THEMEN DER ZEIT
Vorbereitung auf die Psychotherapie: Wartezeit sinnvoll nutzen
PP 10, Ausgabe März 2011, Seite 118


Wissenschaftler empfehlen niedrigschwellige Interventionen, um Patienten in der Wartezeit vor Aufnahme einer Psychotherapie zu motivieren – und nicht zu verlieren.
Patienten, die eine Psychotherapie beginnen wollen, brauchen oft Geduld. Denn zwischen der Anmeldung bis zum Erstgespräch beziehungsweise zu probatorischen Sitzungen liegen in der Regel mehrere Wochen oder Monate, ebenso zwischen der Antragstellung auf Kostenübernahme und dem Therapiebeginn. Ursachen für solche Wartezeiten können in einer Diskrepanz zwischen Bedarf und Angebot und in den formal-rechtlichen Abläufen liegen. Wie britische Psychologen herausfanden, sinkt die Bereitschaft von Patienten zu einer Psychotherapie allerdings mit der Dauer der Wartezeit.
Wenige Tage akzeptabel
Die meisten Patienten sind ernsthaft an einer Therapie interessiert, sofern zwischen Anmeldung und Erstgesprächen nur wenige Stunden oder Tage liegen, wohingegen längere Wartezeiten zu hohen Ausfallraten führen. Um Patienten nicht zu verlieren, sollten sich Psychotherapeuten mit der Frage befassen, ob Wartezeiten zur Aufrechterhaltung der Therapiemotivation genutzt werden könnten. Weitere Ziele könnten darin bestehen, die Patienten auf die Inhalte und Anforderungen der Therapie vorzubereiten sowie Beschwerden und Symptome zu reduzieren. Psychologen um Dr. Sylvia Helbig von der Universität Bremen machen hierzu konkrete Vorschläge. Ihrer Meinung nach eignen sich folgende niedrigschwellige Maßnahmen:
- Informationsunterlagen: Den Patienten können Handouts, Broschüren oder andere Unterlagen ausgehändigt werden, um sie über Psychotherapie im Allgemeinen, über die jeweilige therapeutische Orientierung oder über verschiedene psychische Erkrankungen zu informieren. Mit Hilfe psychoedukativer Materialien ist es möglich, psychische Erkrankungen zu entpathologisieren und Patienten für auslösende und aufrechterhaltende Faktoren zu sensibilisieren.
- Bibliotherapie: Anhand von Büchern, Videos und Filmen werden Patienten zur Selbsthilfe angeleitet. Dies setzt allerdings eine eindeutige Diagnose voraus. Erweitert man den bibliotherapeutischen Hilfsmittelkatalog auf das Internet und auf Computerprogramme, so können den Patienten auch ausgewählte Internetseiten oder computergestützte Selbsthilfeprogramme empfohlen werden.
- Selbstbeobachtung: Patienten können anhand von strukturierten Tagebüchern angeleitet werden, über einige Tage hinweg ihre Symptome und Stimmungslagen zu notieren. Auf diese Weise werden sie dazu gebracht, verschiedene Ausprägungsgrade der Symptome zu differenzieren und zu beschreiben, Zusammenhänge zwischen Denken, Fühlen und Verhalten selbst zu erkunden und sich mit der eigenen Symptomregulation zu beschäftigen.
- Entspannungsmethoden: Patienten kann empfohlen werden, während der Wartezeit Entspannungstechniken zu erlernen. Beispielsweise ist die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson relativ schnell und einfach anhand von Selbsthilfematerialien erlernbar.
- Angenehme Aktivitäten: Den Patienten können konkrete Anregungen für mögliche Aktivitäten gegeben werden, die sie in ihren Alltag integrieren und relativ einfach umsetzen können. Dies dient der Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens und hilft Patienten dabei, negative Stimmungen oder Symptome bis zu einem gewissen Grad zu regulieren.
- Weitere Möglichkeiten bestehen unter anderem im Besuch von Selbsthilfegruppen, in der Nutzung von verschiedenen Foren oder Gruppen im Internet sowie in der Inanspruchnahme von Krisentelefonen oder Hotline- und Live-Chat-Angeboten im Internet.
Die Interventionen sollten sorgsam auf die Möglichkeiten und Grenzen der jeweiligen Patienten abgestimmt werden. Es muss dar- auf geachtet werden, dass Patienten sich nicht hilflos oder überfordert mit den Maßnahmen fühlen, denn dies könnte zu Demotivation führen. Weitere Schwierigkeiten, die durch Minimalinterventionen in der Wartezeit auftreten können, bestehen darin, dass Patienten abgeschreckt, übersensibilisiert oder entmutigt werden. Bei richtiger Anwendung verbessern sie jedoch die Therapiemotivation und Selbstwirksamkeit der Patienten und deren Einstellung gegenüber einer Psychotherapie. Oft werden auch schnellere Behandlungserfolge erzielt.
Grundstein legen
Der Wert der beschriebenen Interventionen sollte nach Meinung von Helbig und Kollegen nicht unterschätzt werden: „Wenn der Einsatz minimaler Strategien in der Wartezeit auch nur dazu führt, dass der Patient die Therapie mit dem positiven Gefühl beginnt, dass er auch selbst etwas für sich tun kann, ist bereits ein wichtiger Grundstein für den therapeutischen Prozess gelegt.“
Dr. phil. Marion Sonnenmoser
1.
Helbig et al.: Wartezeit für Psychotherapiepatienten – und wie sie zu nutzen ist. Verhaltenstherapie 2004; 14(4): 294–302.
2.
Reeves T: A controlled study of assisted bibliotherapy. Journal of Psychiatric and Mental Health Nursing 2010; 17(2): 84–90.
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