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KULTUR

Solingen: Entdeckte Moderne

PP 10, Ausgabe März 2011, Seite 136

Krannich, Stephanie

Das „Zentrum für verfolgte Künste“ im Solinger Kunstmuseum zeigt mehr als 300 Exponate des 20. Jahrhunderts aus der Sammlung Gerhard Schneider.

Georg Netzband: „Der Sieger“, 1939

Am Zerbrechen seiner geistigen Kontinuität wird Deutschland noch lange zu tragen haben“, schrieb der erste Bundespräsident, Theodor Heuss, 1953 an den Schriftsteller Alfred Döblin. Er meinte damit die durch den Nationalsozialismus unterbrochenen kulturellen Traditionen. Von ihnen waren neben der Elite des Denkens alle Bereiche des modernen Kulturschaffens betroffen. Gefühle der Bedeutungs- beziehungsweise Wertlosigkeit ihrer Person und ihrer Werke haben viele Maler, Literaten, Musiker, ja Kulturschaffende in allen Bereichen während der Diktatur des Nationalsozialismus erfahren und durchlitten. Einen Höhepunkt stellte die Aktion „Entartete Kunst“ dar.

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Das gesamte Kunstschaffen des frühen 20. Jahrhunderts mit seinen neuen Formensprachen war den Nazis ein Dorn im Auge. Von den Diffamierungen missliebiger „verfemter“ Kunst, ihrer Vernichtung und ihrem versuchten Ausverkauf war neben den „Vätern“ der Moderne, die bis 1933 bereits arriviert waren, in noch härterer Weise die nachfolgende, jüngere Generation der Moderne betroffen. Öffentlich diskreditiert, arbeiteten sie zumeist im Verborgenen, in innerer Emigration. Manchmal gab es als letzten Ausweg nur das Exil, um der Vernichtung in Konzentrationslagern zu entfliehen. Davon waren vor allem jüdische und links orientierte Künstler und Künstlerinnen betroffen. Einschließlich ihrer Leistungen zwischen den Kriegen wurde man erst in den letzten Jahrzehnten auf außergewöhnliche Arbeiten aufmerksam, die die Gräuel, das Erlebte und Erlittene dieser unseligen Zeit thematisieren. Da sie als Nachgeborene noch keine anerkannten Namen hatten, gerieten sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg ins Abseits, nicht zuletzt durch die Situation Deutschlands als Frontstaat zweier ideologischer Weltanschauungen.

Angeregt durch die Nachlassentdeckung des bis dahin völlig unbekannten Malers Valentin Nagel (1891 in Germersheim bis 1942 in München), begann sich der Kunstantiquar Dr. Gerhard Schneider aus Olpe/Biggesee Mitte der 1980er Jahre intensiv der „Wieder“-Entdeckung solcher Maler zu widmen. Mit dem Erwerb nahezu des gesamten Nagel-Nachlasses legte er den Grundstock einer in der Folge systematisch aufgebauten Sammlung von künstlerischen Leistungen, die die Nationalsozialisten versucht hatten auszuradieren.

Der Schwerpunkt der Sammlung liegt auf Werken „expressiver Gegenständlichkeit“. Die Bildersammlung spiegelt die Zeit vom Aufbruch in die Moderne um 1910 bis hin zu den Folgen der Teilung Deutschlands und der Kritik an der Wohlstandsgesellschaft wider. Ihr Dokumentationscharakter über so viele Dekaden darf als einzigartig eingestuft werden. Der Kontakt mit Museumsdirektor Dr. Rolf Jessewitsch führte ab 1999 zu Präsentationen der Sammlung Gerhard Schneider im Solinger Kunstmuseum (zurzeit noch „Museum Baden“). Es folgten zahlreiche Ausstellungen in Deutschland, Österreich und Belgien. Um diese einzigartige Kollektion des Sammlers in ihrem Fortbestand zu sichern und zusammenzuhalten, wurde im Jahr 2004 die „Bürgerstiftung für verfemte Künste mit der Sammlung Gerhard Schneider, Solingen“ gegründet. Der übereignete Teil der Sammlung hat im jüngst errichteten „Zentrum für verfolgte Künste“ im Solinger Kunstmuseum eine feste Bleibe gefunden. Ebenso trifft man dort auf wechselnde Leihgaben aus Schneiders weit umfangreicherem Fundus.

