THEMEN DER ZEIT

NS-Medizin: Die Sicht deutscher Emigrantenärzte auf die NS-„Rassenhygiene“

Dtsch Arztebl 2010; 107(50): A-2494 / B-2168 / C-2124

Pross, Christian

Sinnvolle Ziele der Eugenik seien pervertiert und kompromittiert worden, lautete ein Erklärungsmuster.

Alexander Mitscherlich, Beobachter der Westdeutschen Ärztekammern beim Nürnberger Ärzteprozess, sprach davon, dass der Nationalsozialismus nur der Beginn einer „unbarmherzigen Epoche“ gewesen sei. Dies führte zu der Frage, ob die medizinischen Verbrechen im Nationalsozialismus einzigartige und absonderliche Erscheinungen oder ob sie der extreme Auswuchs allgemein verbreiteten Denkens und wissenschaftlicher Konzepte in der damaligen Medizin waren. Um darauf eine Antwort zu finden, führte der Autor in den Jahren von 1983 bis 1990 während verschiedener Forschungsaufenthalte in Israel und den USA Interviews mit aus Nazideutschland vertriebenen jüdischen Ärzten und wertete deren Publikationen und Nachlässe aus.

Die „Ausmerze schlechter Menschenkeime“ erschien auch vielen der emigrierten deutschen Ärzte als eine sinnvolle Maßnahme zur Gesunderhaltung des Volkskörpers. Foto: Jakob Graf, Biologie für Oberschule und Gymnasium, 1940
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Diese Emigrantenärzte lassen sich nach ihren Einstellungen zur Eugenik in sechs Gruppen einteilen:

