MEDIEN

Krankenmord im NS-Staat: Opfer und Täter

Dtsch Arztebl 2010; 107(49): A-2454 / B-2128 / C-2086

Jachertz, Norbert

Die große Monografie über den als Euthanasie bezeichneten Krankenmord im NS-Staat steht noch aus. Es wäre an der Zeit. Bis dahin bietet dieser Sammelband indes eine gute, wissenschaftlich seriöse Übersicht, zumindest über den zentral organisierten Mord an (zumeist) Erwachsenen, der unter der Chiffre T4 lief.

Die „AktionT4“ war gründlich organisiert: Die Reichsarbeitsgemeinschaft für Heil- und Pflegeanstalten kümmerte sich um die Erfassung der Patienten mittels Meldebögen, die Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege sorgte für Gebäude und Personal, die Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft fuhr die Patienten quer durch das Deutsche Reich von den Pflegeanstalten über diverse Zwischenstationen zu den Gaskammern in den sechs Tötungsanstalten, die Zentralverrechnungsstelle rechnete die Pflegekosten der dort Umgebrachten penibel ab. Zusammengefasst war dieser bürokratische Apparat in der Tiergartenstraße 4, Berlin W 35 (dort, wo inzwischen die Philharmonie steht), weshalb der zentral organisierte Krankmord der Nationalsozialisten heute als „Aktion T4“ bezeichnet wird. T4 dauerte von Januar 1940 bis August 1941 und kostete 70 000 Patienten das Leben.

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In diesem Sammelband beschreiben 46 Autoren präzise, wie es zu den Krankenmorden kam, wie sie organisiert wurden, wer die Täter waren und was aus ihnen wurde. Sie befassen sich mit den ideologischen, wissenschaftlich daherkommenden Vordenkern und versuchen, die Motive der Mörder an den Schreibtischen und in den Anstalten zu ergründen; sie suchen nach Spuren des Widerstandes. Nicht zuletzt schlagen sie den Bogen zur Gegenwart: Könnte es sein, dass in einer Krise die schwächsten der Kranken wieder zu den Verlierern gehören? Gibt es eine gedankliche Verbindung von der „Erlösung“ einzelner Kranker von ihren Schmerzen über die Rechtfertigung systematischer Tötung Schwerstkranker aus Mitleid bis zum Krankenmord aus Nützlichkeitserwägungen? Eine heikle Frage, die viele Tabus berührt.

Die NS-Aktionen war zwar geheim, aber weithin bekannt, zumindest ahnte die Bevölkerung, was vorging, ohne es sich vielleicht eingestehen zu wollen. Widerstand kam, abgesehen von einigen mutigen Angehörigen und von wenigen Verantwortlichen in Krankenhäusern und Verwaltungen, von den Kirchen, wenn auch zunächst zögerlich.

Das Buch geht auf eine Heidelberger Tagung im Jahr 2006 zurück. Die wiederum schloss ein von der DFG gefördertes Projekt Heidelberger Psychiater und Historiker ab, bei dem überraschend aufgefundene Akten von T4-Opfern ausgewertet wurden. Lange galten die Akten der 70 000 Opfer als vernichtet. Doch 30 000 Akten gelangten auf verschlungenen Wegen nach Thüringen, wo sie 1960 von der Stasi sichergestellt wurden. Die hielt sie geheim und legte eine Täterkartei an, wohl um im Bedarfsfall Belastungsmaterial zur Hand zu haben.

Für das Heidelberger T4-Projekt sind 3 000 dieser Akten ausgewählt und sowohl systematisch (etwa: Nach welchen Kriterien wurden die Meldebögen ausgefüllt und die Patienten schließlich selektiert?) als auch individual-biografisch erschlossen. Entstanden sind aus den spärlichen Zeugnissen eine Reihe von Opferbiografien, einige sind in diesem Band versammelt, weitere in einem bereits 2007 publizierten Buch („Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst“). Somit konnte den vielfach vergessenen Opfern Gesicht und Stimme verliehen werden. Gleichwohl, dieser Sammelband nimmt unweigerlich vornehmlich die Täter in den Blick. Denn sie haben mit ihrer peniblen Buchhaltung, ihren Aktenvermerken und Korrespondenzen ihre Spuren hinterlassen und: Sie haben die Morde begangen. Ohne schlechtes Gewissen übrigens. Norbert Jachertz

Maike Rotzoll, Gerrit Hohendorf, Petra Fuchs, Paul Richter, Christoph Mundt, Wolfgang. U. Eckart (Hrsg.): Die nationalsozialistische „Euthanasie“–Aktion „T4“ und ihre Opfer. Schöningh, Paderborn 2010, 463 Seiten, gebunden, 48 Euro

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