POLITIK

Telemedizin: Vor dem Durchbruch

Dtsch Arztebl 2010; 107(46): A-2282 / B-1971 / C-1935

Krüger-Brand, Heike E.

Foto: vario-images

Krankenhäuser betrachten telemedizinische Anwendungen zunehmend als einen wichtigen Faktor für den Erhalt und die Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit.

Die intensive Beschäftigung mit Telemedizin als einer Komponenten der Patientenversorgung gehört für die privaten Klinikketten inzwischen zum Pflichtprogramm, auch wenn Ansätze, Schwerpunkte, Erfahrungen und Umsetzungsgrade sich teilweise erheblich unterscheiden. Das wurde beim 1. Nationalen Fachkongress Telemedizin* Anfang November in Berlin deutlich, bei dem mehr als 300 Experten über Chancen und Perspektiven telemedizinischer Anwendungen diskutierten.

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Bei den Helios-Kliniken etwa beschäftige man sich schon seit Jahren mit Telemedizinprojekten, die möglichst auch in die Routine der Patientenversorgung einfließen sollten, berichtete Priv.-Doz. Dr. med. Guntram Ickenstein, Leiter der Fachgruppe Neuromedizin, Helios-Kliniken GmbH. Ziel sei es, den Ärzten die Arbeit zu erleichtern und Strukturprobleme durch Telemedizin zu lösen. Teleradiologie sei in fast allen Kliniken fest etabliert, sagte Ickenstein. Hinzu kommen als weitere Anwendungsfelder die Telepathologie, Teleneurologie, Teledermatologie und Telekardiologie. Bei der Telepathologie geht es vor allem um die zeitnahe Erstellung von zyto- und histopathologischen Befunden, die zentral am Standort Berlin-Zehlendorf für andere Häuser des Konzerns und für externe Einsender stattfindet. Darüber hinaus spielt der Telekonsilservice eine Rolle, der auch vom Heimarbeitsplatz aus möglich ist. Ähnlich wie in der Radiologie sind Ickenstein zufolge mittlerweile auch die Pathologien in kleineren Häusern nur noch schwer zu besetzen.

Nutzen der Teleneurologie

Auch bei der Teleneurologie geht es darum, die flächendeckende Versorgung etwa in ländlichen Regionen sicherzustellen. Als Beispiel nannte Ickendorf das Thema Thrombolyse in der akuten Schlaganfallversorgung, das in großen regionalen Projekten, wie „TEMPiS“ oder „STENO“ in Bayern, erfolgreich vorangetrieben wurde. Im Kern geht es dabei darum, dass periphere Häuser ohne eigene Schlaganfallversorgung vom Know-how der Schlaganfall-Spezialeinrichtungen (Stroke-Units) durch Kooperation und Vernetzung zwischen den Kliniken profitieren. Bei Helios hat man frühzeitig damit begonnen, die Infrastruktur der Neurointensivstationen und Stroke-Units zu erweitern und über einen teleneuromedizinischen Hintergrunddienst, dem „Neuronet“ (www.helios-kliniken.de/helios-neuronet), allen Häusern der Kette zur Verfügung zu stellen.

Im Neuronet arbeiten Stroke-Units mit einer wöchentlich rotierenden Servicebereitschaft zusammen. Das bundesweite Netzwerk unterstützt die Behandlung von akuten Schlaganfallpatienten per Videokonferenz. Für die Patienten bedeutet das ein optimiertes Zeitmanagement: Entweder ist die Thrombolyse per Neuronet im nächstgelegenen Klinikum möglich oder aber die Erstversorgung beginnt direkt vor Ort und über den Transport in eine Stroke-Unit wird anschließend entschieden (Bridging-Konzept). In die Konsilbereitschaft werden dabei alle neuromedizinischen Fachrichtungen und die Internisten eingebunden.