  • Sexualreformer: Diese begrüßten das 1934 verabschiedete „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ als sinnvolle eugenische Maßnahme zur „Ausmerze schlechter Menschenkeime“ (Magnus Hirschfeld), lehnten jedoch die zwangsweise mit Gewaltanwendung verbundene Sterilisierung ab. Sie kritisierten das Gesetz als Ausrottungsfeldzug gegen die Unterschichten. Die gute Sache der Eugenik werde in den Händen der Naziquacksalber missbraucht und diskreditiert.
  • Kritiker der Eugenik: Die eugenische Bewegung hatte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Befürworter in allen politischen und weltanschaulichen Lagern, und es gab nur wenige Gegenstimmen. Einer der entschiedensten Kritiker war der Psychiater Karl Stern, der als Mitarbeiter des Rassenhygienikers Ernst Rüdin an der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München noch bis 1935 die Umsetzung des Sterilisierungsprogramms selbst erlebt hatte. Stern meint rückblickend: „Angesichts der Veraschung in den Konzentrationslagern und des Geisteskrankenmords während des Krieges, ist diesem frühesten aller Nazigreuel viel zu wenig in Geschichtsbüchern Beachtung geschenkt worden.“ Die von ihren statistischen Zahlenspielen begeisterten Wissenschaftler im Münchener Institut hätten den „Triumph einer soldatischen, spartanischen Lebensweise über die Verworrenheiten und Qualen der menschlichen Seele“ verkörpert. In den „Hunderten von Gefäßen mit Hirnen und Tausenden von bunt gefärbten und auf Glasplättchen montierten mikroskopischen Schnitten“ schien allem der Stachel genommen und das „Tier“ Mensch gezähmt worden zu sein. Im demokratischen Milieu der USA habe er, Stern, ähnliche Forderungen nach Sterilisation und Tötung von Geisteskranken gehört, wie sie in Nazideutschland praktiziert wurden. „Von einem streng pragmatischen Gesichtspunkt aus betrachtet in Abwesenheit eines metaphysischen Bildes vom Menschen fehlt jeglicher Grund gegen einen solchen Schritt.“ Die Menschen in den westlichen Demokratien hielten an der überlieferten christlichen Lehre des stellvertretenden Leidens fest, ohne wirklich daran zu glauben. „So klammern wir uns mit einer Hand an den modernen Pragmatismus und mit der anderen an die hebräisch-christliche Philosophie. Aber der Riss klafft immer weiter, und der Augenblick wird kommen, wo eine Hand loslassen muss.“
  • Der Psychiater Fritz Stern gehörte zu den frühen Kritikern rassehygienischer Vorstellungen. Im US-amerikanischen Exil sei er auf ähnliche Überzeugungen und Forderungen nach Sterilisation und Tötung von Geisteskranken getroffen. Foto: Université de Montréal
  • Sozialistische Ärzte: Die Emigranten aus dem „Verein sozialistischer Ärzte“, die sich in der Exilzeitschrift „Internationales Ärztliches Bulletin“ intensiv mit den Geschehnissen in Deutschland auseinandersetzten, identifizierten an zahlreichen Einzelbeispielen die NS-Gesundheitspolitik als einen Ausrottungsfeldzug gegen die Unbrauchbaren und Schwachen. Andererseits waren sie befangen in ihrem eigenen kollektivistischen Gesellschaftsmodell, ihrem positivistischen Wissenschaftsbegriff und ihrer Affinität zur eugenischen Bewegung. Trotz realistischer Sicht der Ereignisse in Deutschland gerieten sie beim Versuch einer tiefergehenden Analyse in Schwierigkeiten, da die NS-Gesundheitspolitik doch eine ganze Reihe ihrer eigenen Vorstellungen praktisch verwirklichte, wenn auch auf eine brutale, rücksichtslose und die ursprünglichen Ziele verkehrende Weise. Es unterlief ihnen infolgedessen eine ganze Reihe von Fehleinschätzungen, wie etwa die, dass die Medizin im Nationalsozialismus von Quacksalbern und Dilettanten beherrscht werde.
  • Konservative Eugeniker: Für diese Gruppe, deren bekanntester Repräsentant der in die USA emigrierte Doyen der psychiatrischen Genetik und Rüdin-Schüler Hans Kallmann ist, waren die Vernichtungsaktionen gegen Kranke im Dritten Reich eher ein Unfall der Geschichte. Ohne den Sündenfall der NS-Rassenhygiene würden eugenische Sterilisierungen und Eingriffe am menschlichen Erbgut heute als völlig akzeptable Methoden der Krankheitsprophylaxe gelten. Diesen Sündenfall hätten „pseudowissenschaftliche“ Scharlatane zu verantworten. In der Hand von kompetenten und seriösen Fachleuten wären solche Verirrungen nie vorgekommen.
  • Ärzte mit kollegialen Bindungen an in Nazideutschland gebliebene Kollegen: Otto Guttentag, ein aus Frankfurt am Main geflohener Internist, war seit den 20er Jahren eng befreundet mit Karl Kötschau, einem Exponenten der „Neuen Deutschen Heilkunde“. 1947 nahm Guttentag während seiner Tätigkeit als Berater des US-Militärregierung wieder Kontakt zu Kötschau auf und setzte sich für dessen Freilassung aus einem Internierungslager für NSDAP-Mitglieder ein. Es verband sie die gemeinsame Kritik an der Schulmedizin und das Interesse an der Homöopathie. Jedoch gab es wesentliche inhaltliche Differenzen zwischen ihnen. Kötschau forderte im Tenor seiner früheren rassenhygienischen Schriften die Heilung des kranken „Volkskörpers“, der durch zu viel „Fürsorge und Schonung“ sowie Mangel an natürlicher Übung geschwächt und dessen Erbmasse durch Zivilisationsgifte sowie „Mangel an Ausmerze und Auslese“ geschädigt sei. Der schwache, chronisch Kranke hatte in Kötschaus Natur- und Leistungsmedizin keinen Platz. Guttentag dagegen setzte sich in seinen Schriften gerade für den Schutz der chronisch Kranken ein. Auf einem Symposium über Menschenversuche 1951 plädierte er für die Abschaffung des Begriffs „hoffnungslos unheilbar krank“. Dieser setze die Hemmschwelle für riskante medizinische Versuche an Todkranken herab und verletze den ursprünglichen Kern der Arzt-Patient-Beziehung als einer Beziehung zwischen dem Arzt als Freund und dem Patient als Hilfsbedürftigen. Guttentag warnte, „nicht die Eroberung der Natur scheint das Grundproblem unserer Zeit zu sein, sondern die Neubestimmung des Menschen . . . Wir müssen vor uns selbst auf der Hut sein, damit wir nicht in unserem Streben nach Wahrheit gesunde Körper schaffen auf Kosten moralisch abgestumpfter Seelen“.
Der emigrierte Henry Sigerist hielt das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses nicht für ein spezifisch nationalsozialistisches Unrecht. Es wäre auch ohne die Nazis gekommen. Foto: Stadtarchiv Schaffhausen

