POLITIK

Palliativmedizin: Alltag in der Hausarztpraxis

Dtsch Arztebl 2010; 107(46): A-2276 / B-1970 / C-1934

Richter-Kuhlmann, Eva

Wenn alle Behandlungen ausgeschöpft sind, stehen Ärzte häufig vor einem Dilemma: Stationäre Einweisung oder nicht? Ein KBV-Konzept zur allgemeinen ambulanten Palliativversorgung will Abhilfe schaffen.

Dass ein Notarztwagen gerufen wird und sie in ein Krankenhaus transportiert werden, ist häufig das Letzte, was sich schwerstkranke, sterbende Menschen wünschen. „Doch in akut lebensbedrohlichen Situationen sind die Angehörigen schnell überfordert – und palliativmedizinische Versorgung geht eben nicht gegen den Willen der Angehörigen“, sagt Dr. med. Peter Engeser, Hausarzt und Palliativmediziner aus Pforzheim. Viele Menschen müssten sich erst mal mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass ein naher Verwandter zu Hause stirbt, und gleichzeitig diese Situation auch praktisch managen können. „Patienten und Angehörige müssen gleichermaßen vom Hospizdienst überzeugt sein“, erklärt Engeser. Das erfordere aber entsprechende kooperative Rahmenbedingungen.

Noch häufig Realität: Die Fahrt von schwerstkranken Patienten in eine Klinik, obwohl sie gern zu Hause versorgt werden würden. Foto: DRK Kreisververband Göppingen
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Doch von diesen ist die Realität weit entfernt. Noch immer verbringen viele Sterbende die letzten Stunden oder Tage ihres Lebens im Krankenhaus anstatt im vertrauten häuslichen Umfeld. Klagen und Bedauern von Angehörigen darüber zu hören, ist mittlerweile Alltag für Hausärztinnen und -ärzte. Um dies zu ändern, hat die Vertragswerkstatt der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) jetzt ein neues Vertragskonzept erarbeitet: das Konzept zur allgemeinen ambulanten Palliativversorgung (AAPV).

„Viele Menschen benötigen eine AAPV. Doch bisher gibt es sie fast gar nicht“, betonte Dr. med. Carl-Heinz Müller, Vorstand der KBV, auf der Kooperationstagung von KBV und Bundesärztekammer „Ambulante Palliativversorgung – Vision und Wirklichkeit“ am 6. November in Berlin. Der Vertragsentwurf zur AAPV schaffe einen fließenden Übergang zwischen der kurativen und der palliativen Behandlung und schließe die Lücke zur Vollversorgung durch die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV), die nur etwa zehn Prozent aller unheilbar kranken Menschen benötigten.

Konkret sieht das Konzept zur AAPV vor, die in vielen Regionen bereits existierenden Versorgungsstrukturen zu fördern und die AAPV mit einheitlichen Qualitätsstandards bundesweit zu etablieren. Zu den festen Aufgaben der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte sollen regelmäßige Hausbesuche, Schmerztherapie und Symptomkontrolle sowie Beratungsgespräche mit den Patienten und den betreuenden Angehörigen zählen. Der Arzt des Vertrauens soll die Behandlung in Zusammenarbeit mit Vertragsärzten und -psychotherapeuten sowie mit der Pflege und den Hospizdiensten koordinieren und telefonisch erreichbar sein.
Teilnahmevoraussetzungen sind der Nachweis des Basiskurses Palliativmedizin (40 Stunden) und bestehende Kontakte zu den Kooperationspartnern.

Das AAPV-Konzept ergänzt dabei bewusst die Verträge zur SAPV. „Trotz des gesetzlichen Anspruchs weist diese noch große Defizite auf“, kritisierte Müller. Gründer von SAPV-Teams hätten noch immer keine Vertragssicherheit; Verträge seien noch immer nicht mit allen Kassen möglich. Die KBV forderte die Politik auf, die Verträge zur SAPV in den Kollektivvertrag aufzunehmen und nicht mehr dem Wettbewerb zwischen Kassen und Anbietern zu überlassen.

Verständnis für dieses Anliegen zeigte bei der Kooperationstagung Wolfgang Zöller, Patientenbeauftragter der Bundesregierung. „Einen Wettbewerb im Bereich der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung darf es nicht geben“, erklärte er. „Wir müssen leider feststellen, dass wir unser Ziel nicht erreicht haben.“ Gemeinsam müsse man nun Lösungsmöglichkeiten erarbeiten, besonders für den ländlichen Raum.

Die Bundesärztekammer begrüßte den Vertragsentwurf der KBV. „Die Initiative zur AAPV kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Versorgungsstrukturen an die Bedürfnisse der Betroffenen anzupassen“, sagte Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer. Wichtig ist es Fuchs zufolge zudem, die Ärztinnen und Ärzte in der Aus-, Weiter- und Fortbildung auf den Umgang mit sterbenden Patienten noch besser vorzubereiten.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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