THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Schneller pflegen, schneller reden

Dtsch Arztebl 2011; 108(11): A-570 / B-462 / C-462

Remschmidt, Helmut

Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt, Universität Marburg

Behandlung und Pflege im Krankenhaus sind in unserer arbeitsteiligen und technifizierten Welt komplexe Vorgänge, die eine Vielzahl von Tätigkeiten umfassen, welche unter einer einheitlichen Zielvorstellung integriert und planvoll durchgeführt werden müssen. Hierzu gehören vielerlei Kenntnisse, Erfahrungen, aber auch Begabungen, Engagement und Initiative. Verantwortungsvolle Behandlung und Pflege setzen immer auch eine menschliche Begegnung voraus, die Geduld, Konstanz und Kontinuität erfordert und die sich in einer von Nervosität, Hektik und Überlastung gekennzeichneten Arbeitssituation einfach nicht realisieren lässt.

Die persönliche Beziehung zwischen Patienten und Pflegekräften oder zwischen Patienten und Ärzten verträgt nicht beliebige Wechsel. Der bislang übliche Dienst in drei Schichten ist schon Wechsel genug. Insbesondere für Kinder ist ein zu häufiger Wechsel der Betreuungs- und Behandlungspersonen nachgewiesenermaßen schädlich. Zwar kompensieren, zum Beispiel bei chronischen Erkrankungen, hier schon sehr viel die Eltern, aber alles kompensieren können sie nicht, ohne ihre gesunden Kinder und ihre Familie zu vernachlässigen. Personalverdünnung und Arbeitszeit im Schichtdienst bedeuten also: schneller pflegen, schneller reden, flinker wickeln, rascher füttern und zugleich seltener da sein.

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Was dies für die Patienten bedeutet, kann nur derjenige verstehen, der täglich mit ihnen umgeht, oder derjenige, der selbst unter solchen Bedingungen Patient ist. Dies ist also die vielbeschworene Humanität im Krankenhaus, nebenbei bemerkt, in einem der reichsten Länder der Welt.

Spricht man mit den im Krankenhaus Tätigen, so halten die meisten nichts vom Minutenzählen und ständigem Personalwechsel. Sie wissen, dass sie ihren Patienten so nicht gerecht werden können. Sie sind im Übrigen der Meinung, dass jeder gesunde, ganztags beschäftigte Mensch durchaus 38 bis 40 Stunden pro Woche arbeiten kann und dass diese Arbeitszeit im Interesse einer menschlichen Beziehung zum Patienten auch nicht wesentlich unterschritten werden darf. Darüber hinaus leiden sie unter der ständig wachsenden Überbürokratisierung ihrer Tätigkeit auf Kosten der Zuwendung zum Patienten. Sie fragen sich, warum ihre Tätigkeit nicht besser bezahlt wird, und empfinden ihre immer noch von viel Idealismus und Engagement getragene Arbeit unterbewertet. Sie fragen sich weiter, wieso in einer Zeit hoher Stellenangebote Pflegekräfte so rar sind und warum der Pflegenotstand aus den Großstädten längst in ländliche Regionen vorgedrungen ist. Auch meinen sie, dass ein Krankenhaus nicht wie ein Industrieunternehmen geführt werden kann. Gesundheit ist keine Ware, und Patienten sind keine Kunden. Solange sich dies nicht ändert, bleiben den im Krankenhaus Tätigen nur wenige Alternativen: die Medizin verlassen, sie im Ausland betreiben oder eben schneller pflegen und schneller reden.

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