Das „Überbringen schlechter Nachrichten“ zählt zu den belastendsten Aufgaben im Alltag von Ärzten. Mit Hilfe von Simulationsunterricht können Medizinstudierende sich auf solche Situationen vorbereiten.
Fotos: Lajos Jardai
Herr Taler wird mit beidseitiger Beinschwäche auf die Palliativstation aufgenommen. Er ist nicht mehr in der Lage zu stehen. Ein MRT der Wirbelsäule zeigt eine Einengung des Spinalkanals mit Druck auf das Rückenmark. Im Labor fiel außerdem eine deutlich eingeschränkte Leberfunktion auf. Bei Herrn Taler wurde vor neun Monaten ein metastasiertes, nichtkleinzelliges Bronchialkarzinom im Stadium IV diagnostiziert. Jetzt erhielt die Stationsärztin einen Anruf von Herrn Talers langjährigem Hausarzt. Schon vor einigen Wochen habe er dem Patienten mitgeteilt, dass seine Krankheit nicht heilbar sei. Er sei ihm gegenüber auch immer ehrlich bezüglich der gravierenden Auswirkungen des Krankheitsfortschritts gewesen. Es ist davon auszugehen, dass der Patient in den nächsten Wochen sterben wird. Die zuständige Pflegekraft berichtet der Stationsärztin, dass der Patient sehr aufgeregt sei und um ein Gespräch gebeten habe.
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Mit leiser Stimme drückt er seine Besorgnis über die Lähmung in seinen Beinen aus. Ruhig und sachlich, aber mit viel Empathie hört sich die Ärztin die Sorgen des Patienten an. Sie verschweigt ihm nicht, dass die Lähmung seiner Beine irreversibel sei und dass sich seine Leberwerte weiter verschlechtern würden. „Was bedeutet das für mich?“, fragt Herr Taler. „Die Metastasierung in der Leber ist fortgeschritten,“ antwortete ihm die Ärztin. Doch auch diese Auskunft reicht dem Patienten nicht. „Die Leberfunktion ist eingeschränkt, und damit kann sie Gifte, wie zum Beispiel Alkohol, nicht mehr richtig abbauen.“ Schließlich antwortet ihm die Stationsärztin auf die Frage nach der ihm verbleibenden Lebenszeit ehrlich: „Ich glaube, es handelt sich um Wochen.“
Im Anschluss an dieses für sie belastende Gespräch fällt es ihr schwer, in die Realität zurückzufinden. Denn in Wirklichkeit ist sie keine Ärztin, sondern Medizinstudierende im zehnten Semester und Herr Taler ist kein unheilbar Kranker, sondern ein Schauspielpatient. Nina Balfer ist Teilnehmerin des sogenannten PJ-STArT-Blocks (Schlüsselkompetenz-Training und -Anwendung in realitätsnahen Tagesabläufen) an der Universität zu Köln. Dieser Block bietet Studierenden die Möglichkeit, über eine Woche hinweg auf einer Simulationsstation den klinischen Alltag und das ärztliche Handeln zu erfahren und zu üben. Jeweils 24 Medizinstudenten durchlaufen für eine Woche ganztägig im Rotationsprinzip verschiedene Szenarien, zum Beispiel das Modul „Herz und Lunge“ und „unklares Fieber“. Für diese Szenarien stehen geschulte Simulationspatientinnen und -patienten bereit, es werden Visiten durchgeführt, außerdem soll der „patientenfreie“ ärztliche Alltag abgebildet werden. Begleitet werden die Studierenden von einem Team aus erfahrenen Ärztinnen und Ärzten, Pharmazeuten und Psychologen. „Das Medizinstudium ist vollgepackt. Die größte Herausforderung für Lehrende und Studierende ist es, Wissen, Fertigkeiten und ärztliches Handeln in einen Zusammenhang zu bringen“, sagte Priv.-Doz. Dr. med. Christine Schiessl, Oberärztin im Zentrum für Palliativmedizin. „Wir haben hier die Möglichkeit, den Studierenden in einem geschützten Rahmen vor dem praktischen Jahr noch einmal aufzuzeigen, was sie schon können, aber auch, wo ihr Entwicklungspotenzial liegt.“
Dozenten und Kommilitonen können durch ein Spiegelfenster zusehen und über Kopfhörer auch zuhören.
Ähnlichen Simulationsunterricht gibt es bereits an medizinischen Fakultäten anderer Universitäten. Das Besondere an der Kölner Uni ist, dass die Studenten im Rahmen des Projekts auch auf den „Patienten in palliativer Situation“, so der Titel des Moduls, vorbereitet werden. Im kürzlich eröffneten neuen Studierendenhaus der Kölner Uni ist jeder Raum mit Kameras und Mikrofonen ausgestattet. Über Spiegelscheiben, wie man sie aus Krimis im Fernsehen kennt, können Dozenten und Kommilitonen aus dem Besprechungsraum zusehen und über Kopfhörer auch zuhören. So erlebten sie nicht nur das Gespräch live mit, sondern auch den anschließenden spontanen Ausruf der Studentin: „Sie waren aber gut.“ Einer der zuhörenden Kommilitonen meinte: „Der Simulationspatient sah ja sogar richtig krank aus.“ Damit auch diese schwerstkranken Patienten überzeugend dargestellt werden, werden die Rollen in der Regel mit professionellen Schauspielern besetzt, die vor ihrem Einsatz außerdem noch intensiv geschult werden. Doch die schwierige Rolle geht auch an ihnen nicht spurlos vorüber. So war der Kölner Film- und Theaterschauspieler Waldemar Hooge von der Szene selbst emotional aufgerührt. „Ich habe gemerkt, wie Sie sich da reingesteigert haben. Sie waren ja so was von besorgt. Es ist mir richtig unter die Haut gegangen.“
Stets ist ein strukturiertes Feedback wesentliches Element des Szenarios, um den Studenten aufzuzeigen, was sie können beziehungsweise wo es noch Verbesserungsbedarf gibt. Zuerst kommt Balfer selbst zu Wort: „Es war nicht einfach. Ich musste die Fakten des Kommunikationsschemas im Kopf behalten und schauen, dass ich damit klarkomme. Im Anschluss an das Aufklärungsgespräch fühlte ich mich zwar emotional leer, aber gleichzeitig auch erleichtert, dass ich den Mut dazu aufgebracht habe.“ Von dem Schauspieler, der Dozentin und den Kommilitonen erhielt sie viel Anerkennung für ihre Gesprächsführung. „Sie haben wirklich an alles gedacht. Sie haben Fragen gestellt und Antworten gegeben, die ich sofort verstanden habe. Das war sehr, sehr professionell“, lobte sie Hooge. Eine Kommilitonin ergänzte: „Du hast dem Patienten viel Raum gelassen.“ Sie habe die Szenerie ebenfalls als sehr realistisch empfunden, stellte Schiessl fest. Schiessl gefiel es, dass die Studentin in ihrer Rolle als Ärztin häufig Blickkontakt mit dem Patienten hielt „und dass man wirklich gespürt hat, wie Ihnen das Schicksal des Patienten am Herzen liegt“. Sie habe außerdem schnell gemerkt, dass es für Patienten oft wenig hilfreich sei, wenn man ihnen einfach mitteilt, dass sich beispielsweise ihre Leberwerte verschlechtert hätten: „Wichtig ist der Transfer, also was eine solche Aussage für den Patienten bedeutet.“
Die Reaktionen der Studenten auf das Angebot sind durchweg positiv. „Die Vorlesungsreihe hat mir auch persönlich sehr viel gegeben“, schrieb ein Student.
Weitere Informationen: www.pjstartblock.uni-koeln.de.
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