POLITIK

Organallokation: Die Suche nach dem passenden Empfänger

Dtsch Arztebl 2010; 107(48): A-2369 / B-2053 / C-2017

Klinkhammer, Gisela

Wie Eurotransplant Organe vermittelt. Ein Besuch im niederländischen Leiden

Es ist früher Nachmittag im dritten Stock des Eurocenters am Rand der Universitätsstadt Leiden. In der Organvermittlungsstelle Eurotransplant (ET) sitzen zwei Mitarbeiterinnen an ihren PCs und telefonieren mit Transplantationszentren. Über ihren Köpfen schwebt ein Monitor: Er zeigt die elektronischen Spendermeldungen aus den Ländern des ET-Verbunds. Die Mitarbeiterinnen prüfen die medizinischen Daten und übertragen sie in ein Formular. Dann beginnt die Suche nach möglichen Empfängern.

Foto: mauritius-images
Anzeige

Dr. med. Axel Rahmel, Ärztlicher Direktor von ET, erläutert den Prozess der Allokation an einem Beispiel vom Vortag. Von einem Spender stehen zwei Nieren zur Verfügung. Der Computer durchsucht die Datenbank zunächst nach einem passenden, hochimmunisierten Empfänger. Wartepatienten mit präformierten Anti-HLA-Antikörpern haben Vorrang vor allen anderen, da es für sie besonders schwer ist, ein passendes Organ zu finden. Für diese Gruppe gibt es das Acceptable-Mismatch-Programm. Bei der Vorbereitung für die Aufnahme in dieses Programm werden HLA-Merkmale und präformierte Antikörper im ET-Referenzlabor in Leiden intensiv untersucht.

Gibt es keinen passenden Empfänger aus dem Acceptable-Mismatch-Programm, erstellt das Computerprogramm eine Rangliste nach einem komplexen Algorithmus, der die vom Gesetzgeber vorgegebenen Kriterien Dringlichkeit und Erfolgsaussicht berücksichtigt. In den Punktescore für die Nieren fließen im Wesentlichen fünf Faktoren ein: Die Zahl der zwischen Spender und Empfänger übereinstimmenden Gewebemerkmale, die Wahrscheinlichkeit, für einen Wartenden ein sehr gut passendes Organ zu finden, die Wartezeit, die Entfernung zwischen dem Zentrum der Organspende und dem der Implantation und schließlich die Austauschbilanz zwischen den Nationen. „Der vorrangige Patient hat zum Beispiel 925,35 Punkte“, erläutert Rahmel, „der nächste hat 898, dann kommt ein Patient mit 879 Punkten. Die Blutgruppe ist für die Allokation aller Organe relevant, auch die Größe des Organs, vor allem bei Lebern, Herzen und Lungen.

Nach dem deutschen Transplantationsgesetz (TPG) ist jedes Krankenhaus verpflichtet, bei Verdacht auf einen möglichen Hirntod eines Patienten dies dem jeweiligen Transplantationszentrum zu melden, das dann die Deutsche Stiftung Organtransplantation zu unterrichten hat (§ 11 [4] TPG). Das Transplantationszentrum hat in Zusammenarbeit mit der Koordinierungsstelle zu klären, ob die Voraussetzungen für eine Organentnahme vorliegen. Mit dem Abschluss der Hirntoddiagnostik steht der Todeszeitpunkt fest. Hat der Verstorbene nicht zu Lebzeiten seinen Willen dokumentiert, muss mit den Angehörigen der mutmaßliche Wille ermittelt werden (erweiterte Zustimmungslösung). Erst wenn eine Einverständniserklärung vorliegt, dürfen Organe entnommen werden.

Die meisten Spendermeldungen gehen am späten Nachmittag ein. „Wenn das Pflegepersonal nachts feststellt, dass ein Patient möglicherweise hirntot ist, läuft im Allgemeinen morgens die Hirntoddiagnostik an. In der Regel ist diese und das Einholen des Einverständnisses am frühen Nachmittag abgeschlossen, ebenso die Spendercharakterisierung. ET erhält dann häufig am späten Nachmittag die Spendermeldung, und in der Nacht kann die Entnahme erfolgen“, berichtet Rahmel.

