63 Artikel im Heft, Seite 19 von 63

THEMEN DER ZEIT

Allgemeinmedizin im Studium: Ab in die Praxis!

Dtsch Arztebl 2010; 107(46): A-2284 / B-1974 / C-1938

Hibbeler, Birgit

Die Ausbildung von Medizinstudierenden findet häufig im Hörsaal oder im Krankenhaus statt. Anders in Witten/Herdecke: Hier arbeiten die Studenten ab dem ersten Semester in Hausarztpraxen mit.

Maxie Hähnel (23) hat heute einen schwierigen Fall zu lösen. Zumindest scheint die Patientin, die ihr gegenübersitzt, irgendwie alle möglichen Krankheiten zu haben. Die zierliche Studentin mit dem blonden, kurzen Pferdeschwanz blickt kurz auf den Bildschirm. Im Computersystem ist bereits eine ganze Liste von Diagnosen dokumentiert: Bluthochdruck, chronisch obstruktive Lungenerkrankung und eine Spinalkanalstenose. Die Patientin redet außerdem ohne Punkt und Komma.

Lernen am konkreten Fall: Stefan Wilm und Maxie Hähnel im Gespräch mit einer Patientin. Fotos: Dominik Clemens
Anzeige

Neulich ist sie hingefallen. Ja, und oft hat sie Durchfall, aber momentan nicht. Seit letzter Woche hustet sie, doch das ist wieder besser. Bauchschmerzen hat sie ab und zu – schon länger. Vor ein paar Tagen war ihr Auge ganz rot. Das ist aber noch längst nicht alles: „Die Kopfschmerzen kommen und gehen. Aber wenn ich jetzt mit Ihnen spreche, geht es schon wieder los“, sagt sie. Die Patientin rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her. Ihre Hände sind gefaltet, die Daumen kreisen umeinander.

Hähnels Handwerkszeug liegt auf ihrem Schreibtisch: Blutdruckmanschette, ein blaues Stethoskop, eine Packung Holzspatel und ein roter Reflexhammer. Sie ist zwar noch keine Ärztin, sondern studiert Medizin im sechsten Semester. Aber sie hat ein komplett ausgestattetes Arztzimmer für sich allein. Ihr wichtigstes Werkzeug ist jedoch zunächst einmal ihr Verstand: „Warum kommt diese Patientin mit diesen Beschwerden heute zu mir?“ Das ist die Frage, die Prof. Dr. med. Stefan Wilm (51) ihr mit auf den Weg gegeben hat. Er ist ihr Betreuer und Inhaber der allgemeinmedizinischen Praxis in Köln-Esch.

Mit diesem Leitsatz lässt sich der Wust an Beschwerden schon einmal etwas sortieren. Hähnel entscheidet sich dafür, den Husten stärker unter die Lupe zu nehmen. „Haben Sie Fieber gemessen?“, fragt die Studentin. Hat die Patientin, die Temperatur war aber nicht erhöht. Dann fragt Hähnel noch nach dem Auswurf. Der ist klar, nicht gelb. Nein, rauchen – das tut sie schon seit Jahren nicht mehr. Hähnel hört die Lunge ab und schaut dann noch, ob der Rachenraum gerötet ist. Dann tippt sie ihre Untersuchungsbefunde in den PC ein. Nun öffnet sie die Tür einen Spalt weit. Das ist das Zeichen für Allgemeinarzt Wilm, dass sie fertig ist und er dazukommen soll.

„Wir sehen uns nicht als Hausarztschmiede. Wir wollen gute Ärzte ausbilden.“ Stefan Wilm, Allgemeinarzt und Lehrstuhlinhaber

Ab dem ersten Semester sind die Studierenden der Universität Witten/Herdecke bei Hausärzten tätig – immer in derselben Praxis. „Allgemeinmedizinisches Adoptionsprogramm“ nennt sich das (siehe Kasten). Ist das zu Beginn der Ausbildung keine Überforderung? Nein, meint Hähnel. Anfangs habe sie erst einmal zugeschaut. „Aber man lernt mit jedem Semester etwas Neues“, erklärt sie. Tatsächlich kommen immer mehr Aufgaben hinzu, zunächst die Anamnese und Untersuchung. Am Ende sollen die Studierenden eine Empfehlung für Diagnostik und Therapie entwickeln und mit den Patienten besprechen. Das bedeutet, Wilm wird immer später dazugerufen, weil die Studentin mehr und mehr selbst kann. „Das ist ein Erfolgserlebnis“, sagt Hähnel. Sie kann das theoretische Wissen aus der Uni konkret anwenden. Die Patienten begleitet sie über einen langen Zeitraum, weil sie immer in derselben Praxis ist.

Wilm hat das Signal „offener Türspalt“ mittlerweile bemerkt und ist dazugekommen. Ganz in Ruhe hört er den Bericht der Studentin an, und außerdem das, was die Patientin zu sagen hat. Er stellt noch einige Fragen, zum Beispiel, ob sie nachts schlafen kann oder vom Husten aufwacht. Dann hört er die Lunge ab. Plötzlich hält er inne und winkt Hähnel heran, lässt sie mit auf die Stelle hören, die er auffällig findet. „Der Husten ist ja schon besser, Herr Doktor, aber muss man da nicht doch was machen?“, will die Patientin wissen. Wilm beruhigt. Sie soll ihre Sprays weiternehmen und viel trinken. „Wenn es schlimmer wird oder Sie Fieber kriegen, melden Sie sich.“ Der Hausarzt fragt dann aber auch noch einmal nach dem roten Auge. Er überweist die Patientin zur Augeninnendruckmessung.

„Mit dem roten Auge war ich mir unsicher. Augenheilkunde hatte ich noch nicht“, erläutert Hähnel, als sie später mit ihrem Ausbilder allein ist. Auf die Differenzialdiagnose Glaukom wäre sie nicht gekommen. „Kopfschmerzen und rotes Auge, da muss es klingeln“, sagt Wilm. Dass sie nicht daran gedacht hat, findet er allerdings nicht so dramatisch. „Die Studierenden sollen ihre Grenzen kennen. Das ist für den Arztberuf enorm wichtig“, betont der Allgemeinmediziner. Entscheidend sei zum jetzigen Zeitpunkt, dass die Studentin reflektiere, wie der Patientenkontakt verlaufen sei. Für Wilm ist die Begegnung von Arzt und Patient etwas sehr Spannendes. Der Experte für Krankheit trifft den Experten fürs Kranksein.

„Die Patientin hat ihre Beschwerden so diffus geschildert, weil sie für sie diffus sind“, sagt er. Gemeinsam müsse man im Gespräch die Symptome sortieren, um dann abzugleichen, was die aktuelle Situation mit der Vorgeschichte zu tun habe. Das klingt banal, ist aber manchmal nicht so einfach. Und oft sind die Menschen besorgt. In der Nachbesprechung wird der Studentin klar: Die Patientin brauchte eine Bestätigung, dass ihr Infekt auf dem Weg der Besserung ist – auch ohne Medikamente. „Da muss man als Hausarzt auch mal klar sagen: In Ihrem Fall würde ein Antibiotikum nicht helfen“, erläutert Wilm.

