MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Nierenversagen bei HIV-Infizierten Patienten: Mit Nierentransplantation lassen sich gute Ergebnisse erzielen

Dtsch Arztebl 2010; 107(50): A-2502 / B-2174 / C-2130

Siegmund-Schultze, Nicola

Eine HIV-Infektion galt lange Zeit als absolute Kontraindikation für Organtransplantationen. Befürchtet wurde, dass die für Prophylaxe und Therapie von Transplantatabstoßungen erforderliche Immunsuppression den Verlauf der HIV-Infektion ungünstig beeinflussen könne oder die Ergebnisse deutlich hinter denen von Organübertragungen auf Nicht-HIV-Infizierte liegen würden.

Eine prospektive nichtrandomisierte Studie mit 150 terminal nierenkranken HIV-Infizierten unter Federführung von Prof. Michelle E. Roland und Prof. Peter G. Stock von der University of California in San Francisco, USA, widerlegt die Befürchtungen – zumindest für ein ausgewähltes Patientenkollektiv. Voraussetzung für die Teilnahme waren eine hochaktive antiretrovirale Therapie seit mindestens vier Monaten vor der Transplantation, eine CD4-Zellzahl von mindestens 200 Zellen pro µl Blut und eine Viruslast unter der Nachweisgrenze. Schwere opportunistische oder maligne Erkrankungen durften nicht vorliegen. Die Organe stammten zu 32 % von Lebendspendern.

22 % der im Durchschnitt 46 Jahre alten Studienteilnehmer waren hepatitiskoinfiziert, meist mit HCV. Die durchschnittlichen Überlebensraten der Patienten betrugen nach ein und drei postoperativen Jahren 94,6 und 88,2 %, die der Transplantate 90,4 und 73,7 %. Die Organüberlebensraten lagen zwischen denen der Gesamtgruppe im US-amerikanischen Register SRTR und der Gruppe der mindestens 65 Jahre alten Nierenempfänger (Grafik). Die kumulative Inzidenz der Abstoßungen war mit 31 und 41 % nach 12 und 36 Monaten statistisch signifikant um das Zwei- bis Dreifache höher als bei nicht-HIV-infizierten Nierenempfängern. Auch die hohe Rate steroidtherapieresistenter Rejektionen (52 %) habe überrascht, teilten die Autoren mit. Die Lebendorganspende und eine gute Gewebeverträglichkeit wirkten protektiv. Der Progress der HIV-Infektion wurde durch die Transplantation nicht beschleunigt (durchschnittliche Beobachtungsdauer 1,7 Jahre). Die pharmakokinetischen Interaktionen von Immunsuppressiva mit einigen antiretroviralen Medikamenten erforderten aber Anpassungen in Auswahl und Dosierung der Substanzen sowie engmaschige Kontrollen.

Fazit: Für HIV-infizierte, dialysepflichtige Patienten ist die Transplantation eine Therapieoption. Die große Studie bestätige die Entscheidung der Bundesärztekammer aus dem Jahr 2003, die HIV-Infektion aus der Liste absoluter Kontraindikationen in ihren Richtlinien für die Aufnahme in die Warteliste zu streichen, kommentiert Priv.-Doz. Dr. med. Jan-Christian Wasmuth (Universitätsklinik Bonn). Auch wenn die Nierentransplantation bei HIV-Infizierten in Deutschland und anderen Ländern Europas eine quantitativ geringere Bedeutung habe als in den USA, sei das experimentelle Stadium des Verfahrens für ein bestimmtes Patientenkollektiv unter den HIV-Infizierten überwunden.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Peter G. Stock et al.: Outcomes of kidney transplantation in HIV-infected recipients. NEJM 2010; 363: 2004–14.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige