

Altersgerechte Assistenzsysteme sind keine „Selbstläufer“, dazu sind sie zu komplex. Für einen breiten Durchbruch sind daher neue Geschäftsmodelle erforderlich.
Altenrepublik Deutschland, Vergreisung der Gesellschaft, Zeitbombe Demografie“ – das Thema demografischer Wandel ist häufig negativ besetzt. „Dabei bietet der demografische Wandel auch Chancen – die Chance auf nachhaltige Modernisierung unserer Gesellschaft und vor allem die Chance auf ein neues Miteinander der Generationen“, erklärte Thomas Rachel, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), beim 4. Deutschen AAL-Kongress* Ende Januar 2011 in Berlin. Zentrales Thema: Wie können altersgerechte Assistenzsysteme, unter dem Begriff „Ambient Assisted Living“ (AAL) zusammengefasst, dazu beitragen, den demografischen Wandel der Gesellschaft zu bewältigen?

Der modulare Alterssimulationsanzug (Wolfsburg AG) macht die Wahrnehmungswelt älterer Menschen durch Einschränkungen der Sinne, der Motorik und der Kraft auch für Jüngere erlebbar. Er wird bei der Entwicklung altersgerechter Produkte eingesetzt. Fotos: VDE
Nationale Forschungsagenda
Antworten auf diese Frage sind nur in einer interdisziplinären, branchenübergreifenden Zusammenarbeit von Forschung, Industrie, Dienstleistung und Politik möglich. „Mit gezielter Forschung und Entwicklung werden wir den demografischen Wandel aktiv gestalten“, sagte Rachel. Im Hinblick darauf hat das BMBF bereits im Mai 2010 das Fachreferat Mikrosystemtechnik zum Referat „Demografischer Wandel; Mensch-Technik-Kommunikation“ erweitert. Derzeit entwickelt es in Abstimmung mit anderen relevanten Ressorts, wie etwa Gesundheit, Verkehr und Wirtschaft, eine nationale Forschungsagenda zum demografischen Wandel, die bis Ende 2011 vorliegen soll.
„Die Forschungsagenda wird die wichtigsten Handlungsfelder der künftigen Bevölkerungsentwicklung beleuchten“, erläuterte Rachel. Der Neuansatz ist breit angelegt: Er umfasst die Arbeitswelt, die künftig auch älteren Arbeitnehmern Perspektiven bieten soll, neue Konzepte für lebenslanges Lernen, bessere Pflege- und Betreuungsangebote, die altersgerechte Gestaltung der Wohnräume, den Bereich Gesundheit und die Unterstützung einer altersgerechten Mobilität.
Noch bis zum Jahr 2013 läuft die erste, auf fünf Jahre angelegte BMBF-Maßnahme „Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben“, in der 18 Verbundprojekte mit einem Volumen von 45 Millionen Euro gefördert werden. Sie hat vor allem das häusliche Umfeld im Blick und zielt darauf ab, intelligente Technologien und damit verknüpfte Dienstleistungen zu entwickeln, die durch Alter und Krankheit beeinträchtigte Menschen so unterstützen, dass diese möglichst lange selbstständig und unabhängig in der eigenen Wohnung leben können. Das ist einer aktuellen Umfrage zufolge ein Hauptwunsch der älteren Generation (Kasten).
Ergänzend dazu wird noch im Februar 2011 eine zweite Förderinitiative „Mobil bis ins hohe Alter“ ausgeschrieben, die bis zu 20 Millionen Euro umfasst. Ihr Ziel ist es, älteren Menschen eine stärkere Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen, zum Beispiel durch assistive Techniken, die zu einer barrierefreien Nutzung von Verkehrsmitteln verhelfen oder die Sicherheit beim Autofahren erhöhen, wie der automatische Fahrzeugstopper.
Verstärkt will man in die Forschung auch die Betroffenen selbst, die Senioren, einbinden, um die Gefahren einer zu technologisch ausgerichteten Förderung zu vermeiden. „Wir müssen mit den Menschen reden und genau zuhören, welche Assistenzsysteme den Alltag von Senioren tatsächlich erleichtern“, sagte Rachel. So gab es erstmals beim Kongress einen Technik-Tag für Senioren, an dem diese einige der Lösungen ausprobieren und auf ihre Benutzerfreundlichkeit hin testen konnten. Die Nutzerakzeptanz ist zudem auch ein wichtiges Thema der Begleitforschung.
Bedarf ist allerdings noch keine Nachfrage. Es gibt inzwischen vielerlei, teilweise auch marktfähige Angebote: Teppichböden, die gefährliche Stürze erkennen und Alarm auslösen, automatische Beleuchtung beim nächtlichen Toilettengang, Assistenzsysteme, die den Senior bei der täglichen Einnahme von Medikamenten unterstützen, die Armbanduhr, die Bewegung, Puls und Sauerstoffsättigung misst. Bislang werden aber nur wenige Anwendungen breit eingesetzt, und immer noch sind Entwicklungen häufig Insellösungen, weil Standards fehlen. „Immer neue Piloten mit immer den gleichen Ergebnissen helfen uns nicht weiter, wir müssen Umsetzungen im Regelbetrieb schaffen“, mahnte als Industrievertreter Dr. Michael Meyer, Siemens AG. Überzeugende Geschäfts- und Finanzierungsmodelle sind jedoch weiterhin rar. Dabei ist eine der Hauptfragen, ob, wann und insbesondere welche Dienstleistungen in die gesetzliche Regelversorgung übernommen werden können.