Robert Schabbon: „Kniender männlicher Akt in Landschaft“, 1921 Carl Rabus: „Zwei Freunde“, 1937

Nach ihrer Übernahme durch die Stiftung der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft kam im Jahr 2008 die von dem Journalisten Jürgen Serke zusammengetragene Literatursammlung „Die verbrannten Dichter“ als Dauerleihgabe hinzu. Das „Zentrum für verfolgte Künste“ ist eine bundesweit einzigartige Einrichtung zur Aufarbeitung und Präsentation der durch viele Verwerfungen geprägten Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Sammlung Gerhard Schneider, die inzwischen auf mehr als 2 500 Werke von mehr als 400 Künstlern und Künstlerinnen angewachsen ist und als eine der profiliertesten zur verfemten Kunst in Deutschland gilt, würdigt neben den großen Namen wie Barlach, Kollwitz, Pechstein oder Felixmüller insbesondere die bislang zu Unrecht übersehenen oder auch bewusst übergangenen Künstler.

Es ist Schneiders vorrangiges Anliegen, ihre Leistung für sich sprechen zu lassen. Längere Zeit wurde die Arbeit mit der Sammlung ausschließlich durch private Initiativen getragen; ab 2005 stellte der Landschaftsverband Rheinland ein Anlagevermögen von zwei Millionen Euro zur Verfügung. Vor kurzem wurde zwischen diesem und der Stadt Solingen ein Netzwerkprojekt vereinbart, das die Präsentation und den Unterhalt der Stiftung bis zum 31. Dezember 2025 sichert. Eine Mitgliedschaft in der Fördergesellschaft „Zentrum für verfemte Künste, Solingen e.V.“ bietet die Möglichkeit, die Auseinandersetzung mit der jüngeren Kulturgeschichte aktiv zu fördern.

Valentin Nagel: „Italienischer Offizier“, um 1928/32 Fotos: Sammlung Schneider

Das Solinger Kunstmuseum zeigt in seiner aktuellen Ausstellung „Entdeckte Moderne“ mehr als 300 Exponate, überwiegend Neuerwerbungen, die in den letzten Jahren in die Kunstsammlung Gerhard Schneider kamen. Neben großartiger Malerei und Grafik findet man auch erschütternde Dokumente der Zeitgeschichte, zum Beispiel die Grafikfolgen von Fritz Lederer (1878– 1949) und Leo Haas (1901–1983), die ihre furchtbaren Erlebnisse in den Konzentrationslagern wiedergeben. Andererseits hat beispielsweise Carl Rabus (1898–1983) als ein aus Deutschland Emigrierter im französischen Saint Cyprien auch unmenschliches Lagerleben erfahren müssen, das er in Zeichnungen und einer Linolschnittfolge festhielt. Welche malerische Potenz ihm zu eigen war, zeigt sein Gemälde „Zwei Freunde“, das ihn und seinen Malerfreund Ernst Vogenauer darstellt. Unter stärksten Repressalien auf sein künstlerisches Wirken schied der 1899 geborene Maler Florenz Robert Schabbon 1934 freiwillig aus dem Leben. Sein „Kniender männlicher Akt in Landschaft“, fast lebensgroß in gelb-roter Farbsymphonie gemalt, steht stellvertretend für viele Werke, die Gerhard Schneider aus dem Dunkel der Geschichte holen konnte. Georg Netzband (1900–1984) blieb trotz Überwachungsmaßnahmen als „engagiert beobachtender Chronist der Zeitgeschichte auf Posten“. 1939, drei Monate vor dem vom Zaun gebrochenen Zweiten Weltkrieg, malte er prophetisch vorausahnend den Tod in Generalsuniform als „Der Sieger“ in heroischer Pose, auf einem Leichenberg stehend, mit Blick auf das zerstörte Berlin.

Dr. med. Stephanie Krannich

Informationen

Die Ausstellung „Entdeckte Moderne“ ist bis zum 27. März im „Zentrum für verfolgte Künste“ im Solinger Kunstmuseum, Wuppertaler Straße 160, 42653 Solingen zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10–17 Uhr, ganzjährig. Telefon: 0212 25814–11, Internet: www.kunstmuseum-solingen.de, www.verfemte-kunst.de, www.entdeckte-moderne.de, www.exil-archiv.de.

Zur Ausstellungsbegleitung und Vertiefung in die Thematik empfiehlt sich der Katalog: „Entdeckte Moderne. Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider“, 532 Seiten, neun illustrierte Beiträge, 536 Abbildungen auf Tafeln, Anhang mit 353 Kurzviten und 233 Abbildungen, Preis: 39 Euro, zu beziehen über „Kunstmuseum Solingen“.


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