THEMEN DER ZEIT

Forschung an Nichteinwilligungsfähigen: Umstrittene Förderung

Dtsch Arztebl 2011; 108(4): A-152 / B-120 / C-120

Klinkhammer, Gisela

Handelt es sich beim Deutschen Netzwerk für mentale Retardierung um fremdnützige Forschung ohne gesetzliche Grundlage, oder liefert das Projekt wichtige Erkenntnisse, die auch den Betroffenen zugutekommen? Eine Bestandsaufnahme

Foto: Fotolia

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) stellt Ende Februar die Förderung eines Projekts ein. Daran wäre an sich noch nichts Vermeldenswertes. Doch bei dem Projekt handelt es sich um den ethisch umstrittenen Forschungsverbund Deutsches Netzwerk für mentale Retardierung (German Mental Retardation Network, MRNET), dessen Ziel es dem BMBF zufolge ist, „für das Krankheitsbild der mentalen Retardierung neue Erkenntnisse zu den genetischen Ursachen und den diagnostischen Möglichkeiten zu gewinnen sowie Therapiemöglichkeiten zu entwickeln“.

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Für die Studie werden nach Angaben des Vorsitzenden der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung, Robert Antretter, Familien mit geistig behinderten Kindern angesprochen, die eine humangenetische Beratung suchen. Wenn die Eltern ihr Einverständnis zur Studienteilnahme erklärten, werde die für diagnostische Zwecke gewonnene Blutprobe auch für das Forschungsprojekt verwendet und zeitlich unbegrenzt aufbewahrt. Daneben würden eine ausführliche Familienanamnese erhoben und Fotografien des betroffenen Kindes erstellt.

Die Forschungsergebnisse selbst kämen den betroffenen Kindern und ihren Familien allerdings kaum zugute, kritisierte Antretter. Die bloße Einordnung der Behinderung bedeute für die Betroffenen keinen wirklichen eigenen Nutzen, da aus der Zuordnung nicht zwangsläufig konkrete therapeutische Konsequenzen folgten. Handelt es sich demnach um fremdnützige Forschung ohne gesetzliche Grundlage? Nach Ansicht der Grünen-Bundestagsabgeordneten Birgitt Bender, ist dies der Fall. Denn eine gesetzliche Grundlage zu eng begrenzten „gruppennützigen“ forschungsmotivierten Eingriffen in die Rechte von nichteinwilligungsfähigen Kindern beziehungsweise Erwachsenen existiere in Deutschland ausschließlich im Arzneimittelgesetz (AMG), und danach sei diese Forschung verboten. Gemäß § 41 Absatz 2 des AMG sei eine gruppennützige Forschung nämlich bei Minderjährigen nicht zulässig, die auch nach Erreichen der Volljährigkeit nicht einwilligungsfähig sein werden, was bei diesem Projekt der Fall sei.

„Wichtige Erkenntnisse“

Zwar räumte Antretter ein, dass man den Kindern nicht eigens für das Forschungsprojekt Blut abnehme. Jedoch werde eine Vielzahl von Daten erhoben, die das Persönlichkeitsrecht der Kinder tangierten. Für problematisch an dem Forschungsvorhaben hält er auch, dass international geregelte Schutzmaßnahmen für Nichteinwilligungsfähige als Forschungsteilnehmer keine Anwendung gefunden hätten und die Patientenaufklärung unzureichend sei.

Projektkoordinator Prof. Dr. med. André Reis, Erlangen, teilt die Bedenken nicht: „Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass für einen Teil der Patienten durch unsere Forschung wichtige Erkenntnisse zu Ursachen der geistigen Behinderung oder Entwicklungsverzögerung erzielt werden konnten, die auch zu einer Verbesserung der medizinischen Betreuung von Betroffenen geführt hat. Es ist zu erwarten, dass sich dank der erheblichen Dynamik der genetischen Forschung dieser Erkenntnisgewinn noch beschleunigen wird.“ Es bestehe also zweifelsohne ein Eigennutz für die Betroffenen, schreibt er an die Bundesvereinigung Lebenshilfe.

Außerdem hält er auch den Gruppennutzen für gerechtfertigt. Dieser Gruppennutzen sei umso deutlicher zu sehen, als inzwischen auf die molekulare Ursache gerichtete Therapiestudien bei Patienten mit Fragilem-X-Syndrom, eine der häufigsten Formen der genetisch bedingten mentalen Retardierung bei Jungen, angelaufen seien. Ergebnisse aus Tierversuchen gäben Anlass zur Hoffnung, dass zumindest eine Besserung der Symptomatik zu erzielen sei. Ohne genetische Forschung über viele Jahre zur Aufklärung der genetischen Ursache und des Entstehungsmechanismus wäre dies heute nicht möglich. „Es ist anzunehmen, dass erste Therapieansätze künftig auch für weitere genetisch bedingte Formen der mentalen Retardierung möglich sein werden.“

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe kritisierte, dass „trotz des ethisch und rechtlich fragwürdigen Forschungsansatzes“ das MRNET seit 2008 durch das Bundesforschungsministerium mit vier Millionen Euro gefördert worden sei. Das Ministerium begründete seine positive Förderentscheidung damit, dass vor Beginn der Studie ein uneingeschränkt positives Votum der federführenden Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg und aller weiteren eingebundenen Ethikkommissionen vorgelegen habe. Der jetzt vorliegende Verlängerungsantrag um zwei Jahre sei Gegenstand einer Begutachtung durch ein international besetztes Expertengremium gewesen. Ohne Angaben von weiteren Gründen teilte das BMBF dem Deutschen Ärzteblatt mit: „Die Gutachter haben sich aus fachlich-wissenschaftlichen Gründen gegen eine Verlängerung des Projektes ausgesprochen.“ Das Bundesforschungsministerium folge dieser Anregung.

Gisela Klinkhammer

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