POLITIK

Präimplantationsdiagnostik: Die Kirchen sind uneinig

Dtsch Arztebl 2011; 108(3): A-76 / B-62 / C-62

Klinkhammer, Gisela

Pfuscht man mit PID Gott ins Handwerk? Der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider (links), und der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, sind sich da nicht einig. Foto: ddp

Während sich die katholische Deutsche Bischofskonferenz für ein Verbot der PID ausspricht, halten Vertreter der evangelischen Kirche eine offene Debatte für notwendig.

Ob die Präimplantationsdiagnostik (PID) in engen Grenzen künftig zugelassen werden soll, darüber sind sich nicht nur Politiker quer durch alle Parteien uneinig, auch die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland vertreten in diesem Punkt unterschiedliche Ansichten. So sprach sich der Kölner Erzbischof, Joachim Kardinal Meisner, scharf gegen eine Zulassung der PID aus. „PID zieht immer Selektion und Tötung nach sich. Wer PID zulässt, sagt Nein zum Leben und damit Nein zum Schöpfer und damit Nein zu Gott selbst“, sagte der Kölner Erzbischof in seiner Predigt zum „Fest der Unschuldigen Kinder“.

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Gefahr eines Dammbruchs

Auf scharfe Kritik stieß er mit seinem Vergleich zwischen der PID und dem Kindermord von Bethlehem: „Auch Herodes hat damals eine Selektion vorgenommen.“ Zwar räumte der Kardinal selbst ein, dass es politisch unkorrekt sei, diesen Vergleich zu ziehen, weil die Befürworter von PID um ihre Entscheidung gerungen hätten, dennoch hält er die Entscheidung für falsch. „Wahr ist einzig und allein: Der Mensch darf ab dem Zeitpunkt seiner Zeugung niemals getötet werden.“

Der evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer aus Wittenberg hat daraufhin Meisner zum Rücktritt aufgefordert. „Ein Mann, der so argumentiert, sollte sich aus dem Amt zurückziehen“, betonte Schorlemmer. Der biblische Kindermord von Herodes sei ein Genozid an gesunden Kindern, ein Vergleich mit der PID daher „geradezu absurd“. Der Kölner Kardinal diffamiere die Befürworter der PID „auf üble Weise“.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, verzichtet auf derartige Vergleiche, lehnt jedoch ebenfalls die Präimplantationsdiagnostik ab. „Auch wenn eine Präimplantationsdiagnostik zunächst nur wenige Paare betreffen würde, besteht die Gefahr eines Dammbruchs, wenn sich der Mensch zum Herrn über andere Menschen macht und bestimmt, welches Leben sich entwickeln darf und welches nicht.“ Wenn man durch PID die Möglichkeiten schaffe, Embryonen mit möglichen Behinderungen oder Anlagen zu möglichen Krankheiten durch Selektion auszuscheiden und zu töten, dann werde dies auch geschehen. „Ja, es entsteht ein – vielleicht auch nur unterschwelliger – Druck, Menschen mit Behinderungen oder Eigenheiten nicht mehr zu akzeptieren. Unsere Gesellschaft würde dadurch nicht glücklicher, aber weniger menschlich“, sagte Zollitsch in seiner Weihnachtspredigt in Freiburg.

Medizinische Entwicklung

Während die katholische Kirche also nach wie vor ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik fordert, spricht sich die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für eine begrenzte Zulassung dieses Gentests an Embryonen aus. So hält der EKD-Ratsvorsitzende, Nikolaus Schneider, eine offene Debatte für notwendig. Er plädiert dafür, dass die evangelische Kirche in Deutschland nicht einfach an ihrer im Jahr 2003 beschlossenen Forderung nach einem Verbot der PID festhalten solle. Die Diskussion müsse erneut geführt werden, weil zum einen die medizinische Entwicklung weitergegangen sei, erklärte Schneider, und zum anderen kämen „ihm die Mütter zu wenig vor in dieser ethischen Debatte“. Es sei zu kurz geschlossen, „wenn mit absoluter Gewissheit postuliert wird: Geburtenverhütung, pränatale Diagnostik, künstliche Befruchtung und die Präimplantationsdiagnostik pfuschen Gott ins Handwerk“.

Auch der protestantische Berliner Bischof Markus Dröge hat sich für eine differenzierte Nutzung der Präimplantationsdiagnostik ausgesprochen. „Beides muss möglich sein: dass Eltern aus leidvollen Erfahrungen sagen, wir möchten eine PID, und dass andere Eltern auch einem behinderten Kind den Weg ins Leben ermöglichen wollen und für diese Entscheidung Respekt und Unterstützung erfahren“, sagte Dröge dem „Tagesspiegel“. Er warnte allerdings davor, dass in der Gesellschaft das Verständnis für Behinderte, Arme und Kranke abnehme.

Gisela Klinkhammer

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