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BRIEFE

Ausbildung: Verfassungsrechtliche Bedenken

PP 10, Ausgabe März 2011, Seite 123

Im Rahmen seiner Stellungnahme geht Rainer Richter als Meinungsführer einer Mehrheit der Psychotherapeutenkammer irrtümlich davon aus, dass es eine fachliche und juristische Grundlage dafür gibt, das Psychotherapeutengesetz in der Weise zu verändern, dass der eigenständige Beruf des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten abgeschafft werden könne.

Da die Kindertherapeuten in der Kammer eine Minderheit darstellen, geraten sie unter Majoritätsdruck der psychologischen Psychotherapeuten. War das bisher schon aufgrund ihrer pädagogischen Grundausbildung so, bekommt es nun durch die Infragestellung einer eigenen beruflichen Existenzberechtigung eine neue Qualität.

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Dabei ist zu bedenken: Die „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie“ blickt auf eine längere Tradition zurück als die „Psychologische Psychotherapie“, die ja erst mit dem Psychotherapeutengesetz als Begriff neu erschaffen wurde. Die wissenschaftliche Entwicklung der Kinderpsychotherapie begann in den 1920er Jahren mit dem klinischen Wirken und zahlreichen Veröffentlichungen der Lehrerin Anna Freud, der Physikerin und Philosophin Hermine Hug-Hellmuth und Melanie Klein, die Kunst und Geschichte studierte. Nach der gewalttätigen Unterbrechung durch den Nationalsozialismus und der Vertreibung namhafter Psychoanalytiker wurde London zum wissenschaftlichen Zentrum der Kindertherapie.

Dort erweiterte zusätzlich der Kinderarzt Donald W. Winnicott die kindertherapeutischen Theorien und Methoden. Die berufliche Konstituierung in Deutschland begann im Jahre 1948 mit der Ausbildung zum „analytischen Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten“, die zunächst als „Psychagogik“ terminologisch die Pädagogik mit der Psychotherapie vereinte. Die sich in den folgenden 50 Jahren entwickelnde klinische und wissenschaftliche Arbeit des KJP sichert der Gesetzgeber im vollen Bewusstsein seiner nichtpsychologischen Wurzeln im Jahre 1998 mit dem PTG formal als selbstständigen Beruf mit spezifischem Zugangs- und Ausbildungsprofil und eigener Approbation ab. Seitdem genügen die wissenschaftliche Ausbildung und die klinische Arbeit des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten auch formal höchsten Standards, wie auch das Forschungsgutachten im Auftrag des BMG im April 2009 bescheinigte.

Durch die Auflösung der Kindertherapie in den Gesamtkorpus der psychologisch orientierten Psychotherapie würde eine wissenschaftliche und klinische Tradition zerstört. Zudem erscheint die langfristige Versorgung der jungen Patienten auch quantitativ ernsthaft gefährdet. Denn obwohl die Psychologen wie die Pädagogen die Ausbildung machen könnten, haben doch etwa 80 Prozent der Kindertherapeuten pädagogische Grundberufe. Würde man einen psychologisch orientierten Einheitszugang zur Psychotherapie schaffen, dann würden weniger als zuvor sich für die Kindertherapie entscheiden, weil sie methodisch durch die soziale Eingebundenheit, die nichtsprachlichen Handlungsmuster und den oft fehlenden eigenen Leidensdruck des Kindes anstrengender ist als die Therapie eines motivierten verbalisierenden Erwachsenen.

Von mir befragte Juraprofessoren gehen zudem davon aus, dass es verfassungsrechtliche Bedenken geben könnte bei der Abschaffung eines langjährig bewährten, qualifizierten Berufsstandes, der die heilberufliche Versorgung eines großen Bevölkerungsteils sichert. Trotz einer gemeinsamen Kammervertretung könne es auch juristisch schwierig sein, wenn die Mehrheit eines Berufes (PP) einen anderen Beruf (KJP) durch Abschaffung vereinnahmen wolle. So ist es kein Wunder, dass die Position der Bundespsychotherapeutenkammer trotz des ebenfalls fachlich bedenklichen „Zuckerstückes“, die Kindertherapeuten könnten dann nach einer Weiterbildung auch Erwachsene behandeln, letztlich weder Unterstützung bei Juristen, Patienten, Krankenkassenvertretern, kindertherapeutischen Hochschullehrern noch bei der Mehrheit der klinisch tätigen Kindertherapeuten findet.

Wieso sollte das Bundesgesundheitsministerium sich ohne Not auf solch dünnes Eis begeben, nur weil berufspolitisch engagierte oder universitätsgebundene Psychologen sich hier neues Terrain sichern wollen?

Prof. Dr. Frank Dammasch, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Fachhochschule Frankfurt/M.


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