THEMEN DER ZEIT

Geschichte der Medizin: Die unsterblichen Zellen der Henrietta Lacks

Dtsch Arztebl 2010; 107(48): A-2387 / B-2067 / C-2029

Neumann, Brigitte

Henrietta Lacks und ihr Mann David im Jahr 1945. Henrietta starb 1951 nach einer Tumorerkrankung. Foto: Lacks Family

Tausende von Patenten wurden unter Verwendung ihrer Zelllinien entwickelt, aber den Nachkommen fehlt heute noch das Geld, zum Arzt zu gehen.

Rebecca Skloot bestellt Kamillentee. „Diese Interviews sind Gift für die Stimme.“ Der Tee kommt, die Autorin ist nervös. „Nein, bloß kein Zucker!“ Sie ordnet die Falten ihres dunkelblauen Wollkleides und lächelt verbindlich: „Seit das Buch 2009 in den USA herauskam, bin ich unterwegs: Lesungen, Vorträge, öffentliche Veranstaltungen mit der Familie Lacks.“ Skloot möchte am liebsten nach Hause aufs Sofa, muss aber schweren Herzens akzeptieren, dass das jetzt nicht geht. Denn sie hat einen Weltbestseller geschrieben. „Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks“, eine Geschichte aus der Wirklichkeit, die nicht zuletzt auch Ärzte interessieren sollte.

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Ein Teil der Faszination, die das in 18 Sprachen übersetzte Buch ausübt, rührt her von Skloots Spiel mit einem der Urbilder des Grauens: dem der alles überwuchernden, schließlich todbringenden Fruchtbarkeit. Grimms Märchen vom süßen Brei handelt davon. Und die Autorin bestätigt: „Da ist bis heute etwas Unheimliches an den Krebszellen von Henrietta Lacks. Nicht nur, dass sie damals in Rekordgeschwindigkeit jedes Organ der 30-jährigen Patientin besiedelten. Sie waren die ersten Zellen, die sich auch außerhalb des menschlichen Körpers teilten. 1951 war das die Sensation in der Medizin.“

Äußerst aggressive Zellen

Als die afroamerikanische Patientin schon kurz nach der Entdeckung einer Geschwulst im Gebärmutterhals starb, wunderten sich die Ärzte noch, berichtet Skloot in ihrem Buch. Doch George Gey, Leiter der Abteilung für Gewebekulturforschung am Johns-Hopkins-Krankenhaus in Baltimore, verstand nach einem Blick in die Petrischale sofort den Grund. Die Zellen von Henrietta Lacks waren die aggressivsten und robustesten, die er je zu Gesicht bekommen hatte. „Und bis heute ist nicht ganz geklärt, was sie so widerstandsfähig macht“, ergänzt Rebecca Skloot.

Die Zelllinie wurde nach Henrietta Lacks HeLa genannt und ging in Serie. Wissenschaftler hofften seinerzeit, unter Verwendung der Zellen den Krebs besiegen zu können. Ganz so weit kam es nicht. Aber HeLa war immerhin beteiligt an der Entwicklung eines Brustkrebsmedikaments, auch an der des Polioimpfstoffs und an der Entwicklung von Arzneien gegen Parkinson und Leukämie.

Kein Geld für die Familie

Ungeheure Mengen von HeLa-Zellen wurden bis heute produziert. Und obwohl nun auch weitere menschliche Zelllinien verfügbar sind, gehört HeLa zum grundlegenden Laborarsenal jedes Biotechunternehmens. Die Branche verdient seit mehr als 50 Jahren gut mit dem Verkauf der Zellen. „Es gibt mehr als 17 000 Patente und 60 000 Forschungsergebnisse, die auf HeLa-Zellkulturen basieren“, schreibt die US-amerikanische Wissenschaftsjournalistin Skloot.

Die Familie der Spenderin jedoch konnte nicht davon profitieren. Henrietta Lacks selbst lebte in einer Hütte aus der Sklavenzeit. Sie war arm und hinterließ eine sechsköpfige Familie. Auch ihren Kindern und Enkelkindern geht es heute nicht viel besser. Seit zehn Jahren, seit Beginn des Buchprojekts, verkehrt Skloot bei der Familie: „Für sie ist der problematische Kern der Geschichte die Diskrepanz – auf der einen Seite die Zellen Henriettas, die so viel für die Menschheit getan haben und mit denen einige Firmen sehr viel Geld verdienten, und auf der anderen Seite sie selbst, denen bis heute das Geld fehlt, zum Arzt zu gehen“, übersetzt Skloot den Ärger der Familie.

HeLa-Zellen gehören zum grundlegenden Laborarsenal jedes Biotechunternehmens. Foto: Wikipedia

Sie hat eine Stiftung gegründet, in die Teile der Bucheinnahmen fließen und die Spenden der Leser. Fünf Ururenkeln von Henrietta Lacks konnten so Schulgeld und Bücher bezahlt werden. Auf Spenden der von den HeLa-Zellen profitierenden Unternehmen warten Skloot und die Familie jedoch bisher vergebens. Aber die Autorin kann nachvollziehen, was die Verantwortlichen zurückhält: „Die Gewebeforschung ist so wichtig. Wir brauchen sie für die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten. Und die Wissenschaftler sind besorgt: Wenn nun etwas passiert, was nur entfernt einer Entschädigung für entnommenes Gewebe ähnelt, dann, so glauben sie, würden die Leute ihr Gewebe nicht mehr hergeben. Und dann könnte nicht mehr geforscht werden. Ich glaube das nicht. Ich glaube, die Menschen wollen der Wissenschaft helfen. Sie verstehen das. Sie wollen nur nicht im Nachhinein herausfinden, dass man an ihrem Gewebe forscht oder damit ein Geschäft macht.“

