POLITIK

Präimplantationsdiagnostik: Wissenschaftler ziehen Parallele zur Pränataldiagnostik

Dtsch Arztebl 2011; 108(4): A-137 / B-109 / C-109

Richter-Kuhlmann, Eva A.

Vertreter der Leopoldina unterstützen die Zulassung der PID.

Auf den Rollstuhl angewiesen ist Mario – wie viele von der Duchenne-Muskeldystrophie betroffene Kinder – seit dem Schulalter. Seine inzwischen fehlgestellten Gelenke schmerzen, die schwache Atemmuskulatur verursacht Infektionen. Obwohl Marios Eltern um sein Leben kämpfen, wird ihr Sohn das 40. Lebensjahr wohl nicht erreichen.

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Vertreter deutscher Wissenschaftsakademien sind sich mehrheitlich einig: Paare, bei denen eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, erneut Kinder mit einer solch schweren genetisch bedingten Erkrankung zu bekommen, sollten die Möglichkeit haben, in Deutschland eine Präimplantationsdiagnostik (PID) durchführen zu lassen. Mit ihrer am 18. Januar vorgelegten Stellungnahme unterstützt eine Arbeitsgruppe der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die Befürworter der PID. Der Gesetzgeber solle die umstrittene genetische Diagnostik „für monokausale erbliche Krankheiten“ unter bestimmten Voraussetzungen zulassen, heißt es darin.

Als eine „ethisch klare Konfliktlösung“ sehen die Vertreter der Akademien den Verzicht der betroffenen Paare auf ein eigenes Kind an. Allerdings könne diesen Verzicht möglicherweise eine Religionsgemeinschaft empfehlen, jedoch nicht der Staat verordnen, meinen die Ärzte, Juristen und Ethiker, die das 30-seitige Papier verfassten. Im Mittelpunkt müsse die Entscheidung der Frau stehen: „Ein einfaches Ergebnis kann es in dieser Frage nicht geben. Es geht darum, eine Gewissensentscheidung der Frau zu ermöglichen“, betonte der Leiter der Arbeitsgruppe PID der Leopoldina, Prof. Dr. med. Hans-Peter Zenner. Nur so könne eine Schwangerschaft auf Probe, ein späterer Schwangerschaftsabbruch oder ein Medizintourismus in Länder, in denen die PID erlaubt ist, vermieden werden.

Die Zulassung der PID möchte die Arbeitsgruppe jedoch an bestimmte Voraussetzungen geknüpft sehen: So sollte eine Untersuchung ausschließlich an nichttotipotenten Zellen des Embryos durchgeführt werden und ihn nicht schädigen, so dass er ausgetragen werden könne. Die PID dürfe zudem ohne Ausnahme nur zur Diagnostik einer unheilbaren schweren erblichen Krankheit eingesetzt werden und niemals zu eugenischen Zwecken. Eine Anwendung von PID für Designerbabys oder sogenannte Rettungsbabys für erkrankte Geschwister soll damit ausgeschlossen werden. Ferner soll eine „Sachverständigen-Stelle“ die Richtlinie für die PID in Deutschland erarbeiten und nach Antrag die Durchführung jeder PID prüfen sowie die Eltern beraten.

Unter den Voraussetzungen sieht die Arbeitsgruppe keine Gefahr der „schleichenden Ausweitung“ der PID. Diese Ansicht vertritt auch die Deutsche Gesellschaft für gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin (DGGEF). „Dazu ist allein der Aufwand zu groß“, sagte Prof. Dr. med. Wolfgang Würfel, Vizepräsident der DGGEF, dem Deutschen Ärzteblatt. Die Gründe für den geringen Einsatz seien nicht nur ethischer, sondern auch praktischer Natur. „Erfahrungen im Ausland zeigen, dass für eine PID, so wie sie derzeit diskutiert wird, etwa 20 Eizellen gewonnen werden müssen, eine Voraussetzung, die bei vielen älteren Frauen nicht mehr gegeben ist.“ Lediglich bei fünf bis zehn von 100 über 40-jährigen Frauen sei so etwas überhaupt realisierbar. „Der in jeder Hinsicht hohe Aufwand der PID lässt nicht wenige Paare davor zurückschrecken“, erklärte Würfel. Aber die Entscheidung für oder gegen eine PID müssten Paare immer selbst treffen.

Zudem weist die DGGEF darauf hin, dass die PID keine genuine Frage der Reproduktionsmedizin darstellt. „Der Einsatz der PID steht und fällt mit der Verfügbarkeit von Humangenetikern, die seltene monogene Erkrankungen wie die Duchenne-Muskeldystrophie an einer Zelle diagnostizieren können, und wird deshalb auf wenige Zentren in Deutschland begrenzt bleiben“, prognostizierte Würfel. „Die genetische Untersuchung von einzelnen Zellen eines heranwachsenden Lebens ist in erster Linie eine humangenetische Frage. Im Kern ist die PID Verfahren wie der Chorionzottenbiopsie, der Amniozentese oder der Plazentese gleichzustellen“, erläuterte der Reproduktionsmediziner.

In den nächsten Wochen und Monaten will sich der Bundestag intensiv mit der PID befassen und noch vor der Sommerpause ohne Fraktionszwang darüber entscheiden.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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