Vorbereiten auf den Tag X
Die gesetzlichen Krankenkassen stehen dem Thema AAL zwar aufgeschlossen gegenüber, AAL ist aus ihrer Sicht jedoch überwiegend Teil des zweiten Gesundheitsmarkts und betrifft Bereiche wie Fitness, Wellness, individuelle Gesundheitsleistungen und Gesundheitsberatung. Telemonitoring sei ein Beispiel, bei dem der erste (die medizinisch notwendige Versorgung abdeckende) und der zweite Gesundheitsmarkt ineinander übergingen, meinte Prof. Dr. Norbert Klusen, Vorstandsvorsitzender der Techniker-Krankenkasse (TK). Die Schwierigkeiten für eine Krankenkasse: Der Technikeinsatz bringe nicht die großen Kosteneinsparungen, man benötige affine Patienten und ärztliche Netzwerke, die mitmachen. Dennoch erprobt die TK neue telemedizinische Versorgungsmodelle, unter anderem für Patienten mit Herzerkrankungen und Asthma. „Wir weiten dadurch unser Know-how aus und unterstützen AAL, um uns vorzubereiten auf den Tag, an dem wir diese Modelle brauchen werden“, erklärte Klusen. Er plädierte vor diesem Hintergrund für Finanzierungsmodelle, die sich am jeweiligen Nutzen orientieren und die Kosten danach aufteilen. Beispiel Sturzprophylaxe: Der Hausbesitzer profitiert von Langzeitmietern, für die Kostenträger ergeben sich Vorteile, wenn sich eine höhere Pflegestufe oder Folgeerkrankungen vermeiden lassen, der Endnutzer kann länger zu Hause leben.
Die Wohnungswirtschaft könnte künftig eine Multiplikatorfunktion für AAL-Anwendungen übernehmen. Die wesentlichen Anforderungen der Branche: Die Lösungen müssen bezahlbar, nachträglich installierbar und einfach bedienbar sein. Zwar gibt es eine Vielzahl von Projekten, doch ist bislang kaum eines aus dem Stadium der Erprobung herausgewachsen. Darauf verwies Dr. Armin Hartmann von der Smart Living GmbH & Co. KG. Das Spin-off des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik vertreibt in Kooperation mit Wohnungsunternehmen das „Smart-Living-System“. Dieses bietet älteren Menschen die Möglichkeit, Dienstleistungen und Informationen über ein ihnen vertrautes Medium abzurufen: ihren Fernsehapparat. Über ein daran angeschlossenes Zusatzgerät und die normale Fernbedienung können verschiedene Servicefunktionen genutzt werden, wie etwa lokale Nachrichten, ein Bestell- und Lieferservice, Kalender-, Sicherheits- und Kommunikationsfunktionen bis hin zur telemedizinischen Betreuung. „Wir müssen Technik anbieten, die die Menschen schon kennen“, erläuterte Hartmann. Vor allem für ältere Menschen sei ein niederschwelliger Technikeinsatz („Good-enough-Ansatz“) dabei wesentlich: Noch sind nicht das iPad, der selbst bestellende Kühlschrank oder die Vitalwertüberwachung gefragt, sondern die „Brötchenbestelltaste“, mit der die Brötchen auch sonntags bis vor die Haustür geliefert werden. Ebenso wichtig ist der Bezug zum Wohnquartier, etwa die Möglichkeit, Hinweise auf lokale Veranstaltungen oder Fotos vom letzten Straßenfest abzurufen. Inzwischen ist das System über verschiedene Wohnungs- und Immobilienunternehmen in mehreren Hundert Wohnungen frei finanziert im Einsatz. Die Unternehmen müssen für die Ausstattung einmalig circa 400 Euro je Wohnung investieren, die laufenden Kosten (unter zehn Euro je Wohnung) trägt der Mieter.
Heike E. Krüger-Brand
*veranstaltet vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und vom VDE – Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik
Umfrage: Wohnen im Alter
Wie wollen wir im Alter wohnen? Eine Mitte Januar 2011 von TNS-Emnid veröffentliche repräsentative Bevölkerungsumfrage unter deutschen Mietern und Eigentümern gibt darauf Antworten: Zwei Drittel der Bundesbürger im Alter von 70 Jahren aufwärts wünschen sich ein selbstbestimmtes Wohnen im Alter. 57 Prozent würden jedoch nicht auf ein zusätzliches Hilfsangebot verzichten wollen. Nur ein Drittel kann sich vorstellen, wegen einer altersgerechten Wohnung umzuziehen, jeder Zweite würde stattdessen lieber die Wohnung oder das Haus umbauen. Mehr als 80 Prozent der Befragten würden beim Verlust der Selbstständigkeit im Alter noch einmal umziehen.
Die Senioren wünschen sich vor allem eine gute Infrastruktur, wie Geschäfte, Ärzte und öffentliche Verkehrsmittel, in unmittelbarer Nähe. Für 77 Prozent der Befragten wäre Hilfe bei der Pflege wichtig, gefolgt von Hilfen bei der Hausarbeit (69 Prozent), bei Einkäufen und kleineren Reparaturen (jeweils 66 Prozent). „Essen auf Rädern“ ist mit 34 Prozent weniger nachgefragt.
Durchschnittlich 280 Euro monatlich könnten die Befragten für Serviceleistungen oder altersgerechte Veränderungen aufbringen. Während Eigentümer hierfür im Schnitt 384 Euro „übrig“ hätten, wären das bei Mietern allerdings nur 161 Euro monatlich. Informationen: www.bfw-bund.de
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