POLITIK: Kommentar

Massgeschneiderte Medizin: Der wichtige Unterschied zwischen Individuum und Person

Dtsch Arztebl 2010; 107(50): A-2490 / B-2164 / C-2120

Kamps, Harald

Der Schlüterhof im Historischen Museum in Berlin ist im Herbst 2010 festlich geschmückt. Wissenschaftler aus aller Welt feiern den World Health Summit. Es wird auch ein Preis verliehen: der Pfizer Award für Innovation in der biomedizinischen Forschung. Titel der diesjährigen Ausschreibung war: „Neue Anwendungen der personalisierten Medizin bei chronischen Erkrankungen.“ Ich frage mich einen Augenblick, wie viele Hausärzte oder Psychiater sich um den Preis beworben haben. Verliehen wird er an Dr. Manuel Esteller aus Barcelona für „seine Forschung im Bereich der Epigenetik bei Krebserkrankungen und der personalisierten Therapie“.

Ich verstehe die Bedeutung seiner Arbeit – Patienten mit Krebserkrankungen werden jetzt nicht mehr alle über einen Kamm geschoren, sondern die Behandlung wird nach der Analyse der individuellen Genomaktivität angepasst. Manche müssen eine aggressivere Behandlung ertragen, vielen wird dies erspart bei gleichem Nutzen – ein wirklicher Fortschritt, aber ist dies bereits personalisierte Medizin?

Harald Kamps, Facharzt für Allgemeinmedizin, Berlin
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„Die Sprache verkleidet den Gedanken“, hat uns Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus zugerufen und vor der Annahme gewarnt, von der „äußeren Form des Kleides“ gleich auf die „Form des Körpers“ schließen zu können. Vielleicht lohnt es sich, den Begriff der „personalisierten Medizin“ sprachkritisch zu hinterfragen?

Auch die TAILORx-Studie besetzt diesen Begriff: „Testing Personalized Treatment for Breast Cancer“ – so wird das Forschungsprojekt beschrieben. Genauer hingesehen bedeutet die Abkürzung aber: „Trial Assigning IndividuaLized Options for Treatment (Rx)“. Der Titel verweist auf die Metapher des „maßgeschneiderten Kleides“, ist dann aber bescheidener: Es geht um das Individuelle, nicht um das Persönliche.

Wie wichtig ist denn der Unterschied? Die norwegische Moralphilosophin Nina Karin Monsen hat diesem Unterschied ein ganzes Buch gewidmet („Der liebende Mensch“) und sich damit als Philosophin des „Personalismus“ vorgestellt. Der Kern dieser Denkrichtung ist, dass die Person sich frei und verantwortlich entscheiden kann. Personen leben ihr Leben im Dialog mit anderen Menschen. Monsen unterscheidet Massenmenschen, Individuen und Personen. Personen haben eigene moralische Vorstellungen und Wünsche. Personen schreiben ihre eigene Lebensgeschichte. Personen treffen persönliche Entscheidungen, manchmal unverständliche, manchmal im Widerstand zur herrschenden Meinung. Der Person geht es um Werte, die ein sinnvolles Dasein begründen können. Dem Individuum fehlt diese ethische Dimension, der Massenmensch verlässt sich auf die Entscheidungen der Mehrheit.

Die Komplexität des persönlichen Lebens lässt sich mit den Methoden der biomedizinischen Forschung und der Epigenetik nicht erforschen, aber zu einer individualisierten Medizin tragen sie schon bei. Tausende von Frauen warten auf die Ergebnisse der TAILORx-Studie, die sie und ihre Ärzte hinter die genetischen Kulissen des Brustkrebs blicken lassen und vielen eine unnötige Chemotherapie ersparen werden. Eine personalisierte Medizin würde versuchen, Hilfestellung zu geben bei ganz anderen Fragen: Was bedeutet diese Erkrankung für mein Leben, das meiner Kinder, für meine Ehe? Wie kann ich trotz Diagnose ein gesundes Leben führen?

Viele Menschen vermissen in unserem Gesundheitswesen eine personalisierte Medizin. Sie wünschen eine Medizin, die Menschen nicht nur nach
Diagnosen sortiert. Diagnosen sind medizinische Begriffe, die Eigenschaften von Individuen beschreiben. Sie helfen einer Medizin, die zu Diagnosen passende Therapien bereithält. Diagnosen sind da nicht hilfreich, wo sie die persönlichen Eigenschaften eines Menschen verstecken und unsichtbar machen für den Blick und das Ohr des Arztes. Burn-out-Syndrom oder Fibromyalgie sind solche Diagnosen, die eine diagnostische Genauigkeit vortäuschen, aber die persönliche Lebensgeschichte des leidenden Menschen verbergen. Die Hausärztin und der Hausarzt sind Experten für eine personalisierte Medizin. Hausarztmedizin ist in erster Linie personenorientierte Medizin – als akademische Disziplin führt sie aber ein Schattendasein. Für sie gibt es keine hochdotierten Preise. Während die individualisierte Medizin ihren Blick in die molekularen und genetischen Strukturen des einzelnen Menschen richtet, hört die personalisierte Allgemeinmedizin auf die Sprache des Patienten, interessiert sich für die persönlichen Gründe ihrer Patienten, so oder so zu entscheiden, ist neugierig auf das persönliche Netzwerk des Patienten. Personalisierte medizinische Forschung braucht akademische Hilfestellung von Literaturwissenschaftlern, Sprachforschern, Theologen und Philosophen. „Sprache verkleidet den Gedanken.“ Individualisierte Medizin und personalisierte Medizin sind unterschiedliche Kleider.

E-Mail: info@praxis-kamps.de

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