THEMEN DER ZEIT

Pflegeberatung: Hilfe für den Alltag

Dtsch Arztebl 2010; 107(47): A-2326 / B-2011 / C-1976

Hibbeler, Birgit

Foto: dpa

Pflegebedürftige und Angehörige haben einen Rechtsanspruch auf Beratung. Das Angebot reicht bis hin zum individuellen Case-Management. Bei der Umsetzung in die Praxis gibt es aber noch Probleme.

Manchmal ist es ein Sturz oder eine Operation, manchmal ein Infekt – und nichts ist mehr so, wie es war. Der Ehepartner oder die Eltern, die eben noch gut zurechtkamen, sind auf Hilfe angewiesen. Manchmal ist es aber auch ein schleichender Prozess, bei dem die scheinbar intakte Fassade immer mehr Kratzer bekommt. Wenn Menschen pflegebedürftig werden, ist das häufig eine enorme Belastung, sowohl für die Betroffenen selbst als auch für ihre Angehörigen.

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Juliane Diekmann kennt diese Probleme nur zu gut. Sie koordiniert die Pflegeberatung der Barmer-GEK. „Oft sind es die Kinder von Pflegebedürftigen, die sich an uns wenden“, berichtet die gelernte Altenpflegerin und Pflegewissenschaftlerin. Aber auch Lebenspartner oder Betroffene selbst nähmen die Beratung in Anspruch. Die Themen sind nach Diekmanns Erfahrung unterschiedlich. „Beim Einstieg in die Beratung geht es oft um praktische Hilfen, zum Beispiel, wie man einen Hausnotruf organisiert“, erläutert die Pflegeberaterin. Welche ambulanten Pflegedienste gibt es in meiner Stadt? Wo kann ich meine demenzkranke Mutter ab und zu für ein paar Stunden betreuen lassen? Wie beantrage ich einen Badewannenlifter? Auch das sind häufige Fragen. „Viele Probleme können wir schon telefonisch lösen“, sagt Diekmann. Wenn sich aber beim ersten Kontakt abzeichne, dass weiterer Gesprächsbedarf bestehe, sei es sinnvoll, ein weiteres Telefonat zu vereinbaren.

In manchen Fällen sei die Problemlage allerdings komplexer – etwa wenn die pflegerische Versorgung umfangreich und der Bedarf an Unterstützung vielfältig seien. Das gelte auch, wenn es unklar sei, ob der Betroffene überhaupt in seinem bisherigen häuslichen Umfeld bleiben könne. Je nach Bedarf seien die Gespräche dann umfangreicher, auch Hausbesuche kämen infrage. „Die Pflegeberatung ist immer dem Einzelfall geschuldet“, erklärt Diekmann.

Seit Anfang 2009 haben Empfänger von Pflegeleistungen und Antragsteller einen Rechtsanspruch auf Pflegeberatung. Geregelt ist das in § 7 a des elften Sozialgesetzbuches. Hier ist die Rede von „individueller Beratung und Hilfestellung“. Für die Barmer-GEK mit ihren circa 8,6 Millionen Versicherten sind 100 Pflegeberaterinnen und -berater tätig. Sie arbeiten in den 79 Regionalgeschäftsstellen und in Pflegestützpunkten vor Ort. Aus Diekmanns Sicht handelt es sich um ein gutes Angebot. Im Prinzip gebe es eine Vielzahl von Hilfsangeboten – angefangen bei den Pflegeleistungen selbst bis hin zu haushaltsnahen Dienstleistungen und ehrenamtlicher Unterstützung. Diese gelte es zu vernetzen.

„Der Erfolg einer Beratung ist aber davon abhängig, ob das Gegenüber mitmacht“, sagt sie. Für sie ist es „Hilfe zur Selbsthilfe“. Wenn man jedoch den Eindruck habe, dass die Betroffenen mit der Situation überfordert seien, werde die Unterstützung intensiviert. Diekmann schätzt, dass bei etwa sieben Prozent der Pflegebedürftigen ein umfassendes Case-Management erforderlich ist. Grundsätzlich könne schon das Erstgespräch bis zu einer Stunde dauern. Allerdings könnten die Pflegeberater nur dann aktiv werden, wenn sie den Auftrag erhielten – auch aus rechtlichen und Datenschutzgründen.

Angebote oft nicht bekannt

Die Versicherten müssen also zunächst einmal wissen, dass sie eine Beratung in Anspruch nehmen können. Doch ist jeder über das Angebot informiert? Da haben Pflegewissenschaftler ihre Zweifel. Die Beratung müsse einfacher zugänglich werden, forderte Dr. Andreas Büscher, Hochschule Osnabrück, beim Contec-Pflegeforum in Berlin. Sogar er als Experte empfinde die Landschaft als unübersichtlich, es müsse den Betroffenen erst recht so gehen. Wichtig ist Büscher: „Die Beratung muss für den Menschen gemacht und nicht in erster Linie systemkompatibel sein.“ Auch der Verbraucherzentrale-Bundesverband (vzbv) sieht Nachholbedarf bei der Transparenz. Wenn Angehörige auf der Homepage ihrer Kasse nach Informationen suchten, hätten sie nicht immer Erfolg. „Man muss sich durchklicken und schon etwas findig sein“, kritisiert Dieter Lang, Referat für Senioren und Pflege beim vzbv. Tatsächlich hat man vielfach nicht den Eindruck, dass die Kassen auf die Beratung aktiv hinweisen – zumal auch nicht jeder Versicherte einen Internetzugang hat.

