MEDIEN

Geschichte: Machtpolitische Gesichtspunkte

Dtsch Arztebl 2011; 108(11): A-586 / C-474

Kühl, Richard

Es besteht Konsens in der Forschung, dass neben der Instrumentalisierung der Medizin im „Dritten Reich“ eine weitreichende Liaison von Ärzteschaft und Nationalsozialismus die Umsetzung der beiden Massenverbrechen – Zwangssterilisierungen und „Euthanasie“-Morde – erst möglich machte. Vom Biologismus über die Propagierung der „Rassenhygiene“ bis zum Antisemitismus: Nähe bestand schon vor 1933. Nicht von ungefähr waren mehr als 45 Prozent der Ärzte Mitglied der NSDAP.

Die bei Schöningh erschienene Dissertation Gisela Taschers, „Staat, Macht und ärztliche Berufsausübung 1920–1956“, widmet sich in diesem Zusammenhang einer wenig untersuchten Frage: Sie rückt am Beispiel des Saarlandes die im „Dritten Reich“ geschaffenen Veränderungen im Gesundheitswesen unter machtpolitischen Gesichtspunkten ins Blickfeld. Die Studie macht das strategische Geschick sichtbar, mit dem das Regime die Einbindung der Ärzteschaft vorantrieb, nachdem diese 1933 zu den Fahnen geeilt war („Selbstgleichschaltung“). Tascher zeigt, wie der NS-Staat mit Hilfe der „Reichsärzteordnung“ quasi „hoheitliche“ Zugriffsmöglichkeiten auf den einzelnen Arzt schuf, konforme „Karrierestrukturen“ etablierte und in die ärztliche Praxis eindrang. Diesen Strukturen zu entgehen, erforderte offenbar mehr Courage als bislang angenommen.

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Zu beachtenswerten Thesen kommt Tascher auch bei der Untersuchung von Kontinuitäten: Wie das Arzt-Patient-Verhältnis nach 1945 Gegenstand machtpolitischer Interessen des Staates blieb, wird eingehend analysiert und zum Teil bis in die Gegenwart nachgezeichnet.

Es handelt sich um ein lesenswertes und wichtiges Buch. Wer sich für die strukturellen Bedingungen ärztlichen Handelns im „Dritten Reich“ interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Dass die Instrumentalisierung der Ärzte im „Dritten Reich“ streckenweise allzu sehr betont wird, mag mit dem Anliegen Taschers zusammenhängen, derartige Gefahren auch für das Heute aufzuzeigen. Richard Kühl

Gisela Tascher: Staat, Macht und ärztliche Berufsausübung 1920–1956. Gesundheitswesen und Politik: Das Beispiel Saarland. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn u. a. 2010, 435 Seiten, gebunden, 49,90 Euro

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