (16, 17). Es ist nicht möglich, die genauen Beweggründe eines Arztes für die Empfehlung der jeweiligen Schutzmaßnahme zu beurteilen, da hierzu Informationen fehlen. Schwer nachvollziehbar ist allerdings, warum ein Umzug in sechs Konsultationen empfohlen wurde, in denen lediglich der Patient einen Zusammenhang zwischen EMF und gesundheitlichem Risiko vermutete und der Arzt diesen Zusammenhang sogar als unplausibel einschätzte.

Es liegt der Schluss nahe, dass die ärztliche Beratung über EMF zum Teil die Patientenkarrieren stark beeinflussen kann – und sei die Empfehlung zum Umzug auch nur gegeben worden, weil der Patient nicht von der Idee der krankmachenden EMF abzubringen war. Wenn man einerseits berücksichtigt, mit wie viel Aufwand ein Umzug verbunden ist, und andererseits, wie unsicher das Wissen über das gesundheitliche Risiko durch EMF ist, zeigt sich ein immenser Bedarf für die Entwicklung und Verbreitung von Kommunikations- und Behandlungsstrategien für solche Patienten. Viele Ärzte haben lückenhafte Kenntnisse hinsichtlich der Eigenschaften und gesundheitlichen Risiken von EMF, und einige Ärzte geben bei zweifelsohne geringen Risiken einschneidende und nicht evidenzbasierte Ratschläge. Zudem stellt sich die Frage, ob und wie durch einen Umzug überhaupt eine Expositionsreduktion ermöglicht werden kann. Bei der Behandlung von Personen mit umweltbedingten Leiden sollte darauf geachtet werden, dass diese Patienten von einem interdisziplinären Team beraten werden, das sich aus Medizinern, Psychologen und Umweltexperten zusammensetzt (19).

Zu den Limitationen der vorliegenden Studie zählt die niedrige Rücklaufquote der Fragebögen in beiden Befragungen. Besonders die geringe Rücklaufquote von 23,3 % beim Langfragebogen lässt vermuten, dass ein Selektionsprozess in dieser Querschnitterhebung stattgefunden hat. Wahrscheinlich haben vor allem die Ärzte teilgenommen, die dem Thema EMF eher kritisch und interessiert gegenüberstehen. Es konnte gezeigt werden, dass der Anteil der Ärzte, die glauben, dass es Personen gibt, die durch EMF gesundheitlich beeinträchtigt sind, im Langfragebogen größer ist (57,3 %) als im Kurzfragebogen (37,4 %) (20). Allerdings weist der Vergleich zwischen Kurz- und Langfragebogen (Tabelle 1) darauf hin, dass die Selektionsprozesse keinen Einfluss auf die berichtete Häufigkeit von Konsultationen wegen EMF hatten. Ferner ist zu berücksichtigen, dass in diese Auswertung nur diejenigen Ärzte einbezogen wurden, die Erfahrungen mit EMF-Patienten gemacht haben und daher aus beruflichen Gründen eher an diesem Thema interessiert sind. Somit spielt die geringe Rücklaufquote in der Interpretation der Ergebnisse vermutlich eher eine geringe Bedeutung.

Ein weiterer limitierender Faktor ist die Verwendung nicht validierter Instrumente im Fragebogen. Validierte Instrumente waren für die Inhalte der Befragung nicht verfügbar. Dies muss bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden. Die Resultate dieser Studie zeigen, dass die Arzt-Patienten-Interaktion zum Thema EMF im Einzelfall gravierende Konsequenzen für die Patienten nach sich ziehen kann, vor allem, wenn die Patienten manchen Ratschlägen der Ärzte folgen. Dabei stimmen die Beratungen über EMF oft nicht mit dem Stand der Forschung überein. Ärzte sind für ihre Patienten eine wichtige und vertrauenswürdige Instanz, gerade auch bei dem Thema EMF und Gesundheit. Daher ist es für beide Seiten von Interesse, dass die von den Ärzten ausgesprochenen Empfehlungen beziehungsweise Therapien dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand entsprechen. Ärztliche Fortbildungen zu Studien über gesundheitlichen Risiken von EMF sind wünschenswert.

