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BÜCHER

Psychoanalyse: Neue Türen öffnen

PP 10, Ausgabe Januar 2011, Seite 42

Moser, Tilmann

Die enorme Literaturkenntnis des freudianischen Lehranalytikers Jörg Scharff, seine langjährige Beobachtung von Körperphänomenen sowie eine fundierte körpertherapeutische Selbsterfahrung befähigen den Autor zu einem Buch, das ein Meilenstein im Umgang mit der „Zwischenleiblichkeit“ der Psychoanalyse – wie er es in Anlehnung an andere Autoren nennt – ist. Psychoanalyse war in Freuds früher Definition eine „Redekur“ und sollte sich mit dem Austausch von Worten, den Deutungen und einfühlenden Beobachtungen begnügen. Und dies, obwohl Freud selbst ein Meister der Beobachtung feinster körperlicher Regungen wie auch des Stimmklangs seiner Patienten war.

Doch viele seiner Schüler waren strenger als der Lehrer, so dass man im frühen Berliner Institut ironisch vom „schafsgesichtigen Blechaffen“ oder neuerdings von der „sprechenden Attrappe“ sprach, wenn sich der Therapeut auf seine allzu neutrale und vorwiegend intellektuelle Position zurückzog und kaum noch vitale Lebenszeichen von sich gab, vielleicht sie im eigenen Körper selbst kaum spürte.

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Scharff weist nun überzeugend nach, wie dauerhaft und intensiv die körperlichen Botschaften bei beiden Beteiligten sind. Es geht nur darum, zu lernen, sie wahrzunehmen und nutzbringend zu verwenden. Zunächst könnte man von einer doppelten Sprache reden, von der der Worte und von den begleitenden averbalen Botschaften, die Unbewusstes präziser enthalten können als eine Sprache, die leicht der Entfremdung und der Sterilität anheimfallen kann.

Jörg Scharff ist auch in der internationalen Literatur fündig geworden: Die analytische Welt ist in Bewegung, weil mutige Therapeuten in vielen Ländern ohne einen Dialog auf mehreren Kanälen nicht mehr arbeiten wollen. Ist man einmal aufmerksam geworden auf die Selbstoffenbarungen im eigenen und dem fremden Körper, dann muss man lernen, mit dem neuen Reichtum der Kommunikation umzugehen, und Scharff ist hierin ein ermutigender Lehrer.

In der Fülle seiner eigenen und den Fallbeispielen vieler Kollegen wird die neue Achtsamkeit in spannender Weise fühlbar, auch wenn die manchmal abstrakte und theoriegeladene Sprache, die auf die werbende Ernsthaftigkeit des Gegenstands pocht, die Lektüre stellenweise mühsam macht. Sehr viel munterer fließt die Darstellung, wenn Scharff die eigenen und die kollegialen Erfahrungen und Probleme des tatsächlich berührenden Umgangs mit dem Patienten darstellt und diskutiert. Auch hier öffnet er, wenn auch mit geziemenden Wenns und Abers, neue Türen. Dass er selbst ein erfahrender Lehranalytiker ist und seine Thesen auch vor der oft noch recht konservativen Kollegen- und Schülerschaft verantworten muss, gibt seinen Ausführungen ein zusätzliches Gewicht. Tilmann Moser

Jörg M. Scharff: Die leibliche Dimension in der Psychoanalyse. Brandes & Apsel, Frankfurt 2010, 208 Seiten, gebunden, 19,90 Euro


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