Die Vorteile laut Ickenstein: eine bessere medizinische Versorgung, die Vermeidung unötiger Patiententransporte und eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Generell fördere Telemedizin die Kooperation der Fachgruppen, die Behandlungskonzepte würden standardisiert. Insgesamt sei durch den Know-how-Transfer ein höheres Niveau auch für kleinere Häuser möglich, beispielsweise in der Fortbildung. Hinzu kommt, dass ab 2011 Krankenhäuser Telekonsile bei Schlaganfall regulär abrechnen können (Kasten).

Sana sei „noch am Anfang, was Telemedizin betrifft“, meinte Dr. med. Markus Müschenich, Vorstandsmitglied der Sana-Kliniken AG. Immerhin gibt es ein E-Health-Strategiepapier, das sich nicht nur perspektivisch mit Telemedizin beschäftigt, sondern auch Prozesssteuerung, Wissensmanagement und Kommunikation umreißt, denn: „Es geht darum, Strukturen zu schaffen, durch die jeder mit jedem sprechen kann.“ Für Sana stehen Müschenich zufolge dabei als Themen die elektronische Fallakte (eFA), Portallösungen sowie Telekonsile und Telemonitoring im Vordergrund. Die eFA ist für den Klinikkonzern einerseits interessant im Kontext der Anbindung von Arztpraxen als Zuweiser, andererseits als Infrastruktur, die auch den Praxen untereinander zur Verfügung gestellt werden soll. „Die eFA-Anwendung in Verbindung mit krankenhausnahen Ärztenetzen schafft Mehrwerte und Dynamik“, ist Müschenich überzeugt.

Portaltechnologie

Darüber hinaus hat Sana Anteile am Institut für angewandte Telemedizin (IFAT) am Herz- und Diabeteszentrum NRW erworben, einem Vorreiter in Sachen integrierter Patientenversorgung unter Einsatz telemedizinischer Verfahren. So gibt es diverse Betreuungsprogramme am IFAT, darunter „HerzAs“ für Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz. Für jeden Patienten, der daran teilnimmt, wird eine einrichtungsübergreifende eFA angelegt. Sämtliche Einträge in der Akte sind über ein einheitliches Portal („medPower“-Portal) zugänglich. Über die Portaltechnologie erhält das Klinikpersonal rollenbasiert Zugriff auf die Daten, aber auch externe, in die Behandlung eines Patienten involvierte Ärzte können auf bestimmte Informationen zugreifen.

Auf gemischte Erfahrungen mit Telemedizin blickt man bei der vorwiegend in Norddeutschland agierenden Damp-Holding AG zurück. Das Unternehmen engagiert sich in der europäischen Telemedizin-Modellregion Pomerania, einem deutsch-polnischen Netzwerkprojekt, das Anfang 2010 mit der vierten Förderphase begonnen hat und in dem 35 Kliniken in Polen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg zusammenarbeiten. 2004 sei man mit drei Projekten – Telekonferenz, Teleradiologie und Telepathologie – gestartet, berichtete Henning Schwarz vom Hanse-Klinikum Stralsund. Beispiel Teleradiologie: Die hohe Anzahl von Befundanfragen in Stralsund habe zur Überlastung der Radiologen geführt, weil aufgrund fehlender Schnittstellen zum Krankenhausinformationssystem und zum PACS (Picture Archiving and Communication System) zu viel Handarbeit bei der Bereitstellung der Daten angefallen sei. Telekonferenzen seien technisch zwar problemlos einzurichten, in der Vorbereitung und Organisation jedoch aufwendig und mit Terminproblemen behaftet. Schwierigkeiten bereitete unter anderem auch die fehlende Unterstützung seitens der Krankenkassen.

Weitere Telemedizinprojekte sind derzeit die Übermittlung von EKGs aus dem Notarztwagen und im Bereich der Labordiagnostik die Anbindung eines Partnerkrankenhauses und mehrerer Ärztehäuser an das Laborsystem des Krankenhauses. Ziele sind eine effizientere Diagnostik und eine bessere Kommunikation zwischen stationären und ambulanten Einrichtungen. Auch ein Telepsychiatrieprojekt mit regelmäßigem SMS-Versand an die Patienten zur Erhebung des Gesundheitsstatus ist angelaufen, das sehr gut angenommen werde. Meldet sich der Patient innerhalb einer vereinbarten Frist nicht zurück, nimmt der behandelnde Arzt oder Therapeut Kontakt auf.