Die Wiederaufnahme der freundschaftlichen Beziehungen durch Guttentag nach dem Krieg war entlastend für Kötschau, dabei kam ihm dieser sehr weit entgegen und spielte die sozialdarwinistischen und rassistischen Inhalte von Kötschaus Schriften herunter.

  • Sachverständige im Nürnberger Ärzteprozess und Berater der „Reeducation“: Ein wichtiger Repräsentant dieser Gruppe ist Leo Alexander, ein aus Frankfurt am Main emigrierter Nervenarzt. Im Sommer 1945 kam er als US-Offizier nach Deutschland im Auftrag der alliierten Geheimdienste, um gezielt Kollegen aus der militärmedizinischen und psychiatrisch-neurologischen Forschung zu verhören. Einerseits sollte er nach für das US-Militär verwertbaren Forschungsergebnissen und zu rekrutierenden Wissenschaftlern suchen, andererseits Verbrechen aufdecken. Aus seinen Berichten ist herauszulesen, wie er einerseits fasziniert war von den Entdeckungen seiner Kollegen, von denen er manche aus der Zeit vor 1933 persönlich kannte, andererseits schockiert war über ihre Skrupellosigkeit und Schamlosigkeit im Umgang mit dem „Menschenmaterial“ für ihre Studien. Ende 1946 wurde er vom Militärgericht zum Sachverständigen im Nürnberger Ärzteprozess berufen. Für ihn zeigte der Prozess, dass eine Quelle der Verbrechen in einer durch die Technisierung und Verwissenschaftlichung der Medizin veränderten ärztlichen Haltung zu suchen sei. Das religiös motivierte Mitleid mit dem unheilbar Kranken, der „gute Samariter“ und Hoffnung spendende Arzt gehöre der Vergangenheit an. An dessen Stelle sei eine hegelianische, kaltblütig utilitaristische Philosophie, ein rational machbares Konzept von Heilung beziehungsweise Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit getreten, unter dem der unheilbare und chronisch kranke Patient stigmatisiert werde als Sand im Getriebe und unerwünschter Ballast. Diese Tendenz sei auch in den USA weit verbreitet. Von der Abschiebung chronisch Kranker in zweitklassige Pflegeabteilungen zur Deportation in Tötungszentren sei zwar eine gewisse Schwelle zu überschreiten, dennoch sei es ein logischer Schritt.

Die Aussagen in den Interviews erfolgten aus der heutigen rückblickenden Perspektive und sind beeinflusst durch die Erkenntnisse, die man im Nachhinein durch die Prozesse und die historische Forschung erworben hat. Die schriftlichen Zeugnisse aus der Zeit während des Dritten Reichs und unmittelbar danach hingegen geben Aufschluss darüber, wie die Emigrantenärzte spontan auf die Ereignisse in Deutschland reagiert haben. Sie konnten allerdings die Bedeutung und das ganze Ausmaß der Verbrechen damals noch nicht überblicken, was sie teilweise zu folgenden falschen Schlüssen und Erklärungsmustern führte: Die für die Verbrechen verantwortlichen NS-Ärzte waren Scharlatane; die NS-Gesundheitspolitik war rückschrittlich und wissenschaftsfeindlich; die sinnvollen Ziele der Eugenik wurden pervertiert und kompromittiert.

