POLITIK

Präimplantationsdiagnostik: „Ethisch weniger problematisch als eine Schwangerschaft auf Probe“

Dtsch Arztebl 2011; 108(9): A-432 / B-348 / C-348

Klinkhammer, Gisela; Richter-Kuhlmann, Eva

In einem Entwurf für ein Memorandum erläutert die Bundesärztekammer, unter welchen Voraussetzungen eine PID angeboten werden kann.

Die Bundesärztekammer (BÄK) vertritt in einem vom Vorstand verabschiedeten „Entwurf für ein Memorandum zur PID“ die Auffassung, dass eine Präimplantationsdiagnostik (PID) nach gegenwärtigem Erkenntnisstand unter bestimmten Voraussetzungen angeboten werden kann. Sie kommt dem Papier zufolge für anamnestisch stark belastete Paare infrage, für deren Nachkommen ein hohes Risiko einer familiär bekannten und schwerwiegenden genetisch bedingten Erkrankung besteht. Es sei ethisch als zulässig anzusehen, wenn sich ein Paar unter bestimmten Voraussetzungen für eine PID entscheide und wenn ein Arzt dieses Verfahren dann durchführe. Denn „unter Gesichtspunkten der Zumutbarkeit für die Frau und des Entwicklungsstandes des vorgeburtlichen Lebens ist die In-vitro-Befruchtung ,auf Probe‘ (PID) in bestimmten Fällen ethisch weniger problematisch als eine ,Schwangerschaft auf Probe‘ (Pränataldiagnostik, PND) mit nachfolgendem Schwangerschaftsabbruch“.

Foto: Action Press
Anzeige

„Wir haben uns sorgfältig mit allen ethischen und rechtlichen Pro- und Kontra-Argumenten der PID auseinandergesetzt“, erklärt Prof. Dr. med. Hermann Hepp, federführendes Mitglied der Arbeitsgruppe „Memorandum zur Präimplantationsdiagnostik“ des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer, dem Deutschen Ärzteblatt. „Schließlich haben wir uns dazu entschieden, besonders schwere Fälle aus dem Pool der Pränataldiagnostik herauszunehmen und den Widerspruch ,PND und Abtreibung: ja – PID: nein‘ aufzulösen.“

Für unabdingbar halten der Gynäkologe und die Mitglieder der interdisziplinären Kommission vor jeder PID die ergebnisoffene Beratung des betroffenen Paares. Die Beratung „soll die Patientenautonomie unterstützen und eine authentische, verantwortungsbewusste Entscheidung ermöglichen“. Wie bereits im BÄK-Diskussionsentwurf aus dem Jahr 2000 wird auch im Memorandum eine Zulassung der PID als mit dem gültigen Embryonenschutzgesetz kompatibel angesehen. Erneut rückt die Interpretation des § 1 Abs. 1 Nr. 5 Embryonenschutzgesetz („Dreierregel“) in das Zentrum der juristischen Diskussion. Dieser Paragraf sollte dahingehend geändert werden, „dass dem Arzt aufgegeben wird, die Zahl der zu befruchtenden Eizellen so festzulegen, dass das Risiko des Entstehens überzähliger Embryonen geringer ist als das Risiko, keine ausreichende Anzahl transfergeeigneter Embryonen zur Verfügung zu haben“.

Ferner sieht das Memorandum vor, dass bei den Landesärztekammern angesiedelte interdisziplinär aus Ärzten der Humangenetik, Reproduktionsmedizin, Pädiatrie und anderen Disziplinen sowie Ethikern und Vertretern aus Selbsthilfe- und Behindertenverbänden zusammengesetzte Kommissionen in jedem Einzelfall über eine Zulassung der PID entscheiden sollen. „Es wird noch juristisch zu klären sein, wie verbindlich eine solche ,Genehmigung‘ sein kann“, erläutert Hepp. Geklärt werden müsse außerdem, ob ein Paar klagen kann, falls eine PID nach seiner Meinung ungerechtfertigt abgelehnt wird. „Dies ist spätestens dann erforderlich, wenn klar ist, ob der Gesetzgeber die PID im eng begrenzten Rahmen und kontrolliert überhaupt zulassen wird. Die BÄK wird dann gefordert sein, Richtlinien zur Durchführung der PID zu erstellen“, erklärt der Gynäkologe. Auch die Zahl der Zentren, an denen eine PID vorgenommen werden dürfe, müsse dann festgelegt werden.

„Die Ärzteschaft will Verantwortung übernehmen“, betont auch Prof. Dr. med. Jan Schulze, Mitglied des BÄK-Vorstands und der PID-Arbeitsgruppe. Bei einer gesetzlichen Zulassung der PID wolle die Bundesärztekammer in einer (Muster-)Richtlinie die Regelungen zum Indikationsspektrum, zur personellen und apparativen Ausstattung, zur medizinischen und psychosozialen Beratung sowie zur Lizenzierung der PID-Zentren treffen.

Die BÄK beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit der PID. Im Jahr 2000 hatte sie durch ihren Wissenschaftlichen Beirat einen „Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie zur Präimplantationsdiagnostik“ vorgelegt (DÄ, Heft 9/2000), für den ebenfalls Hepp federführend zuständig war. Die damaligen Positionen hält er sachlich nach wie vor für tragfähig. Eine ergänzende Stellungnahme aus dem Jahr 2001 arbeitete die dadurch ausgelöste öffentliche Diskussion auf.

