POLITIK: Das Gespräch

Gespräch mit Hon.-Prof. Dr. med. Kuno Winn, Vorsitzender des Hartmannbundes „Wenn wir Kostenerstattung anstreben, müssen wir uns der Realität stellen“

Dtsch Arztebl 2011; 108(9): A-438 / B-350 / C-350

Flintrop, Jens; Rieser, Sabine

Der Vorsitzende des Hartmannbundes vertritt weiter sein Konzept, doch er weiß: Um die Versorgungsherausforderungen zu lösen, bedarf es eines ganzen Maßnahmenbündels.

Prof. Dr. med. Kuno Winn ist ein gelassener, freundlicher Gesprächspartner, aber daran, dass der Vorsitzende des Hartmannbundes hartnäckig an seinen Überzeugungen festhält, kann kein Zweifel bestehen. Das wird deutlich, wenn man mit ihm das Für und Wider einer Kostenerstattung als primäres Abrechnungs- und Vergütungssystem in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) diskutiert.

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Obwohl der Hartmannbund die Delegierten des zurückliegenden Deutschen Ärztetages in Dresden nicht von einem Votum für die Kostenerstattung überzeugen konnte, will Winn einen erneuten Vorstoß beim diesjährigen Ärztetag in Kiel wagen: „Wir müssen uns allerdings überlegen, wie, denn wir haben die politischen Vorgänge der letzten Monate natürlich genau verfolgt.“

Gemeint ist damit, dass Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler zwar mehrfach Sympathien für die Kostenerstattung hat erkennen lassen, es in der schwarz-gelben Koalition jedoch keine Mehrheit dafür gibt. Winn stellt deshalb auch klar: „Wenn wir als Hartmannbund weiter die Kostenerstattung anstreben, müssen wir uns der Realität stellen. Das heißt nicht, dass wir von unserem Modell abgehen, sondern dass wir prüfen, wie man dieses sukzessive einführen kann.“

Der Hartmannbund fordert seit langem, das Sachleistungsprinzip der GKV durch die Kostenerstattung mit sozialverträglicher Selbstbeteiligung abzulösen. 2009 hat er ein Konzept vorgelegt: Der Patient würde vom Arzt eine Rechnung auf Basis einer einheitlichen Gebührenordnung erhalten, die er zur Erstattung bei seiner Krankenkasse einreichen müsste. Durch gesetzliche Vorgaben wäre zu regeln, dass kein Patient in Vorleistung gehen muss, sondern die Rechnung bezahlt wird, nachdem die Kasse Geld überwiesen hat. Eine sozialverträgliche Eigenbeteiligung würde nach den Vorstellungen des Hartmannbundes die Eigenverantwortung der Versicherten stärken, eine Veränderung der Patientenströme zugunsten versorgungsintensiver Fälle bewirken und den Ärzten im Idealfall dadurch mehr Zeit für den einzelnen Kranken lassen.

Fotos: Georg J. Lopata

Das Konzept sieht einen Selbstbehalt über alle Leistungsbereiche in Höhe von maximal zehn Prozent pro Behandlung vor. Versicherte mit geringem Einkommen könnten einen Euro pro Arztbesuch zuzahlen. Die Selbstbeteiligung sollte, so wie heute, generell zwei Prozent des Jahresbruttoeinkommens (bei chronisch Kranken: ein Prozent) nicht übersteigen.

Nicht nur eine Umsetzung dieses Modells ist derzeit nicht in Sicht, auch die Amtliche Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) erscheint aktuell nicht allzu attraktiv im Vergleich zum Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM), weil die amtierende Bundesregierung überfällige Reformen daran verzögert. „Mir ist wichtig, dass wir uns nicht in einer Diskussion um die GOÄ verheddern“, betont Winn. „Wir plädieren im Rahmen unseres Modells für eine einheitliche Gebührenordnung, deren Bewertungen höher ausfallen sollen als heute. Aber wir könnten für eine Übergangszeit auch mit einem EBM in die Kostenerstattung starten, wenn wir denn einen wirklich betriebswirtschaftlich kalkulierten Punktwert bekämen.“

Dem Hartmannbund-Vorsitzenden ist es zudem wichtig, dass die Ärzte in einem Kostenerstattungssystem kein Honorar verlieren. „Im Verband gibt es durchaus die Sorge, dass das passieren könnte“, räumt er ein. Andererseits wünsche die große Mehrheit den Umstieg, auch, weil dieser neben ordnungspolitischen Überzeugungen ihrem Selbstverständnis entspreche: „Manche Kollegen sagen: ,Ich möchte das direkte Verhältnis zum Patienten, auch wenn es um die Bezahlung geht. Ich möchte, dass mein Patient weiß, was ich alles gemacht habe, und ich stehe dafür auch gern Rede und Antwort.“