Die auffallend nachsichtige, versöhnliche Haltung gegenüber den deutschen Kollegen hatte auch mit kollegialen Bindungen zu tun, die den Krieg überdauerten. Manche waren beeindruckt von den Erfolgen, zum Beispiel in der Impfstoffforschung und der Luftfahrtmedizin. Man wollte die belasteten deutschen Kollegen nicht zu sehr mit der Vergangenheit konfrontieren, sondern sie in den Aufbau Deutschlands integrieren (das Ziel der Reeducation). Es fällt auf, dass die deutlichste Kritik mit einer Rückbesinnung auf die traditionelle ärztliche Ethik von denen kam, die als Zeitzeugen vor Ort das Ausmaß und die Akteure der Verbrechen selbst gesehen hatten (Stern, Guttentag, Alexander).

Bemerkenswert ist die sowohl von konservativen als auch von linken Kommentatoren praktizierte Schuldzuweisung an den „Scharlatan“ als Prototyp des verbrecherischen Naziarztes. Man findet sie ebenfalls in der Verteidigungsstrategie der in Nürnberg angeklagten Ärzte. Als im Zuge des Ärzteprozesses die führenden deutschen Luftfahrtmediziner von Leo Alexander verhört wurden, schoben sie alle Verantwortung an den tödlichen Dachauer Unterkühlungs- und Höhenversuchen auf den „Scharlatan“ SS-Arzt Sigmund Rascher, der vor Kriegsende umgekommen war und nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden konnte. Die Legende von den Scharlatanen, die in Deutschland zwischen 1933 und 1945 gewütet hätten, sowie die Legende von der Wissenschaftsfeindlichkeit der NS-Medizin ist eine Schutzbehauptung derer, die ihre Träume von der genetischen Verbesserung des Menschen heute wie damals träumen, nur dass ihnen heute eine weitaus verfeinertere und effektivere Technologie zur Verfügung steht. Sie entbindet die Vertreter der Wissenschaft von jeglicher Hinterfragung der Prämissen ihrer eigenen Forschung, wie dies der Genetiker Benno Müller-Hill in seinem Buch „Tödliche Wissenschaft“ aufgezeigt hat.

Henry Sigerist, prominenter Emigrant und in den 40er Jahren so etwas wie eine Leitfigur progressiver Ärztekreise in den USA, forderte dazu auf, das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses als „sozialbiologisches Experiment“ und nicht als Naziunrecht zu betrachten, da es auch ohne die Nazis gekommen wäre. Zwingen uns die Kommentare der Emigrantenärzte zur Medizin im Nationalsozialismus zu der ernüchternden Erkenntnis, dass es vor und auch nach 1933 nur wenige Alternativen im medizinischen Denken gegeben hat zu dem, was in Nazideutschland auf radikale Art und Weise praktiziert wurde? Dass im medizinischen Denken nach der technischen Revolution durch die Naturwissenschaften etwas entstanden war, das den Kern zur Entwicklung zwischen 1933 und 1945 in Deutschland in sich trug und das kaum einer der Beteiligten, weder innerhalb noch außerhalb Deutschlands, erkannt hat? Offenbar meinte Mitscherlich dies, als er 1947 von der „Antlitzlosigkeit einer unbarmherzigen Epoche“ sprach, von einer „tiefen Inhumanität“, die sich „seit langem vorbereitet“ habe.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2010; 107(50): A 2494–6

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Christian Pross
Zentrum Überleben
Turmstraße 21, 10559 Berlin
E-Mail: c.pross@bzfo.de

Eine ausführliche Version dieser Studie mit Quellenangaben kann beim Autor angefordert werden: Pross C: The Attitude of German Émigré Doctors Toward Medicine under National Socialism. Social History of Medicine 2009; 22: 531–52.

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