Nur etwa 32 mal 25 Zentimeter misst die exquisite kleine Badeszene. Doch das 1826 entstandene Gemälde gehört zu den Highlights einer Ausstellung, die derzeit in München mit circa 150 Exponaten die vielfältigen Auseinandersetzungen europäischer Künstler des 19. Jahrhunderts mit dem Orient aufzeigt. Die Faszination des Exotisch-Imaginären, in der das Erbe der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht fortlebte, hatte auch den Maler der nackten Badeschönheit Jean-Auguste Dominique Ingres erfasst. In einer von moralischen Zwängen geprägten Gesellschaft gelang es ihm, seine sinnlichen Fantasien auf der Leinwand in einer Art kodierter Erotik auszuleben. Indem er Frauen ruhend, verträumt, ja passiv darstellte, traten Sehnsucht und Begehren gegenüber sexueller Lust in den Vordergrund. Die Haremsthematik erlaubte es zudem, müßigen Lebensgenuss und Laszivität, die dem viktorianischen Moralkodex Europas widersprachen, auf eine andere Kultur zu projizieren.
Kritik seiner Zeitgenossen entzündete sich nicht an den Aktmotiven, sondern weil Ingres den weiblichen Körper übertrieben stilisierte, ohne Rücksicht auf anatomische Gesetze an seine Vorstellungen von perfekter Form und Geschmeidigkeit anpasste und oft sogar deformierte. Der französische Schriftsteller Charles Baudelaire verteidigte diese Sicht: „Das Schöne ist immer auch bizarr.“ Ingres fühlte sich zwar klassizistischer Tradition verpflichtet und eiferte lebenslang seinem Ideal Raffael und dessen Schönheitsbegriff nach. Aber stilistisch war er seiner Zeit mit seinen flächigen Körpern, scharf gezogenen Linien, sparsamen Bildmitteln und perspektivischen Nachlässigkeiten weit voraus. So stellte er etwa die beiden Frauengestalten links im Bild im Verhältnis viel zu klein dar. Er betonte dadurch die Autonomie seiner Hauptfigur und näherte sich – außergewöhnlich für das frühe 19. Jahrhundert – einer Abstraktion vom Bildgegenstand. Ingres hatte deshalb großen Einfluss auf die nachfolgenden Avantgarden von Matisse über Picasso bis Cindy Sherman.
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Sexualität und Erotik hatten den Künstler seit seiner Jugend beschäftigt. Seine frühen Zeichnungen waren so freizügig, dass sie lange nicht ausgestellt wurden. Umso erstaunlicher ist es, dass hinter dieser sinnlichen Produktion ein ausgesprochen bürgerlicher, beständiger Charakter stand: Ingres war über Jahrzehnte glücklich verheiratet – ohne Skandale oder Affären. Sabine Schuchart
Ausstellung
„Orientalismus in Europa: Von Delacroix bis Kandinsky“
Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstraße 8, 80333 München
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