Selbstreflexion – fachlich und menschlich

Der Allgemeinarzt ist nicht nur Hähnels Ausbilder, sondern auch der allgemeinmedizinische Lehrstuhlinhaber in Witten/Herdecke. Selbstverständlich möchte er die Studierenden für sein Fach begeistern. Sein Hauptanliegen ist das jedoch nicht. „Wir sehen uns nicht als Hausarztschmiede. Wir wollen gute Ärzte ausbilden“, sagt er. Für ihn ist es entscheidend, dass die Studierenden lernen, ihr Verhalten zu reflektieren – fachlich und menschlich. „Warum tue ich das, was ich tue?“ – das ist für ihn eine ganz entscheidende Leitfrage. Aus seiner Sicht sind die Studierenden einer Flut von Wissen ausgesetzt. „Deshalb haben viele die Tendenz, sich an mühsam erworbenen, vermeintlichen Wahrheiten festzuklammern“, erklärt Wilm. Er verlangt außerdem von den Studenten, dass sie auch seine Arbeit kritisch betrachten und nicht einfach kopieren. Sie sollen sich die Frage stellen: „Hätte ich das jetzt auch so gemacht? Und wenn nein, warum nicht?“ Die angehenden Ärzte sollen Leitlinien kennen, aber auch einschätzen können, wann es gute Gründe gibt, von ihnen abzuweichen.

Die Allgemeinmediziner in Witten haben einen hohen Anspruch: Die Studierenden sollen lernen, evidenzbasiert und zugleich patientenzentriert zu arbeiten. Das sollten im Prinzip alle Ärzte können – egal, ob sie nun in Klinik oder Praxis tätig sind. Das Adoptionsprogramm hat allerdings noch einen anderen Hintergrund, der mit dem ambulanten Setting zu tun hat. „Ein großer Teil der Behandlungen findet in der hausärztlichen Versorgung statt, die Lehre aber meistens an hochspezialisierten Kliniken“, sagt Dr. med. Paul Jansen (53), Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Uni Witten/Herdecke, das passt für ihn nicht zusammen und gehe an der Versorgungsrealität vorbei.

Der Anteil von Absolventen, die Hausärzte werden, ist in Witten mit circa 15 Prozent traditionell höher als an vielen Universitäten. Ob die Zahl mit dem Adoptionsprogramm gestiegen ist, kann Jansen nicht sagen. Seit der Einführung hat noch keine Kohorte die Weiterbildung beendet. Fest steht für ihn aber schon heute, dass das Programm das gegenseitige Verständnis verbessert: „Jeder Hausarzt hat schon mal in einem Krankenhaus gearbeitet, viele Klinikärzte aber noch nie in einer Hausarztpraxis.“

Ob sie Allgemeinmedizinerin werden will? Das kann Maxie Hähnel noch nicht sagen. Zurzeit findet sie viele Fächer spannend, zum Beispiel die Unfallchirurgie. Aber es sei schön, wie viel positives Feedback man bekomme. „Sie macht das richtig toll“, bestätigt die Patientin. Hähnel findet außerdem gut, dass man sehr viel Zeit hat, Anamnesen zu üben. Für ihren Ausbilder Wilm ist das im Übrigen die eigentliche „Königsdisziplin der Medizin“.

Dr. med. Birgit Hibbeler

Das Adoptionsprogramm

Die Medizinstudierenden an der Universität Witten/Herdecke werden ab dem ersten Semester in allgemeinmedizinischen Lehrpraxen ausgebildet. Dort absolvieren sie sechs Blöcke – insgesamt zehn Wochen. Dabei übernehmen sie mit der Zeit mehr und mehr Aufgaben. Zunächst beobachten sie den Arzt-Patienten-Kontakt, später untersuchen sie und erheben Anamnesen. Schließlich machen sie Therapievorschläge und schreiben Epikrisen. Betreut werden sie im 1:1-Verhältnis – und zwar idealerweise das ganze Studium vom selben Arzt. Daher der Name „Adoptionsprogramm“.

Die Ausbildung in Witten erfolgt in einem Modellstudiengang. Eine Trennung von Klinik und Vorklinik gibt es nicht. Der Unterricht ist problemorientiert und interdisziplinär.


Drucken Versenden Teilen Leserbrief Zusatzinfo
63 Artikel im Heft, Seite 19 von 63

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

 Zeitraum HTM PDF 
7 / 2014 13 1
6 / 2014 11 0
5 / 2014 17 1
4 / 2014 24 2
3 / 2014 6 1
2 / 2014 8 1
2014 81 11
2013 131 7
2012 150 6
2011 244 18
2010 262 65
Total 868 107

Leserbriefe

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in