Fehlender Respekt schafft Groll. Der Fall der Familie Lacks ist ein Beispiel dafür. Die Angehörigen von Henrietta fühlten sich gedemütigt, weil sie nicht verstanden, was vor sich ging. Hatten Angst, hinters Licht geführt, benutzt zu werden. Gerüchteweise hatten sie davon gehört, dass in den 30er Jahren Wissenschaftler des Tuskegee-Instituts schwarzen Syphilispatienten zu Forschungszwecken beim Sterben zusahen, obwohl ausreichend Penicillin zu ihrer Rettung zur Verfügung gestanden hätte. Skloot zitiert den seinerzeit diensthabenden Gynäkologen am Johns-Hopkins-Krankenhaus aus einem nicht näher bezeichneten Schriftstück mit den Worten: „Das Hopkins mit seinem großen Bestand mittelloser Farbiger hatte keinen Mangel an medizinischem Material.“

Mit 16 Jahren, im Biologieunterricht, hatte Skloot zum ersten Mal von den HeLa-Zellen und ihrer Spenderin, der fünffachen Mutter Henrietta Lacks, erfahren. Seinerzeit war es ihre Aufgabe gewesen, den schwer kranken Vater viermal die Woche in eine Klinik zu begleiten, wo ein neues Medikament an ihm getestet wurde. Sie erzählt, dass sie Angst hatte, ihr Vater müsse sterben, und dass sie sich aus diesem Grund sofort dafür interessierte, wie die Kinder von Henrietta das aufgenommen hätten: Die Mutter ist tot, aber ihre Zellen leben weiter. Das wisse er nicht, gab ihr Biologielehrer zurück. „In diesem Moment war klar, dass ich das herauskriegen muss.“

Langer Weg zum Vertrauen

Aber die Aufgabe erforderte äußerste Geduld und Hartnäckigkeit, denn die Familie Lacks war Weißen gegenüber zutiefst misstrauisch: „Manchmal haben sie mir für eine Weile vertraut, dann argwöhnten sie, jemand hätte mich geschickt, um auch ihre Zellen zu klauen.“ Tatsächlich waren nach Henriettas Tod weiße Wissenschaftler zu den Lacks nach Hause gekommen und hatten auch Gewebeproben des Ehemannes und aller Kinder genommen. Die Familie hatte nicht gewagt, sich zu weigern. Ohne um Erlaubnis zu bitten, hatte das Krankenhaus Henriettas Krankenakte zur Veröffentlichung freigegeben. „Und es gab sogar jemanden, der die Krankenakten der Familie stehlen wollte, weil er dachte, dass damit Geld zu machen sei. Vertrauen in andere Menschen zu setzen, war für diese Familie unmöglich geworden. Ich habe verstanden wieso. Und deshalb hatte ich den langen Atem, der für dieses Projekt notwendig war.“

Skloot hat die zehn Jahre dauernde Arbeit an dem Buch „Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks“ mit Studentendarlehen, Kreditkarten und Jobs als Serviererin und Aushilfe im Krankenhaus finanziert. Es ist eine zutiefst humane Arbeit, fast ein diplomatisches Ringen um Verständigung zwischen Wissenschaft und Patient. Weiß und Schwarz. Arm und Reich. Höhepunkt ist der Besuch Skloots mit einem Sohn und einer Tochter von Henrietta bei dem österreichischen Mediziner Christoph Lengauer am Johns-Hopkins-Krankenhaus in Baltimore, wo Lacks einst behandelt wurde und unwissentlich zwei münzgroße Gewebestückchen spendete. „Er nahm sich 2001 die Zeit, Deborah und Zakariyya zu treffen und ihnen alles zu erklären. Dreißig Jahre lang hatte sich niemand aus der Forschergemeinschaft die Mühe gemacht. All die Jahre hatte die Familie versucht, sich einen eigenen Reim auf den Tod ihrer Mutter und die berühmten unsterblichen Zellen zu machen.“ Skloot schildert ein Beispiel: „Als die Wissenschaftler David, dem Ehemann von Henrietta Lacks mitteilten, sie hätten lebende Zellen seiner Frau im Labor, verstand der, sie hätten seine Frau in eine Zelle gesperrt. Als sie richtigstellten, dass sie nur mit ihren Zellen arbeiteten, fragte er, ob seine Frau dabei Schmerzen habe.“

Rebecca Skloot blickt weder auf das Unwissen der Familie Lacks herab noch verteufelt sie die manchmal arg distanzierte Haltung der Wissenschaftler. „Meine Ausgangshypothese beim Recherchieren war nicht, dass sie üble Genossen sind. Für mich war es wichtig, die Geschichte auf eine ausbalancierte Art zu erzählen, die zeigt, was die Wissenschaftler Gutes taten, und auch, wie die Familie darunter litt, und wie sie überhaupt an den Härten des Lebens litt. Das alles geht auf die Erfahrung mit meinem kranken Vater zurück. Damals erkannte ich, wie wichtig die Medizin für unser Leben ist.“

Brigitte Neumann

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