Eine Möglichkeit, die Kostenerstattung in der GKV zu erproben, hat jüngst der FDP-Bundestagsabgeordnete Lars Lindemann ins Gespräch gebracht. Seinen Vorschlag, die Vergütung in unterversorgten Gebieten auf ein Kostenerstattungssystem umzustellen, um mehr Ärzte dorthin zu locken, beurteilt Winn jedoch eher zurückhaltend: „Natürlich bin ich nicht dagegen. Aber wir wissen doch auch, dass die Ärzte diese Gebiete nicht allein deshalb meiden, weil sie dort zu wenig verdienen.“

Seiner Ansicht nach sind es eher weiche Faktoren, wie die Kinderbetreuungsmöglichkeiten, das schulische Angebot oder das öffentliche Verkehrsnetz, die stimmen müssen, damit sich mehr Ärzte in den betreffenden Gebieten niederlassen.

Zielen Vorschläge aus dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG), Ärzte in strukturschwachen Gebieten von einer Abstaffelung des Honorars auszunehmen und Preiszuschläge für „besonders förderungswürdige Leistungserbringer“ zu ermöglichen, deshalb in die falsche Richtung? „Nein, nein“, antwortet Winn, „bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch.“ Solche Anreize zu setzen, sei sicher sinnvoll und notwendig, „aber es ist nur ein Aspekt von vielen“. Es gebe keine Einzelmaßnahme, die das Versorgungsproblem in der Fläche lösen könne. Dazu bedürfe es eines ganzen Bündels von Maßnahmen.

Wenig anfangen kann er allerdings mit einer verbindlichen Landarztquote. Es widerspreche seiner Vorstellung von einem Rechtsstaat, wenn ein Freiberufler mit unternehmerischem Risiko verpflichtet werde, für mehrere Jahre aufs Land zu gehen, sagt Winn: „Der Arzt wäre dann ein Gefangener des Staates.“

Ihm bereitet Sorge, dass die Versorgungsengpässe mittelfristig allenfalls zu lindern, aber wohl nicht zu beheben sind: „Was können die besten neuen Regelungen bewirken, wenn ich nicht genügend Ärzte habe?“ In Mecklenburg-Vorpommern, berichtet er, seien aktuell etwa 130 Hausarztsitze nicht besetzt, zugleich absolvierten aber auch nur 30 Ärzte ihre allgemeinmedizinische Weiterbildung in dem Bundesland. Der ruhige Hartmannbund-Vorsitzende wird an diesem Punkt erkennbar ärgerlich: „Der Ärztemangel war doch seit langem absehbar. Die Politik hat ihn schlichtweg ignoriert!“ Selbst wenn man jetzt die Studienplatzkapazitäten in der Humanmedizin deutlich erhöhe, was er befürworte, dauere es durchschnittlich zwölf Jahre, bis der Ärztenachwuchs sich als Landarzt niederlassen könne.

Darauf angesprochen, welche Rolle der Hartmannbund in Zukunft spielen kann, verweist der Vorsitzende auf das deutlich verbesserte Verhältnis zum BMG, seitdem es von Philipp Rösler geleitet wird: „Anders als zu Ulla Schmidts Zeiten ist unser Rat jetzt wieder gefragt.“ Neben der Lobbyarbeit zählt Winn die individuelle Beratung der nach seinen Angaben circa 45 000 Mitglieder zu den Stärken des Verbandes.

Besonders zu Fragen der Anstellung im niedergelassenen Bereich gebe es großen Beratungsbedarf. Klinikärzte unterstützt der Hartmannbund bei allen Fragen rund um den Arbeitsvertrag. Stolz ist Winn darauf, dass circa 15 000 Medizinstudierende zu den Mitgliedern zählen. Diese haben beispielsweise in Hospitationsprogrammen die Möglichkeit, Landpraxen kennenzulernen. „Wir müssen über jeden Studierenden froh sein, der auf diese Weise den Weg in die Niederlassung findet“, meint Winn.

Jens Flintrop, Sabine Rieser

Zur Person

Prof. Dr. med. Kuno Winn (66) verknüpft seit langem Medizin und Politik: Seit fast 35 Jahren ist er Hausarzt in Hannover, fast 15 Jahre lang war er Mitglied des niedersächsischen Landtags. Winn trat kurz vor der Bundestagswahl 2009 aus der CDU aus und in die FDP ein. Er ist seit 2005 Vorsitzender des Hartmannbundes, der als freier Verband Ärzten und Zahnärzten (auch angehenden) offensteht.

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