POLITIK

Organspende: Tief verwurzelte Ängste

Dtsch Arztebl 2011; 108(9): A-444 / B-356 / C-356

Kaiser, Gernot M.; Heuer, Matthias; Paul, Andreas

Über die Notwendigkeit von Kampagnen zur Förderung der Organspendebereitschaft in Deutschland

Wegen des Mangels an Organspendern kann in Deutschland vielen Patienten nicht zeitgerecht mit der notwendigen Transplantation geholfen werden. Der Mangel an geeigneten Spenderorganen stellt ein wesentliches Problem im Versorgungsauftrag der aktuellen Transplantationsmedizin dar (1). Gleichzeitig besteht ein hohes Organspenderpotenzial, das nicht ausgeschöpft wird (6, 10). 2010 konnten von den 1 296 postmortalen Organspendern in Deutschland 4 205 Organe transplantiert werden. Das entspricht nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) einer Steigerung um 6,5 Prozent im Vergleich zu 2009. Aber die Neuanmeldungen auf der Warteliste für eine Transplantation haben in den letzten zwei Jahrzehnten um fast 50 Prozent zugenommen, und eine weitere Steigerung ist zu erwarten (5). Da häufig nicht rechtzeitig ein passendes Spenderorgan zur Verfügung steht, sterben in Deutschland jährlich mehr als 1 000 Patienten auf der Warteliste für eine Transplantation (7). Im internationalen Vergleich bewegt sich Deutschland 2010 trotz der erfreulichen Steigerung im vergangenen Jahr nur im unteren Drittel der Organspenderate (3).

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Ziel von Umfragen ist es, die Bereitschaft zur Organspende zu evaluieren und den Anteil von Organspenderausweisträgern zu dokumentieren. Dabei wird analysiert, ob Alter, Geschlecht und andere allgemeine oder gesundheitsbezogene Aspekte im Zusammenhang mit dem Tragen eines Organspendeausweises stehen. Letztlich dienen diese Umfragen auch dazu, über die Veröffentlichung der Ergebnisse einen Bewusstseinswandel bei den Befragten sowie in der Ärzteschaft und der Bevölkerung anzuregen.

Die Repräsentativumfrage im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2010 zeigt im Vergleich zu 2008 eine Steigerung der Rate an Organspenderausweisträgern von 17 Prozent auf aktuell 25 Prozent (4). Diese Befragung ergibt aber auch, dass immerhin 74 Prozent der Befragten grundsätzlich bereit wären, ihre Organe oder Gewebe nach dem Tod zu spenden. Nach eigenen Angaben fühlen sich sieben Prozent sehr gut, 40 Prozent eher gut, 50 Prozent eher schlecht und drei Prozent gar nicht über das Thema „Organ- und Gewebespende“ informiert. Aber im Bedarfsfall wünschen sich etwa 90 Prozent eine Organtransplantation.

Deshalb sind Kampagnen zur Förderung der Organspendebereitschaft wichtig, da sie für die Problematik des Organspendermangels sensibilisieren. Wie sich gezielte Interventionen über Vorträge, Informationskampagnen oder eine Textinformation auf die Organspendebereitschaft auswirken, ist bisher im deutschsprachigen Raum wenig untersucht worden. Ende 2009 wurde bei den Mitarbeitern eines Finanzunternehmens eine Interventionsstudie zum Thema „Organspende“ durchgeführt. Auf den ersten Fragebogen mit allgemeinen Fragen zum Thema „Gesundheitsbewusstsein“ folgte ein einseitiger Informationstext, mit einer Grafik zur Situation der Organspende im internationalen Vergleich. Dessen Inhalt und Wirkung auf die Befragungsteilnehmer wurde dann in einem zweiten Fragebogen unmittelbar erfasst. 21 Prozent der Befragten im analysierten Kollektiv trugen zum Zeitpunkt der Umfrage einen Organspendeausweis. 95 Prozent gaben an, das Informationsmaterial gelesen zu haben, ein Fünftel dieser Befagten hatte sich zum ersten Mal intensiver mit dem Thema „Organspende“ befasst. Nahezu die Hälfte der Befragten gab an, die Informationen seien hinreichend gewesen, und immerhin 37 Prozent erklärten, aufgrund der erhaltenen Informationen sei das Tragen eines Organspendeausweises nun vorstellbar. Dass bei besonders gut informierten Personen eine sehr hohe Rate an Organspenderausweisträgern von mehr als 60 Prozent erreichbar ist, zeigen Umfragen unter Mitarbeitern eines Universitätsklinikums und dessen Medizinstudierenden (7).

Wie von Weber et al. beschrieben, beeinflussen in der deutschen Bevölkerung offensichtlich tief verwurzelte Ängste gegenüber der medizinischen Betreuung potenzieller Organspender, ethisch-religiöse Bedenken sowie Überlegungen zur Gerechtigkeit der Organallokation die Entscheidung zur Organspende (8, 9). Die Angehörigen werden durch den Entscheidungsdruck ohne genaue Kenntnis des Willens des Verstorbenen belastet. Jedoch auch für die Ärzte ist ein Angehörigengespräch häufig eine hochgradig belastende Situation (2).

Ein Ansatz zur Steigerung der Zustimmungsrate könnte eine gesetzliche Neuregelung im Sinne der „Erklärungslösung“ sein. Bei der „Erklärungslösung“ wäre jeder Bürger aufgefordert, seine Entscheidung „für“ oder „gegen“ eine Organspende zu dokumentieren. In der aktuellen Diskussion erscheint eine Dokumentation des persönlichen Willens über ein Feld in der geplanten Gesundheitskarte möglich.

PD Dr. med. Gernot M. Kaiser
Dr. med. Matthias Heuer
Prof. Dr. med. Andreas Paul
Universitätsklinikum Essen
Hufelandstraße 55, 45122 Essen

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0911

1.
Abouna GM: Organ shortage crisis: problems and possible solutions. Transplant Proc 2008; 40(1): 34–8. MEDLINE
2.
Barber K, Falvey S, Hamilton C, Collett D, Rudge C: Potential for organ donation in the United Kingdom: audit of intensive care records. BMJ 2006; 332(7550): 1124–7. MEDLINE
3.
Deutsche Stiftung Organtransplantation: Organspende und Transplantation in Deutschland 2009. Jahresbericht der DSO, 2010.
5.
Heuer M, Hertel S, Remmer N, et al.: Organspendebereitschaft: Auswertung einer Umfrage zu Gesundheitsthemen. Dtsch Med Wochenschr 2009; 134(18): 923–6. MEDLINE
6.
Kaiser GM, Heuer M, Stanjek M, et al.: Organspendeprozess an einem Krankenhaus mit Maximalversorgung. Dtsch Med Wochenschr 2010; 135(42): 2065–70. MEDLINE
7.
Radunz S, Hertel S, Schmid KW, et al.: Attitude of Health Care Professionals to Organ Donation: Two Surveys Among the Staff of a German University Hospital. Transplant Proc 2010; 42(1): 126–9. MEDLINE
8.
Stoschek J: Umfrage zur Organspende: Die Bedenken sind kaum ausgeräumt. Dtsch Arztbl 1999; 96(18): A 1160/
B 988/C 927. VOLLTEXT
9.
Weber F, Philipp T, Broelsch CE, Lange R: The impact of television on attitudes towards organ donation-a survey in a German urban population sample. Nephrol Dial Transpl 1999; 14(10): 2315–8. MEDLINE
10.
Wesslau C: Transplantationsmedizin: Organspender-Potenzial ist nicht ausgeschöpft. Dtsch Arztebl 2006; 103(9): A 517/B 447/C 426. VOLLTEXT
1.Abouna GM: Organ shortage crisis: problems and possible solutions. Transplant Proc 2008; 40(1): 34–8. MEDLINE
2.Barber K, Falvey S, Hamilton C, Collett D, Rudge C: Potential for organ donation in the United Kingdom: audit of intensive care records. BMJ 2006; 332(7550): 1124–7. MEDLINE
3.Deutsche Stiftung Organtransplantation: Organspende und Transplantation in Deutschland 2009. Jahresbericht der DSO, 2010.
4.http://www.organspende-info.de/organspende/studien.
5. Heuer M, Hertel S, Remmer N, et al.: Organspendebereitschaft: Auswertung einer Umfrage zu Gesundheitsthemen. Dtsch Med Wochenschr 2009; 134(18): 923–6. MEDLINE
6. Kaiser GM, Heuer M, Stanjek M, et al.: Organspendeprozess an einem Krankenhaus mit Maximalversorgung. Dtsch Med Wochenschr 2010; 135(42): 2065–70. MEDLINE
7. Radunz S, Hertel S, Schmid KW, et al.: Attitude of Health Care Professionals to Organ Donation: Two Surveys Among the Staff of a German University Hospital. Transplant Proc 2010; 42(1): 126–9. MEDLINE
8. Stoschek J: Umfrage zur Organspende: Die Bedenken sind kaum ausgeräumt. Dtsch Arztbl 1999; 96(18): A 1160/
B 988/C 927. VOLLTEXT
9. Weber F, Philipp T, Broelsch CE, Lange R: The impact of television on attitudes towards organ donation-a survey in a German urban population sample. Nephrol Dial Transpl 1999; 14(10): 2315–8. MEDLINE
10. Wesslau C: Transplantationsmedizin: Organspender-Potenzial ist nicht ausgeschöpft. Dtsch Arztebl 2006; 103(9): A 517/B 447/C 426. VOLLTEXT

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