Übersichtlicher ist das Angebot der privaten Versicherer. Hier kocht nicht jeder sein eigenes Süppchen, sondern der Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) hat die Compass-Pflegeberatung gegründet. Für alle Versicherungen gibt es eine gemeinsame Internetseite und eine Rufnummer. Die Vorteile liegen für Compass-Sprecherin Dr. Sylke Wetstein auf der Hand: „In vielen Familien leben Angehörige nicht mehr in derselben Stadt, derselben Region wie die Eltern.“ Mit der bundesweiten Nummer gebe es eine zentrale Anlaufstelle – unabhängig vom Wohnort. Compass hat zudem zehn Regionalbüros. Aber ist das nicht zu wenig für 9,3 Millionen PKV-Versicherte? Nein, meint Wetstein. Es handle sich nicht um Beratungscenter, sondern Treffpunkte für die Teams. Die Beratung finde zu Hause, in Kliniken oder Heimen statt.

Pflegeberatung ist im Prinzip eine gute Sache. Verbraucherschützer bezweifeln allerdings, ob sie ausgerechnet bei den Versicherungen gut aufgehoben ist – egal, ob nun gesetzlich oder privat. Wer die Leistungen bezahle, solle nicht beraten, sagt Lang von der vzbv. „Ich sehe da einen Interessenkonflikt.“ Zwar nähmen die Kassen für sich in Anspruch, die Interessen ihrer pflegebedürftigen Mitglieder zu vertreten, sie seien aber auch den anderen Versicherten verpflichtet und hätten ein Interesse daran, die Beiträge stabil zu halten. Die Beratung gehöre daher in unabhängige Hände.

Unterschiedliche Qualität

Pflegeberatung kann telefonisch stattfinden – oder persönlich. Eine Möglichkeit ist dabei die Beratung in einem Pflegestützpunkt. Es handelt sich um Anlaufstellen, die zum Beispiel bei den Pflegekassen oder den Kommunen angesiedelt sind. Auch die privaten Versicherer sind zum Teil eingebunden oder haben Kooperationsverträge. Pflegestützpunkte gibt es noch nicht überall. Ob sie eingerichtet werden, ist Sache der Länder. Die Qualität der Beratung in den Stützpunkten hat Stiftung Warentest kürzlich unter die Lupe genommen und dabei deutliche Unterschiede festgestellt („Test“, Ausgabe 11/2010). Eine umfassende Beratung, wie der Gesetzgeber sie vorsehe, habe es nur in wenigen Fällen gegeben.

Die Unterschiede in der Qualität dürften auch in Zusammenhang mit der Qualifikation der Pflegeberater stehen. Diese ist bisher nicht einheitlich. Zwar hat der GKV-Spitzenverband eine entsprechende Empfehlung vorgelegt, bis Ende Juni 2011 gilt aber eine Übergangsfrist. Dann werden die Kassen auch eine erste Evaluation der Pflegeberatung vorlegen.

Dr. med. Birgit Hibbeler

So beraten die Kassen

Seit Januar 2009 gibt es einen Rechtsanspruch auf kostenlose Pflegeberatung (§ 7 a Sozialgesetzbuch [SGB] XI). Pflegebedürftige und Angehörige können sie telefonisch oder persönlich in Anspruch nehmen. Die Kassen informieren zum Beispiel auf ihren Internetseiten über das Angebot. Nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes fanden 2009 circa 144 000 Beratungen statt, davon etwa 55 000 als Hausbesuch.

Pflegeberatung kann in „Pflegestützpunkten“ (§ 92 c SGB XI) stattfinden. Diese existieren bisher aber nicht flächendeckend, ihre Einrichtung ist Ländersache. Mittlerweile gibt es mehr als 300 dieser Stützpunkte.

Das bieten die Privaten Versicherer

Für privat Versicherte ist das Beratungsangebot übersichtlicher als für Kassenpatienten. Der Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) hat die „Compass-Pflegeberatung“ gegründet. Für alle Versicherer gibt es eine gemeinsame Homepage (www.compass-pflegeberatung.de) und eine bundesweit einheitliche Rufnummer (0800/1018800).

Compass hat 180 Pflegeberater und unterhält neben der Zentrale in Köln zehn Regionalbüros. Im Jahr 2009 wurden 41 000 Beratungsgespräche geführt, davon 33 500 telefonisch.

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