Die Politik beschäftigte sich inzwischen ebenfalls mit der Frage, ob die PID mit dem Embryonenschutzgesetz vereinbar sei. Die damalige Bundesgesundheitsministerin, Andrea Fischer, sprach sich dafür aus, die PID in einem neu-
en Fortpflanzungsmedizingesetz explizit zu verbieten. Ministerialrat a.D. Dr. jur. Rudolf Neidert (DÄ, Heft 51–52/2000) plädierte dagegen dafür, dass eine rechtliche Regelung dieser Diagnostik von einer engen genetischen Indikation ausgehen sollte, so wie es der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer vorgeschlagen habe.

Der 105. Deutsche Ärztetag in Rostock 2002 hat sich dieser Argumentation allerdings nicht angeschlossen und mit 91 Ja-Stimmen bei 82 Nein-Stimmen und einigen Enthaltungen eine Ablehnung der PID beschlossen. Im selben Jahr legte auch die damalige Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Recht und Ethik der modernen Medizin“ Empfehlungen vor, in denen sich eine Mehrheit dafür aussprach, „die PID in Deutschland nicht zuzulassen und das im Embryonenschutzgesetz enthaltene Verbot der In-vitro-Fertilisation zu diagnostischen Zwecken ausdrücklich im Hinblick auf die PID zu präzisieren“. Der Nationale Ethikrat setzte sich ein Jahr später mehrheitlich für eine „eng begrenzte Zulassung der PID“ ein.

In zahlreichen Ländern in Europa ist die PID inzwischen zulässig, worauf auch das Memorandum eingeht. „Die Methode der Präimplantationsdiagnostik ist seit 20 Jahren außerhalb Deutschlands etabliert“, heißt es dort. Nach PID sei es zu einer Schwangerschaftsrate von 26 Prozent pro Embryotransfer gekommen, was weitgehend der normalen Schwangerschaftsrate nach In-vitro-Fertilisation entspreche. Die Rate an kongenitalen Fehlbildungen sei nach PID nicht erhöht. Die internationale Erfahrung spreche auch gegen die Befürchtung eines Dammbruchs.

Neuer Handlungsbedarf hat sich durch ein im vergangenen Jahr ergangenes Urteil des Bundesgerichtshofs ergeben, das auf Wertungswidersprüche hinwies und die PID an pluripotenten Zellen erlaubte. Danach liegt es jetzt am Gesetzgeber, einen neuen Rahmen zu setzen. Bisher liegen drei Gesetzentwürfe vor. Zwei sehen eine restriktive Zulassung vor, einer spricht sich für ein Verbot aus. Für die Abstimmung im Bundestag ist der Fraktionszwang aufgehoben.

Gisela Klinkhammer
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

KURZINTERVIEW mit Prof. Dr. med. Hermann Hepp, Wissenschaftlicher Beirat der BÄK

Herr Professor Hepp, was hat Sie und Ihre Arbeitsgruppe bewogen, ein Memorandum zur PID noch vor der Entscheidung im Bundestag über deren mögliche Zulassung zu verfassen?

Hepp: Ausgangspunkt unserer Arbeit war das Urteil des Bundesgerichtshofs vom Juli 2010. Der Vorstand des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer bat uns, im Einvernehmen mit dem Gesamtvorstand der BÄK, in einem engen Zeitfenster ein Memorandum zur PID zu verfassen. Dieses dient zunächst der internen Beratung des Vorstandes der BÄK – und darüber hinaus der Information der Gesellschaft und der Ärzteschaft über die Position des Vorstandes in dieser sehr komplexen Thematik.

Viele Bundestagsabgeordnete sind sich noch nicht im Klaren darüber, ob man die PID zulassen sollte. Liegt es in Ihrer Absicht, mit diesem Memorandum auch deren Entscheidungsfindung zu beeinflussen?

Hepp: Jede Stellungnahme zu diesem gesellschaftlich und gesundheitspolitisch wichtigen Thema wird die für Gesetzgebung verantwortlichen Abgeordneten positiv und oder negativ beeinflussen. Jeder ist aber frei in seiner Entscheidung. Deshalb wird es bei der Abstimmung über die Zulassung der PID auch keinen Fraktionszwang im Deutschen Bundestag geben.

Erwarten Sie auf Ihr Memorandum Widerspruch? Auch innerhalb der Ärzteschaft?

Hepp: Selbstverständlich erwarte ich Widerspruch innerhalb der Ärzteschaft – so wie wir auch Widerspruch im Bereich der Abgeordneten des Deutschen Bundestages erleben werden.

Wahrscheinlich wird auf dem nächsten Deutschen Ärztetag das Thema PID wieder diskutiert. 2002 sprach sich das Ärzteparlament knapp gegen die Zulassung der PID aus. Welches Ergebnis erwarten Sie in diesem Jahr?

Hepp: Aufgrund der vorliegenden Datenlage vom europäischen Konsortium der Reproduktionsmedizin zur PID gehe ich davon aus, dass viele Argumente, die vor zehn Jahren gegen die PID sprachen, heute viel differenzierter und in einem völlig anderen Licht gesehen werden. Ich persönlich gehe davon aus, dass das Ärzteparlament mehrheitlich für die begrenzte Zulassung der PID plädiert.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige