Viele Ärzte liebäugeln mit einem humanitären Einsatz im Ausland, scheuen den Schritt aber, weil sie einen Karriereknick befürchten. Der Verein foring hilft bei der Klärung wichtiger Fragen.
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Dr. med. Reinhard Klinkott hatte Glück. Als der Kinderarzt sich vor gut drei Jahren entschloss, seinen Klinikalltag durch einen Auslandseinsatz zu unterbrechen, legte ihm sein Arbeitgeber keine Steine in den Weg. Im Gegenteil: Für die Tätigkeit in Dafur bewilligten die Kinderkliniken der Stadt Köln dem damals 33-jährigen Sonderurlaub. „Dass eine Klinik einen Arzt für einen humanitären Einsatz freistellt, ist in Deutschland leider immer noch eine Seltenheit“, bedauert Klinkott. „Die meisten Kollegen, die als Helfer für Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen arbeiten wollen, müssen ihren Job kündigen und sich dann später wieder neu bewerben.“ Schwierig sei die Situation vor allem für Rückkehrer nach Langzeiteinsätzen. Klinkott: „Deshalb ist es wichtig, sich auf einen Einsatz strategisch richtig vorzubereiten und den Chefarzt und die Klinikverwaltung rechtzeitig in die Planungen einzubeziehen.“ Auch müsse man sich gut überlegen, wann man einen Einsatz machen will: „Wenn man in leitender Position tätig ist, kann man sich nicht so ohne weiteres für ein halbes Jahr verabschieden“ – auch, wenn die aktuelle Stellensituation in den Kliniken den Ärzten eine gute Wiedereinstiegschance bietet.
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Hilfestellung und Orientierung für die Vor- und Nachbereitung eines Auslandseinsatzes sowohl in der humanitären Hilfe als auch im Entwicklungsdienst bietet das Forum für Internationale Gesundheit „foring“ (www.foring.org). Das Forum, dessen Vorsitzender Klinkott ist, ist ein weltweites Netzwerk, das mit 20 nationalen und internationalen Organisationen zusammenarbeitet. Der Verein veranstaltet auch Seminare, die Ärzte auf kürzere und längere Auslandseinsätze vorbereiten. Dabei geht es unter anderem um Fragen zu den Voraussetzungen und der richtigen Vorbereitung eines Auslandsaufenthalts, aber auch zu den Herausforderungen während und nach einer derartigen Tätigkeit. „Die Abbruchquote bei Langzeiteinsätzen gerade auch wegen unzureichender Vorbereitung, unter anderem auch der Lebenspartner, ist hoch und nicht nur finanziell für den Entsender und den Arzt oft eine Katastrophe“, sagt Klinkott. Die Mitglieder könnten unter anderem über eine Datenbank ihre Erfahrungen bei Auslandseinsätzen austauschen. Die Mitgliedschaft ist kostenfrei. Die Finanzierung erfolgt über Spenden.
„Das Interesse, Erfahrungen im Ausland zu sammeln, ist vor allem bei Medizinstudierenden enorm groß“, berichtet Dr. med. Peter Tinnemann, Public-Health-Experte an der Charité – Universtiätsmedizin Berlin. Schätzungsweise 80 bis 90 Prozent aller angehenden Ärzte würden von der Idee getrieben, im Rahmen ihres Studiums oder ihrer Laufbahn einmal im Ausland zu arbeiten. „Idealismus oder der Wunsch, etwas Gutes tun zu wollen, alleine reicht aber für einen Auslandseinsatz nicht aus“, mahnt Tinnemann. Vielmehr seien in den Regel eine ausreichende fachliche Erfahrung sowie eine gute Vor- und Nachbereitung erforderlich: „Ich habe gestandene Ärzte im Südsudan erlebt, die in einer Krisensituation mit dem Flugzeug ankamen, ausgestiegen sind und angefangen haben zu weinen. Zwei Tage später haben wir sie mit dem nächsten Flieger wieder rausgebracht.“ Arbeiten im Ausland sei aber dennoch sehr lohnend, da man Erfahrungen sammeln könne, die man im Inland nie machen würde. Für die Diagnostik etwa gebe es manchmal nur einen Schwangerschaftstest, einen Urinstreifen und einen Malariaschnelltest. Um die Herausforderung bewältigen zu können, seien neben einer soliden Ausbildung und Erfahrung auch Teamgeist und soziale Kompetenz gefragt.
„Alles wird man nie können. Irgendwann muss man einfach den Sprung wagen“, meint Klinkott. Er bemängelt, dass Medizinstudierende und auch Ärzte sowohl auf die Herausforderungen der globalen Gesundheit als auch auf die Tätigkeit im Ausland, immer noch unzureichend vorbereitet würden: „Ein großes Manko ist, dass in den Hochschulcurricula Tropenmedizin und internationale Gesundheit nur einen ganz kleinen Stellenwert haben oder gar nicht angeboten werden.“ Entsprechende Fortbildungen seien meist nur an speziellen Tropen- oder Public-Health-Instituten möglich, von denen es in Deutschland nur wenige gebe. Sinnvoll ist es Klinkotts Ansicht nach, wenn internationale/globale Gesundheit mit Themen zur Tropenmedizin und zu Public Health zu einem Wahlpflichtfach an allen medizinischen Fakultäten würde. Dies fordert übrigens auch die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland.
Andere europäische Länder sind hier schon weiter. In Großbritannien beispielsweise ist es für Ärzte selbstverständlich, Erfahrungen bei Auslandseinsätzen zu sammeln. „In England gibt es viele Kollegen, die immer mal wieder aus dem normalen Medizinsystem heraus- und wieder hereingehen. Die englische Regierung fördert das auch. Und die Ärzte bekommen einen großen Teil dessen, was sie im Ausland gemacht haben, anerkannt“, berichtet Tinnemann. In Deutschland hingegen hänge es vom Ermessen der Landesärztekammer ab, ob Zeiten, die ein Arzt im Auslandseinsatz erbringt, auf die Facharztweiterbildung angerechnet werden. Allerdings scheint sich die Situation nach Erfahrungen der Organisation Ärzte ohne Grenzen in den letzten Jahren etwas verbessert zu haben. „Letztlich ist es aber immer eine Einzelfallentscheidung, abhängig vom Weiterbildungsstand und der Facharztrichtung des Arztes sowie der Art und Dauer des Einsatzes“, sagt der Geschäftsführer der Hilfsorganisation, Dr. med. Frank Dörner. Bei längerfristigen Einsätzen sei es generell leichter, wenigstens einen Teil der Auslandstätigkeit als Facharztzeit anerkannt zu bekommen, fügt Klinkott hinzu. Er selbst muss sich über derartige Fragen keine Gedanken mehr machen, wenn er im Mai erneut zu einem sechsmonatigen Auslandseinsatz aufbricht. Denn auch sein derzeitiger Arbeitgeber, das Kinderklinikum Dritter Orden in München, stellt ihn für die Zeit des Aufenthalts in Tansania frei.
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