MEDIEN

Hirntod: Im Grenzland des Todes

Dtsch Arztebl 2010; 107(48): A-2396 / B-2080 / C-2038

Siegmund-Schultze, Nicola

Organspende darf nicht töten. Für die Entnahme innerer Organe ist deshalb die Diagnose Hirntod Vor- aussetzung. Denn wer hirntot ist, lebt nicht mehr. Auf dieser Begründungskette ruht als moralisch-ethisches Fundament die postmortale Organspende in Deutschland wie in den meisten anderen Ländern. Anders aber als in den USA zum Beispiel ist die Debatte um das Hirntodkonzept hierzulande mit der Verabschiedung des Transplantationsgesetzes 1997 fast verstummt. Das ändert sich gerade, angeregt durch weitere empirische Befunde und neuere Entwicklungen der Medizin.

Die Neuauflage des Buches „Der Hirntod“ liefert einen wichtigen Beitrag zu dieser Debatte. Die medizinisch-wissenschaftliche Sonderstellung des Gehirns sei lange überzeichnet worden, meint Stoecker. Das Bild, der hirntote Organismus sei tot und werde nur von außen durch Maschinen in Gang gehalten, unterschlage die großen Eigenanteile, die der Körper am Erfolg der externen Unterstützung habe. Bei beatmeten Hirntoten könne es mehrere Wochen dauern, bevor ein Verfall innerer Organe zu beobachten sei. Die Neurologie liefere Anhaltspunkte dagegen, dass das biologische Leben mit dem Absterben des Gehirns ende.

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Unabhängig vom Menschenbild, das dem Hirntodkonzept zugrunde liegt, befindet sich der Hirntote biologisch irgendwo im Grenzland des Todes. Die Überzeugung, mit dem Befund „Hirntod“ die klare Zäsur zwischen Leben und Tod erfasst zu haben, sei unhaltbar, so der Autor. Für die Transplantationsmedizin aber scheint die Überzeugung überlebensnotwendig zu sein. Denn die Diagnose Hirntod ist nicht nur Vor- aussetzung für den Abbruch einer Therapie. Für diesen allein wäre es unerheblich, ob der Mensch schon tot ist oder noch stirbt. Nach dem Ende der Behandlung durchläuft er von selbst das Spektrum aller nur möglichen Todesdefinitionen, so der Philosoph Hans Jonas.

Die Organentnahme dagegen könnte Leben beenden. Stoecker plädiert dafür, sich durch das Tötungsverbot nicht einengen zu lassen bei der Suche nach einer moralisch-ethischen Legitimation der Organtransplantation, von der es seiner Meinung nach keinen Weg zurück gibt. Die Auffächerung des Todes durch die moderne Medizin mache es notwendig, auch medizinethische Konzepte aufzufächern unter der Fragestellung: Welchen moralischen Status hat der hirntote Mensch, und wie darf man mit ihm umgehen? Stoecker empfiehlt, die Frage der Zulässigkeit der Organexplantation neu zu führen und abzukoppeln von der Frage, wann ein Mensch tot ist. Der Gesetzgeber habe das Hirntodkonzept übernommen, ohne einen Todesbegriff zu definieren; sprachlich habe er dann „hirntot“ mit „tot“ gleichgesetzt, obwohl dies nicht nur auf naturwissenschaftlicher, sondern auch auf philosophischer Ebene unzulässig sei. In den Begriff „tot“ fließe ein ganzes Bündel von Eigenschaften ein, das ihm starke normative Bedeutung verleihe. Solch traditionell „dicken“ Begriffen wohne zwar eine hohe moralische Überzeugungskraft inne, diese aber lasse sich mit „dünneren“, stärker beschreibenden kompensieren, sofern eine überzeugende ethische Theorie der Transplantationsmedizin dahinterstehe. Moralphilosophisch lasse sich das unauflösbare Dilemma der Hirntoddebatte lösen, indem man einen „schrittweisen Verlust ethischen Gewichts von Menschen in der letzten Phase ihrer Existenz“ akzeptiere. Nicola Siegmund-Schultze

Ralf Stoecker: Der Hirntod. Ein medizinethisches Problem und seine moralphilosophische Transformation. 2. Auflage, Verlag Carl Alber, Freiburg i. Br. 2010, 367 Seiten, kartoniert, 36 Euro

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