Für 2011 ist ein Zuweiserportal geplant, über das mit regionalen Ärztenetzen kooperiert werden soll. Dabei geht es um die Bereitstellung von Befunden und Bildern für die niedergelassenen Ärzte und um die schnellere Übermittlung von Arztbriefen und eine optimierte Terminvergabe. „Telemedizin ist nur dann nachhaltig umsetzbar, wenn wir Breitenwirksamkeit erreichen“, meinte Schwarz. „Die Netzwerkinfrastruktur muss alle Partner einbeziehen und finanzierbar sein.“ Erforderlich seien dabei Kataloge für eine arbeitsteilige Leistungserbringung, die die Finanzierung regelten, tragfähige Ausfallkonzepte und Havarielösungen etwa bei Personalengpässen und transparente Behandlungsprozesse. Auf der Wunschliste ganz oben steht auch der Aufbau einer leistungsfähigen bundesweiten Netzinfrastruktur einschließlich elektronischer Gesundheitskarte und Heilberufsausweisen als Werkzeuge für Authentifizierung, Verschlüsselung und Signatur.

Telemedizin kostet Geld

Prof. Dr. Kurt Marquard, Leiter der Konzern-IT der Rhön-Kliniken AG, betonte die Rolle von Telemedizin als elementaren Baustein zur Umsetzung der Unternehmensstrategie. Rhön hat sich unter anderem an Telemedizinprojekten zur notfallmedizinischen Versorgung von Schlaganfall- („Stroke Angel“) und Herzinfarktpatienten („Cardio Angel“) beteiligt (www.stroke-angel.de) und die Teleradiologie fest etabliert. Das Motiv für den Telemedizineinsatz sei die Stärkung der Prozesskette. Strategien und Prozesse müssten die Art und Nutzung der Telemedizin bestimmen. „Telemedizinische Systeme müssen zu den Betriebsstrukturen des Krankenhauses passen, Einzellösungen reichen nicht aus“, sagte Marquard. Telemedizin als nachhaltiges Verfahren müsse nach klaren Regeln und Standards funktionieren. Das ist nicht umsonst zu haben: Marquard verwies darauf, dass die Kombination von IT und Medizintechnik stets eine Risikobetrachtung und -bewertung nach der internationalen Norm IEC 80001 erfordert und für Datenschutz und Datensicherheit beträchtliche Aufwendungen anfallen.

Heike E. Krüger-Brand

*Der Kongress vereinigte erstmals die Veranstaltungen „Telemed“ und den Telemedizinkongress der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed) unter einem Dach. Träger sind neben der DGTelemed der Berufsverband Medizinischer Informatiker, die TMF – Technologie- und Methodenplattform für vernetzte medizinische Forschung und die Deutsche Gesellschaft für Gesundheitstelematik.

Ziffer für Telekonsil

Die vom DIMDI (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information) herausgegebene Version 2011 des Operationen- und Prozedurenschlüssels (OPS 2011) enthält erstmals eine Abrechnungsziffer für das Schlaganfall-Telekonsil (siehe www.dimdi.de/static/de/klassi/aktuelles/news_0297.html). Damit wird das telemedizinische Verfahren unter bestimmten, genau festgelegten Rahmenbedingungen in den Katalog zur Regelversorgung aufgenommen. Bislang konnten die Projekte zur Schlaganfallversorgung ihre Finanzierung nur über separate Vereinbarungen mit den Krankenkassen sichern.

Das Schlaganfall-Telekonsil ist in der Komplexziffer 8-98b („Andere neurologische Komplexbehandlung des akuten Schlaganfalls“) mit einer variablen Punktzahl untergebracht. Experten gehen davon aus, dass Krankenhäuser je versorgten Patienten bei Nutzung eines Telekonsils circa 1 000 Euro zusätzlich abrechnen können.

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