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BRIEFE

PID: Zu großer Pessimismus

Dtsch Arztebl 2011; 108(1-2): A-41 / B-32 / C-32

Werning, Claus

Aus dem Artikel über die Präimplantationsdiagnostik (PID) spricht meines Erachtens ein zu großer Pessimismus. Zudem ist es bedauerlich, dass die Kanzlerin ihre positive Meinung zur PID aus Angst vor den Konservativen in ihrer Partei revidiert hat. Wenn man über die PID diskutiert, sollte man unter anderem folgende Punkte berücksichtigen:

1. Es ist nicht nachvollziehbar, dass die PID verboten werden soll, während die für die Mütter seelisch belastenderen Abtreibungen behinderter Föten straffrei bleiben. Insofern hat der Präsident der Bundesärztekammer recht, wenn er sich nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs über den Fortfall dieser unlogischen Diskrepanz erfreut zeigt.

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2. Man sollte nicht immer fälschlicherweise von Embryonen sprechen, zumal der medizinische Laie damit die Vorstellung von entwickelten Föten verbindet, die dann in den Medien durch entsprechende Fotos dargestellt werden. Medizinisch exakt handelt es sich bei der PID um Morula oder Blastozyste, die im Gegensatz zum Embryo fast nur mikroskopisch sichtbar sind.

3. Einer Morula Menschenwürde zu verleihen, ist schwer verständlich. Sie ist eine menschliche Anlage, aus der sich nur nach Einpflanzen in eine Gebärmutter ein Mensch entwickeln kann. Von einem Menschen zu sprechen, ist erst sinnvoll, wenn sich sein wichtigstes Organ, nämlich das Gehirn als Sitz von Wesen, Charakter, Geist oder Intellekt zu entwickeln beginnt, also frühestens nach der zweiten Schwangerschaftswoche.

4. Die PID ist keineswegs mit einer Verunglimpfung von Behinderten verbunden. Wenn ein behindertes Kind geboren wird, werden sich die Eltern mit aller Liebe um dieses Kind kümmern. Wenn man aber die Eltern zu Beginn der Schwangerschaft vor die Wahl zwischen PID und dem Risiko eines behinderten Kindes stellen würde, würden sie sicherlich die PID wählen.

5. Wenn man aus Angst vor Missbrauch auf neue Methoden verzichten will, müsste man auf jede Novität verzichten. Missbrauch kann man durch Vorschriften oder Gesetze entgegenwirken.

6. Es ist Eltern, die oft schon ein behindertes Kind haben und durch die Erwartung eines weiteren psychisch sehr belastet sind, nicht zuzumuten, auch noch die physische Belastung einer PID im Ausland auf sich zu nehmen.

Somit ist es dringend geboten, dass laut dem Urteil des Bundesgerichtshofs eine politische Entscheidung zur Legalisierung der PID – auch in Deutschland – getroffen wird.

Prof. Dr. med. Claus Werning, 50226 Frechen


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