Der Kardiologe Axel Rahmel ist seit 2005 Ärztlicher Direktor bei Eurotransplant. Foto: privat

17.30 Uhr: Eine ET-Mitarbeiterin in dem rund um die Uhr besetzten Büro ruft ein Transplantationszentrum an: Die drei Patienten mit den höchsten Punktwerten werden alle im selben Zentrum behandelt. Grundsätzlich werden beide Nieren parallel oder kurz nacheinander angeboten. Akzeptieren die Ärzte das Organ, informieren sie den Patienten. Es folgt eine Abklärung möglicher Kontraindikationen für eine Transplantation, zum Beispiel eine aktuelle Infektion oder eine Verschlechterung der Herz-Kreislauf-Situation.

19.16 Uhr: Rückruf des Transplantationszentrums. Die Patienten eins und drei sind nicht transplantabel. Für den zweiten wird die linke Niere akzeptiert.

19.32 Uhr: Die rechte Niere wird weiter angeboten.

20.01 Uhr: Rückmeldung des Transplantationszentrums: Der Spender sei zu alt. „Der Spender war 54 Jahre, der mögliche Empfänger wäre 14 Jahre alt gewesen, da ist die Ablehnung nachvollziehbar“, sagt Rahmel.

20.10 Uhr: Anruf beim nächsten Transplantationszentrum.

20.52 Uhr: Dieses ruft zurück mit der Mitteilung, die Niere werde angenommen. Ein Transplantationszentrum, dem bereits ein Reserveangebot unterbreitet wurde, erhält nun eine Absage.

Um 14.53 Uhr desselben Tages: ET wird eine Leber angeboten.

14.57 Uhr: Das zuerst kontaktierte Transplantationszentrum hält den potenziellen Empfänger für transplantabel.

22.26: Inzwischen ist das Organ in die entsprechende Klinik transportiert worden. Der Transport der Organe muss schnell erfolgen, unter Umständen wird ein Helikopter oder ein Flugzeug benutzt. Aber die Ärzte vor Ort lehnen das Organ ab. Sie halten die Qualität der Leber offenbar für schlechter als das Entnahmeteam.

22.29 Uhr: Ein ursprüngliches Reserveangebot, das wegen der Zusage des als Erstes kontaktierten Zentrums zurückgezogen wurde, wird wiederholt. Es kommt eine Absage: Es hält die Leber, ebenso wie die Kollegen, für zu verfettet.

22.33 Uhr: Anruf beim nächsten Transplantationszentrum.

22.46 Uhr: Das Angebot wird auch hier abgelehnt. Dazu Rahmel: „Drei unterschiedliche Transplantationszentren haben also mit der Argumentation, dass die Leber zu verfettet sei, die Transplantation abgelehnt. Was kommt dann? Das beschleunigte Vermittlungsverfahren. Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer erfolgt dies immer dann, wenn mindestens drei unabhängige Zentren ein Organ aus medizinischen Gründen abgelehnt haben. Bei der Niere sind es fünf.“ Das beschleunigte Vermittlungsverfahren bedeutet eine bevorzugte Allokation in der Region, in der das Organ zuletzt angeboten worden war.

23.12 Uhr: Eines der dort angefragten Transplantationszentren hält die Leber für geeignet. Nach circa acht Stunden ist die Vermittlung abgeschlossen.

Wenn auch dieses Zentrum die Leber abgelehnt hätte, wäre sie noch einmal dem Entnahmezentrum angeboten worden. „Es hat die Leber ja für transplantabel gehalten“, sagt Rahmel. „Man kann also davon ausgehen, dass es die im eigenen Zentrum entnommene Leber dann auch transplantiert hätte. Doch auch das ist nicht immer der Fall.“ Wenn das entnehmende Zentrum die Leber ebenfalls abgelehnt hätte, wäre sie verworfen worden.

