POLITIK: Kommentar

Präimplantationsdiagnostik: Der Bundestag braucht Zeit

Dtsch Arztebl 2011; 108(1-2): A-20 / B-15 / C-15

Jachertz, Norbert

Man mache sich nichts vor, die „Liste“ kommt, wenn die Präimplantationsdiagnostik (PID) zugelassen wird. Entweder offen wie in Großbritannien oder kaschiert wie in Frankreich. Beide kennen einen Katalog der Indikationen. Der englische kann bei der HFEA, der Human Fertilisation and Embryology Authority, eingesehen werden. Die Franzosen sprechen lieber von einer Aufstellung der für PID verfügbaren Tests. In der Praxis läuft’s auf dasselbe hinaus: Beim Verdacht auf die aufgelisteten Erkrankungen oder Behinderungen ist PID zulässig. Ob sie dann auch durchgeführt wird, hängt vom Einzelfall ab. Dafür haben beide Länder sehr komplizierte Verfahren entwickelt. Sie gleichen sich in den großen Zügen: Der Gesetzgeber lässt PID prinzipiell zu, regelt aber keine Details. Damit beauftragt er eine Agentur. Die erstellt und aktualisiert die Liste, lizenziert einige wenige „Zentren“, schreibt das Zusammenspiel der Experten – Genetiker, Morphologen, Fertilisationsmediziner, Psychologen, Ethiker – vor und legt das Beratungsprozedere für die Paare fest.

Der extrem hohe Aufwand für relativ wenige Betroffene – 182 Paare in Großbritannien, 278 in Frankreich, jeweils 2008 – deutet schon darauf hin, dass PID alles andere als „normal“ ist. Der Selektionscharakter ist auch den Anwendern bewusst. Sie reden nur nicht gern davon, sondern lieber von ihren organisatorischen Vorkehrungen. Immerhin hat der französische Ethikrat einmal darüber beraten, ob PID als „eugenisch“ anzusehen ist. Man konnte sich nicht einigen.

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Der Deutsche Ethikrat hat diese ethische Grundsatzfrage, die ja in Deutschland weder einfach zu stellen noch gar zu beantworten ist, bisher ausgespart. Stattdessen informierte er sich am 16. Dezember 2010, wie PID anderswo praktiziert wird und wohin die Reise geht. Das beschrieben Emely Jackson von der HFEA, Patrick Gaudray vom französischen Ethikrat, Paul Devroey, ein belgischer PID-Protagonist, und Luca Gianaroli von der European Society of Human Reproduction and Embryology. Alle ausgewiesene Experten, die wissen, was läuft. Und glaubt man ihnen, dann läuft mit PID alles bestens.

Der Ethikrat hatte freilich keine Kritiker eingeladen. Erstaunlich. Doch auch ohne Gegenmeinungen, die Anhörung ließ so viele Fragen zurück, dass der Deutsche Bundestag sich gut überlegen sollte, ob er die PID eilends gesetzlich regeln sollte. Er muss zwar irgendwann tätig werden, nachdem ihm der Bundesgerichtshof das Kuckucksei ins Nest gelegt hat, aber er könnte Zeit gewinnen, indem er PID erneut und diesmal eindeutig untersagt. Bis auf weiteres.

Eile ist nicht geboten. Durch Abwarten wird niemand geschädigt. Einige Paare müssten zwar ihren Kinderwunsch verschieben oder aufgeben. Das ist bitter. Doch ihnen geschähe damit kein Unrecht. Andererseits steht mit PID ethisch viel auf dem Spiel. Das Expertenhearing bestätigte nämlich einmal mehr:

  • PID geht einher mit hohem „Embryonenverbrauch“ sowie steter Ausweitung der „Selektion“. Das liegt daran, dass die Methode nicht allein dazu dient, Paaren ein gesundes Kind zu bescheren, sondern vor allem auch die (bisher bescheidenen) Implantationschancen zu verbessern – optimaler Embryo, optimale Chance.
  • Die Liste der Indikationen wird lang und länger. Klinisch relevant sind derzeit 30 bis 40 Tests, darunter so umstrittene wie die auf einzelne Krebsarten, künftig möglich etwa hundert.
  • Gesucht wird nicht nur nach monogenetischen Defekten, sondern weit mehr noch – 61 Prozent aller Testungen – nach chromosomalen Anomalien.
  • Um den einen einzigen tadellosen Embryo herauszufinden, der erfolgversprechend transferiert werden kann, müssen zuvor viele Embryonen getestet werden. Zurzeit stammen die Zellen von Embryonen des zweiten und dritten Tages, demnächst häufiger auch von Blastozysten; sie liefern mehr Zellgewebe.
  • Die Zahl der Embryonen muss für PID weitaus höher sein, als in Deutschland bisher erlaubt ist. Sieben und mehr, statt drei. Pro Zyklus. Macht bei drei Zyklen 21, bei fünf oder sechs, die für Frauen ab circa 30 Jahren angestrebt werden, 35 und 42 oder mehr.
  • Verdächtige Embryonen werden vernichtet, gute (im Idealfall ein einziger) implantiert, gute überschüssige eingefroren und für eine spätere Implantation bei wem auch immer oder für andere Zwecke aufgehoben. Sofern diese erlaubt sind.
  • PID ersetzt nicht PND (Pränataldiagnostik). Vielfach wird in der Schwangerschaft vorsichtshalber zusätzlich mit PND „nachgetestet“, obwohl der implantierte Embryo an sich gut aussah. In Frankreich zum Beispiel sind die Zahlen der Pränataldiagnosen (29 779) und der darauffolgenden Spätabtreibungen (6 876, jeweils für 2008) hoch und leicht steigend, trotz der relativ großzügigen PID-Praxis.
Norbert Jachertz

Fazit: Der deutsche Gesetzgeber sollte nüchtern die Realitäten prüfen und wissen, worauf er sich einlässt.

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