MEDIZIN: Diskussion
Realitätsfern
Far From Reality
Dtsch Arztebl Int 2011; 108(6): 95; DOI: 10.3238/arztebl.2011.0095a


Die von den Autoren gezogenen Schlussfolgerungen entsprechen vielleicht dem Zeitgeist, nicht aber der Realität. Es ist in Mode gekommen, seine eigene Arbeit selbst bewerten zu können und die Qualität im gleichen Atemzug zu sichern. Die Zahlen der Arbeit muss man meines Erachtens jedoch anders interpretieren. So bekamen nur etwa 80 % der Patienten überhaupt einen venösen Zugang und diese erhielten dann im Mittel 1,4 Medikamente. Das ist besonders verwunderlich, da über 50 % der Patienten einen NACA-Score von IV bis VII aufgewiesen haben sollen. Mir ist schleierhaft, wie durch diese medikamentöse Minimalmedizin diese enorme Verbesserung des klinischen Bildes (Delta-MEES) in der doch sehr kurzen Behandlungszeit durch den Notarzt bei diesen schwerkranken Patienten erzielt worden sein soll. Ich bin seit über zehn Jahren als Notarzt aktiv und kann subjektiv diese Zahlen nicht bestätigen. Bei der überwiegenden Anzahl (geschätzte 80 %) der Einsätze stellt sich nach dem Eintreffen heraus, dass ein Notarzt nicht wirklich erforderlich gewesen wäre, das heißt dass keine vitale Bedrohung bestand und kein sofortiger Medikamenteneinsatz notwendig war. Eine wirkliche klinische Besserung ist hier nicht zu erzielen. Ich halte nichts von Qualitätssicherungen und den daraus gewonnenen Schlussfolgerungen anhand von Daten, die nur auf subjektiven Eindrücken basieren und keiner weiteren Überprüfung unterliegen. Für ernst gemeinte Qualitätssicherungen sind objektive Daten erforderlich sowie im Falle des Notarztwesens eine Überprüfung anhand des weiteren Krankheitsverlaufes, zum Beispiel anhand der Krankenakte des resultierenden Krankenhausaufenthaltes, denn sonst lässt sich ja nicht einmal die gestellte (Verdachts-) Diagnose überprüfen. Dieses Vorgehen ist zugegeben sehr aufwendig, das bisherige aber weitgehend nutzlos.
DOI: 10.3238/arztebl.2011.0095a
Dr. med. Ekkehard Kohlund
Im Laulesgarten 12
77654 Offenburg
E-Mail: e.kohlund@web.de
1.
Messelken M, Kehrberger E, Dirks B, Fischer M: The quality of emergency medical care in Baden-Württemberg (Germany): Four years in focus. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(30): 523–30.
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