Am Tag nach der Allokation wird jeder einzelne Schritt noch einmal genau überprüft und protokolliert, die Mitarbeiterinnen nehmen noch einmal Kontakt mit den Transplantationszentren auf. Erst wenn auch ihre Rückmeldung sorgfältig dokumentiert wurde, ist der Vorgang abgeschlossen.

Gisela Klinkhammer

Geschichte und Perspektiven von Eurotransplant

Eurotransplant (ET) ist die älteste länderübergreifende Organaustauschorganisation weltweit. Gegründet wurde sie im Jahr 1967 in Leiden von dem niederländischen Immunologen Jon van Rood. Dessen inzwischen bestätigte Hypothese: Bei weitgehender HLA-Identität von Spender und Empfänger wird die Abstoßung eines Transplantats unwahrscheinlicher. Wegen des hohen Polymorphismus von abstoßungsrelevanten Genen benötigt eine gewebekompatible Vermittlung einen großen Spender-Empfänger-Pool.

Im September 1967, nur wenige Wochen nach Gründung von Eurotransplant, wurde die erste postmortal gespendete Niere vermittelt. Ein Jahr darauf erschien der erste ET-Newsletter mit Kurznachrichten für alle beteiligten Chirurgen, Nephrologen und Immunologen. Bereits im Januar 1968 wurde ET von 27 kooperierenden Zentren in Belgien, Deutschland und den Niederlanden unterstützt. „Weil die Ergebnisse so gut waren, haben immer mehr Zentren freiwillig am Verbundsystem teilgenommen“, sagt der Ärztliche Direktor, Dr. med. Axel Rahmel. Seit 1979 wurden außer Nieren auch andere Organe vermittelt, bis Ende 2010 dürften es insgesamt circa 141 000 werden. Statistisch wird jedes sechste Organ transnational vergeben. Optimale Gewebeverträglichkeit gibt es bei 20 Prozent der Nieren.

Heute gehören zu ET außer den Niederlanden Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Österreich und Slowenien; insgesamt leben in der ET-Region 124,5 Millionen Menschen. Es kooperieren Transplantationszentren, Gewebetypisierungslabore und alle Krankenhäuser, die Organ explantieren.

„In der Vergangenheit war der Forschungsanteil größer, heute steht der Servicecharakter eher im Vordergrund“, erläutert ET-Generaldirektor Arie Oosterlee. Um eine im Sinne der Mitgliedsländer optimale Verwendung gespendeter Organe zu ermöglichen, konzentriert sich ET auf drei Kernbereiche: die Allokation, die Weiterentwicklung von Allokationsalgorithmen sowie die Sammlung und Auswertung von Daten. Register sind unerlässlich, um den Einfluss zahlreicher Faktoren auf Dringlichkeit und Erfolgsaussicht qualitativ und quantitativ bewerten zu können, aber auch für die Qualitätssicherung. In dem von der EU-Kommission geförderten EFRETOS-Projekt werden dazu Daten aus Europa zusammengeführt.

Die Voraussetzungen, die ein Land erfüllen muss, um ET beizutreten, sind umfangreich und klar definiert. „Wir haben Interesse daran, den Verbund von ET zu erweitern, und umgekehrt sehen vor allem kleinere Länder eine große Chance, durch internationale Kooperation die Transplantation zu optimieren“, sagt Oosterlee. Mögliche Kandidaten gebe es in Osteuropa mit Estland, Serbien und Ungarn, aber auch mit größeren mitteleuropäischen Ländern ließen sich Kooperationen intensivieren. Oosterlee: „Wir würden uns wünschen, dass sich die Politik stärker um Kontakte und verbindliche Vereinbarungen mit anderen Ländern bemüht und den Rahmen für Überwachungsaufgaben klarer absteckt.“

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige