MEDIZINREPORT

Perspektiven der Genetischen Analyse: Quantensprünge bei den Gentests

Dtsch Arztebl 2011; 108(7): A-327 / B-263 / C-263

Siegmund-Schultze, Nicola

Ein Screening auf 448 rezessive Erkrankungen oder eine komplette DNA-Analyse: Gendiagnostik war Thema beim Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer.

Das Tausend-Dollar-Genom ist keine Vision. Es wird vermutlich 2013 erhältlich sein, konstatiert der Humangenetiker Prof. Dr. med. André Reis (Universität Erlangen). Es kündigten sich neue Generationen von Gentests an, über die die Öffentlichkeit und Fachgesellschaften sehr differenziert würden diskutieren müssen, sagte der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik beim 35. Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer in Berlin.

Eine 100 000-Dollar-Frage

Eine komplette Genomanalyse decke Tausende polymorpher Varianten auf. Aber ist eine gefundene Variante beim Einzelnen tatsächlich mit einem erhöhten Risiko für eine bestimmte Krankheit assoziiert? Das lasse sich aus der Basensequenz der DNA nicht einfach „herauslesen“, sagte Prof. Dr. med. Thomas Cremer (Biozentrum, Ludwig-Maximilians-Universität München).

Bei einer genetischen Disposition für Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus oder Hypertonie wirkten viele Gene zusammen. So wurden beim Diabetes mellitus Typ 2 zum Beispiel 39 mit der Erkrankung assoziierte Gene entdeckt, die nicht einmal alle am Zuckerstoffwechsel mitwirken. Zusätzlich ist die Entstehung multifaktorieller Erkrankungen in hohem Maß von Umwelteinflüssen und epigenetischen Phänomenen abhängig. Cremer warnte vor den zahlreich im Internet angebotenen Direct-to-consumer-Tests (decodeme.com, 23andme.com, navigenics.com), da sowohl die Prognosen über das Auftreten von Krankheiten unsicher seien als auch die Wirksamkeit der vorgeschlagenen prophylaktischen Maßnahmen. „Hier tut sich ein Wachstumsmarkt mit weiter zunehmendem finanziellem Potenzial auf“ sagte Cremer. Menschen würden aufgrund vager genetischer Risikoaussagen zum Kauf von Nahrungsergänzungsmitteln oder angeblich vorbeugender Arzneien verleitet. Auch das 1 000-Dollar-Genom sinnvoll zu interpretieren, dürfte schwierig sein. „Das ist eine 100 000-Dollar-Frage“, meinte Reis.

Die Detektion und Darstellung genetischer Variation durch moderne, molekularbiologische Methoden haben gleichwohl für das Verständnis der Pathophysiologie von Krankheiten, ihrer Verbreitung und für die Entwicklung neuer kausaler Therapiestrategien hohe Bedeutung. Die Techniken decken zunehmend das gesamte Mutationsspektrum auf, wobei zyto- und molekulargenetische Diagnostik verschmelzen. Beispiel: Retinitis pigmentosa. Mindestens 47 Gene wirken an ihrer Entstehung mit. Die Kombination von neuen Techniken der DNA-Amplifikation und der Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung erlaubt es, 50 Genloci in einem Arbeitsgang zu untersuchen. „Möglicherweise wird es hier bald einen Gentest geben“, sagte Reis dem Deutschen Ärzteblatt. Auch eine genetische Disposition für die altersabhängige Makuladegeneration lasse sich vermutlich in naher Zukunft feststellen. „Natürlich kann man fragen, wie sinnvoll ein solcher Test für eine Erkrankung ist, die mit großer Wahrscheinlichkeit erst in der sechsten oder siebenten Lebensdekade ausbricht“, betonte Reis, „aber hier sollten Einzelfallentscheidungen möglich sein. Das gilt auch für andere Erkrankungen, die sich im Allgemeinen, aber nicht immer, erst im höheren Lebensalter manifestieren.“

So erregt derzeit eine in der Fachzeitschrift „Science Translational Medicine“ (2011; 3, 1–14) publizierte Studie für ein Screening auf Veranlagung für 448 autosomal-rezessive Erbkrankheiten große Aufmerksamkeit: „Das Verfahren ist methodisch ein Quantensprung, die Zuverlässigkeit hoch“, erklärte Reis. Die Sensitivität für die Entdeckung der gesuchten Genmutationen beträgt 95, die Spezifität 100 Prozent.

Diese Form des Heterozygoten-screenings richtet sich zum Beispiel an gesunde Paare, die sich Kinder wünschen und ausschließen möchten, dass sie Überträger einer schweren Erbkrankheit sind. Derzeit sind 1 139 rezessive Erkrankungen bekannt, darunter zystische Fibrose, Tay-Sachs-Erkrankung, Sichelzellanämie und Betathalassämie. Rezessiv vererbte Krankheiten machen in Industrienationen Schätzungen zufolge 20 Prozent der Todesfälle im Kindesalter aus und 10 Prozent der Einweisungen in Kinderkliniken.

Screening von Wunscheltern

Reihenuntersuchungen auf einzelne dieser seltenen Erkrankungen sind in ethnischen Gruppen mit erhöhter Häufigkeit des Auftretens im Ausland seit vielen Jahren üblich, zum Beispiel auf Betathalassämie auf Zypern. Tragen gesunde Partner die Anlagen für eine rezessiv vererbte Krankheit, können sie auf leibliche Kinder verzichten. Alternativ dazu wird häufig in der Schwangerschaft eine pränatale Diagnostik gemacht mit der Option eines Abbruchs bei positivem Befund.

Die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik lehnt ein Heterozygotenscreening derzeit ab. Aber auch wenn solche Tests in Deutschland nicht zugelassen würden – die Nutzung von Angeboten aus dem Ausland und über das Internet lässt sich nicht verhindern. „Schon deshalb müssen wir offen sein für die Diskussion“, betonte Reis.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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