Danksagung
Die Autoren danken den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Ärzten für ihre Mitarbeit.

Die Studie wurde finanziert durch das Bundesamt für Strahlenschutz.

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 12. 10. 2009, revidierte Fassung angenommen: 16. 12. 2009

Anschrift für die Verfasser
PD Dr. biol. hum. Gabriele Berg-Beckhoff
AG Epidemiologie und International Public Health
Fakultät für Gesundheitswissenschaften
Universität Bielefeld
POB: 100131
33501 Bielefeld
E-Mail: gabriele.berg-beckhoff@uni-bielefeld.de

Unit for Health Promotion Research

Southern University of Denmark

Niels Bohr Vej 9

6700 Esbjerg, Denmark

E-Mail: gberg-beckhoff@health.sdu.dk

Summary

The Views of Primary Care Physicians on Health Risks
From Electromagnetic Fields

Background: The aim of this study was to find out what primary care physicians in Germany think about the possible health risks of electromagnetic fields (EMF) and how they deal with this topic in discussions with patients.

Methods: Questionnaires were mailed to a nationwide, representative sample drawn from the regional associations of statutory health insurance physicians in Germany, consisting of 2795 primary care physicians (7% of the total number in the country). 435 of them returned four-page questionnaires (response rate, 23.3%), and 456 returned a one-page questionnaire (response rate, 49.1%). They were asked about their views on the health risks of electromagnetic fields and about their experience with patients on this topic.

Results: 61.4% of the primary care physicians reported having discussed the possible health risks of electromagnetic fields with at least one patient. In 73.4% of these discussions, the patient raised the subject first and presumed that such risks do, in fact, exist. Among all discussions in which the patient expressed this concern, the physician considered the association to be plausible only 24.1% of the time. In half of all consultations in which EMF was discussed as a possible danger, the physician recommended some type of protective measure. The most frequent recommendation was to remove electrical equipment; the second most frequent, to move to another location. The physicians’ answers to the questionnaires revealed a poor knowledge of the properties and risks of electromagnetic fields.

Conclusion: Primary care physicians often discuss the putative health risks of electromagnetic fields with their patients, yet their recommendations very often are not evidence-based and might have major consequences in their patients’ lives.

Zitierweise
Berg-Beckhoff G, Heyer K, Kowall B, Breckenkamp J, Razum O: The views
of primary care physicians on health risks from electromagnetic fields.
Dtsch Arztebl Int 2010; 107(46): 817–23. DOI: 10.3238/arztebl.2010.0817

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

eFragebogen unter:
www.aerzteblatt.de/10m0817

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AG Epidemiologie und International Public Health, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld: PD Dr. biol. hum. Berg-Beckhoff, Frau Heyer, Dr. rer. nat. Kowall, Dr. PH Breckenkamp, Prof. Dr. med. Razum
Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf: Dr. rer. nat. Kowall
1.Stewart W: Mobile phones and health. IEGMP. Ed. Clinton, Oxon: National Radiological Protection Board 2000.
2.Valberg PA, van Deventer E, Repacholi MH: Workgroup report: Base stations and wireless networks—radiofrequency exposures and health consequences. Environ Health Perspect 2007; 115: 416–24 MEDLINE
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14.Herr C, Otterbach I, Nowak D, Hornberg C, Eikmann T, Wiesmüller GA: Environmental medicine. Dtsch Arztebl Int 2008: 105(30): 523–31 VOLLTEXT
15.Laugewitz W: Arzt-Patienten-Kommunikation, Mitteilen schlechter Nachrichten. In: Brähler E, Strauß B, (eds.): Handlungsfelder in der psychosozialen Medizin. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe-Verlag 2002.
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