MEDIEN

Pharmaindustrie: Hochbedenkliche Praktiken

Dtsch Arztebl 2011; 108(8): A-399 / B-322 / C-322

Osterloh, Falk

Die Pharmaindustrie hat einen schlechten Ruf. Die Autoren des Buches „Patient im Visier“ zeigen, warum das so ist. Sie beleuchten die unterschiedlichen Wirkungsfelder pharmazeutischer Unternehmen bei ihrem Streben nach Gewinnmaximierung und ziehen dabei mancherorts hochbedenkliche Praktiken ans Licht der interessierten Öffentlichkeit.

Ihre These lautet, dass Arzneimittelhersteller heute nicht mehr in erster Linie den Kontakt zu Ärzten suchen, damit diese ihre Produkte verschreiben, sondern den direkten Kontakt zu den Patienten. Mit manipulativ dargebotenen Informationen versuchen die Firmen demnach, Kranke von der Wirkung ihrer Medikamente zu überzeugen, damit sie diese entweder selbst erstehen oder ihren Arzt davon überzeugen, ihnen ein spezielles Arzneimittel zu verschreiben.

Anzeige

Die „Kontraste“-Autoren Caroline Walter und Alexander Kobylinski tragen zur Verifizierung ihrer These eine Vielzahl von Beispielen zusammen: Sie berichten von PR-Agenturen, die Werbetexte für Medikamente als Redaktionsbeiträge getarnt in bekannten Magazinen und Illustrierten platzieren, von Internetseiten, die Objektivität vorgeben, tatsächlich jedoch nur einzelne Arzneimittel propagieren, und von Veranstaltungen, auf denen Schauspieler von der Heilung von ihrer angeblichen Krankheit schwärmen, die allein einem einzelnen Medikament zu verdanken sei. Sie berichten von Arzneimittelskandalen, von erfolgreichem Lobbying in Deutschland und der EU und von der bunten Selbstdarstellung der Arzneimittelindustrie.

Wenn auch manche der beschriebenen Praktiken nicht neu und die Darstellung der Pharmaindustrie nicht von frei von Schwarz-Weiß-Malereien sind, so liefert dieses Buch doch sowohl für Patienten als auch für Ärzte eine Reihe von grundlegenden Denkanstößen für den kritischen Umgang mit Arzneimitteln in unserer Informationsgesellschaft. Leider gefallen sich die Autoren jedoch als rechtschaffene Moralapostel, die ihr Werk in einem naiven Betroffenheitsduktus präsentieren, der schon nach wenigen Seiten ermüdet. Nichtsdestoweniger ist „Patient im Visier“ eine absolut sinnvolle Lektüre für jeden, der sich jenseits der Diskussionen um eine frühe Nutzenbewertung das Bild einer Branche machen möchte, die mit ihren Produkten das höchste Gut eines Menschen, seine Gesundheit, zu einem nicht unbeträchtlichen Ausmaß beeinflusst. Falk Osterloh

Caroline Walter, Alexander Kobylinski: Patient im Visier. Die neue Strategie der Pharmakonzerne. Hoffmann und Campe, Hamburg 2010, 240 Seiten, gebunden, 17 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige