THEMEN DER ZEIT

Medizingeschichte: „Trag ich bis ans Lebensende dieses Mahnmal, eine Gezeichnete“

Dtsch Arztebl 2011; 108(11): A-571 / B-463 / C-463

Westermann, Stefanie

Eugenisches Denken und die Leiden der NS-Zwangssterilisierten nach 1945

Es gehört zu unseren Kenntnissen, dass die zunehmende Verringerung des natürlichen Selektionsdruckes zu einer steigenden Belastung mit krankhaften Erbanlagen führen muss. Dass sich hieraus für den Arzt, der in vorderster Linie an der Ausschaltung der natürlichen Auslese arbeitet, die Forderung nach sinnvollen Maßnahmen der Eugenik ergibt und dass er diese unterstützen muss, scheint mir eine selbstverständliche Forderung.“

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Ärzte als Vollstrecker

Dieser Leserbrief steht 1959 im Deutschen Ärzteblatt – anderthalb Jahrzehnte nachdem die nationalsozialistische Staatsdoktrin vom „gesunden Volkskörper“ vermeintlich diskreditiert scheint. Die Ansichten des Autors reihen sich dabei in eine Argumentationslinie ein, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts die überproportionale Vermehrung für „minderwertig“ befundenen Erbguts und den hieraus resultierenden Zerfall einer ganzen Gesellschaft prophezeite. Spätestens in der Weimarer Republik waren die Ängste und Forderungen der Eugeniker oder „Rassenhygieniker, wie sie sich in Deutschland zumeist nannten, gesellschaftsfähig geworden. Dies verdeutlichte die Gründung diverser wissenschaftlicher Einrichtungen – unter anderem des renommierten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik – genauso wie die Verwendung eugenischer Argumente über die Grenzen der politischen Lager und nahezu sämtlicher gesellschaftlicher Großgruppen hinweg. Gleichwohl wurde ein Gesetz, das den dezidierten Einsatz von Zwangsmaßnahmen zur Sterilisation vermeintlich oder tatsächlich erbkranker Menschen vorsah, erst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verabschiedet.

Die Arbeitsgemeinschaft Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten setzt sich für die Rehabilitierung der Opfer ein und wendet sich gegen das Vergessen des erlittenen Unrechts.
Als „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ trat es zum 1. Januar 1934 in Kraft. Nach den Indikationen des Gesetzes sollten als erblich klassifizierte psychische Erkrankungen wie Schizophrenie, körperliche Behinderungen, „schwerer Alkoholismus“ und „angeborener Schwachsinn“ zur Zwangssterilisation des Betroffenen führen. Waren aufgrund diverser diagnostischer Mängel der Willkür hierbei Tür und Tor geöffnet, offenbarte insbesondere die Kategorie des „Schwachsinns“, aufgrund derer über die Hälfte der etwa 360 000 Zwangssterilisationen durchgeführt wurden, die soziale Stoßrichtung der nationalsozialistischen „Erbgesundheitspolitik“. Als „schwachsinnig“ galten ganze Gruppen, wie beispielsweise Hilfsschüler, aber auch eine für mangelhaft befundene „Lebensbewährung“. Mediziner waren hierbei die legislative, judikative und exekutive Instanz zugleich: als Berater und Kommentatoren des Sterilisationsgesetzes, als Antragsteller und zu Gericht Sitzende an den neu entstandenen Erbgesundheitsgerichten sowie als Vollstrecker der Zwangseingriffe.

Kontinuität der Ausgrenzung

Nach dem 8. Mai 1945 – dem Tag der deutschen Kapitulation – konnten keine Zwangssterilisationen auf der Grundlage des „Erbgesundheitsgesetzes“ mehr durchgeführt werden – und dies war beinahe schon die einzige Änderung. Weder wurde das Gesetz als nationalsozialistisches Unrecht gewertet noch wurden die Verantwortlichen strafrechtlich verfolgt. Vielmehr diskutierten nach wie vor Juristen, Politiker und Mediziner über die Notwendigkeit und Zulässigkeit eugenischer Maßnahmen, wurden die Betroffenen stigmatisiert und ausgegrenzt. Bis in die 80er Jahre hinein verweigerte man ihnen politische Anerkennung, finanzielle „Entschädigung“ und gesellschaftliche Erinnerung. In einigen Bundesländern konnten sich Zwangssterilisierte, welche die Aufhebung ihres nach wie vor rechtskräftigen Sterilisationsurteils forderten, einem ergebnisoffenen Wiederaufnahmeverfahren stellen. Diese Verfahren, seit 1947 in der britischen Besatzungszone und den später hieraus entstandenen Bundesländern möglich, folgten konzeptionell den Erbgesundheitsgerichtsverfahren im Nationalsozialismus: Erneut urteilten zwei Mediziner und ein Jurist, der den Vorsitz führt, ohne die medizinischen, juristischen und ethischen Grundlagen ihrer Tätigkeit infrage zu stellen. Wieder bewerteten sie das Leben anderer mit fragwürdigem Maßstab, definierten, welche Nachkommenschaft erwünscht, welche unerwünscht sein sollte. Dementsprechend lehnte das Amtsgericht Kiel im Oktober 1949 den Antrag einer Zwangssterilisierten auf Aufhebung ihres Urteils mit der Begründung ab:

„Sie lebt unauffällig dahin, macht aber, wie die Ermittlungen ergeben haben, auf ihre Umgebung ‚einen etwas wilden Eindruck‘. Ihre vor der Unfruchtbarmachung geborenen Kinder müssen nach Auskunft der Schule als debil angesehen werden. Die bei der Antragstellerin vorgenommene Begabtenprüfung ergab zwar einen verhältnismäßig geringen [. . .] Intelligenzdefekt. [. . .] Andererseits ließ sie erkennen, dass die Vorstellung ethischer und moralischer Begriffe außerordentlich gering ist, dass die Hemmungserscheinungen in sittlicher Beziehung gegenüber Frauen ihres Lebenskreises [. . .] vermindert sind.“

Nicht nur die Bewertungsmaßstäbe, auch die verwendete Terminologie änderte sich nach dem Ende des „Dritten Reichs“ zunächst kaum: So stellte ein vom Amtsgericht Hamburg in Auftrag gegebenes medizinisches Gutachten über eine Antragstellerin fest: „Es muss noch erwähnt werden, dass sich nach den Angaben der Frau K. keine ausgesprochenen Ballastexistenzen oder asoziale Elemente in der Familie befinden [. . .].“ Entsprechend der hier deutlich werdenden Grundhaltung wundert es kaum, dass von den mehr als 3 700 Anträgen, die bis Mitte der 60er Jahre verhandelt wurden, die Gerichte in nur etwa 960 Fällen im Sinne der Opfer entschieden, in allen anderen erklärten sie das nationalsozialistische Zwangssterilisationsurteil für zulässig. Bis Ende der 80er Jahre wurden – in deutlich abnehmender Intensität – solche Wiederaufnahmeverfahren geführt. Erst 1998 hob der Deutsche Bundestag die Sterilisationsurteile der nationalsozialistischen Erbgesundheitsgerichte pauschal auf.

Trotz der in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewachsenen und in den Anfangsjahren der Bundesrepublik noch vielfach anzutreffenden Selbstverständlichkeit eugenischen Denkens, trotz der weitgehenden Exkulpation der nationalsozialistischen Erbgesundheitspolitik offenbart die ideengeschichtliche Entwicklung nach 1945 sukzessive Brüche. Kritisierte ein Teil der Eugenik-Befürworter den Zwangscharakter, äußerten andere zunehmend prinzipielle Kritik. So schrieb ein Leser im Kontext der eingangs genannten Kontroverse 1959 im Deutschen Ärzteblatt: „Aber seine Verantwortung [die des Arztes, S. W.] endet an der Würde seines Patienten, an dessen freier Entscheidung. [. . .] Zum Schluss möchte ich fragen, welchen Sinn die propagierte Menschenzüchtung haben soll? Ob gezüchtete Menschen glücklicher sein würden?“ Die kontroverse Einschätzung eugenischer Maßnahmen war dabei nicht gänzlich neu. Von Beginn der Diskussion an gab es – wenige – kritische Stimmen. Dennoch: Nur allmählich verloren deren Befürworter an Gehör und Zustimmung, begannen Mediziner und Juristen die in Anspruch genommene Deutungshoheit über menschliche „Wertigkeit“ zu reflektieren, wurde die Bedeutung des Individuums gegenüber dem Kollektiv betont.

Grundsätzlich änderte sich der Umgang mit den Opfern der nationalsozialistischen Zwangssterilisationen allerdings erst in den 80er Jahren. Dies hing nicht zuletzt mit dem Generationenwechsel, einer insgesamt veränderten Einstellung gegenüber bislang ausgegrenzten Opfergruppen des „Dritten Reichs“ sowie der Gründung der Selbsthilfe- und Interessenorganisation – dem „Bund der ‚Euthanasie‘-Geschädigten und Zwangssterilisierten“ (BEZ) – zusammen. So konnten seit dieser Zeit Zwangssterilisierte Einmalzahlungen in Höhe von 5 000 DM und geringe monatliche Beihilfen beantragen.

Im „Namen des deutschen Volkes“ für „minderwertig“ befunden und zwangssterilisiert worden zu sein, den gewählten, aber fertilen Partner nicht mehr heiraten zu dürfen, von höherer Bildung ausgeschlossen zu sein – kaum vorstellbar, was dies bedeutet. Und was heißt es, nach dem Ende des „Dritten Reichs“ als Opfer nicht anerkannt, vielmehr weiterhin stigmatisiert zu werden? Eine allgemeingültige Antwort ist angesichts der Individualität jedes Betroffenen und der begrenzten Aussagemöglichkeit der zur Verfügung stehenden Quellen – Hunderte von Briefen an den BEZ und Interviews im hohen Lebensalter – kaum möglich; gleichwohl gibt es zahlreiche Gemeinsamkeiten in den Aussagen von Zwangssterilisierten, die einen Blick auf ihre Perspektive freigeben.

„Bei mir wurde diese Operation vor meinem 21. Geburtstag 1935 gemacht, und dies war der traurigste Tag in meinem ganzen Leben.“ Solche Beschreibungen der Sterilisation findet man in zahllosen Äußerungen. Zumindest in wenigen Worten wird in diesem Kontext oftmals auch auf die damaligen Lebensumstände eingegangen, nicht selten um die von den Gerichten vorgeworfenen intellektuellen und sozialen Defizite zu erläutern. „Durch eine Verbrühung mit heißem Wasser im Kindesalter habe ich Langzeitschäden davongetragen, die meine schulischen Leistungen stark beeinträchtigt haben und als Folge dessen ich mit Beginn des fünften Schuljahres in eine Hilfsschule eingewiesen wurde. Eine Berufsausbildung war mir infolgedessen verwehrt. Mit 18 Jahren musste ich mich aufgrund der damals geltenden Gesetze einer Zwangssterilisierung unterziehen, die als Folge meiner Hilfsschulausbildung begründet wurde.“ Andere vermuten politische Motive oder ein „Missverständnis“ als Grund für die Sterilisation.

Zerstörte Lebensperspektiven

So vielfältig und individuell die Folgen jeweils waren, die genommene Möglichkeit einer Familiengründung wird von nahezu allen Betroffenen als schmerzlicher Verlust formuliert: „[. . .] wenn ich Kinder sehe, packt mich ein großer Schmerz.“ Hiermit verbunden berichten viele von zerbrochenen Partnerschaften: „Später lernte ich meinen Verlobten kennen, und wir wollten 1942 eine Ehe eingehen. Dies wurde uns verweigert, da mein Verlobter ja zeugungsfähig war. So musste diese Beziehung zu Ende gehen. Darunter habe ich noch zusätzlich sehr gelitten.“

Physische und vor allem psychische Folgen der Zwangssterilisation werden von nahezu jedem Betroffenen beschrieben: Starke Unterleibsbeschwerden und schmerzhafte Narben, die als traumatisierend empfundene Verfolgung und zerstörte Lebensperspektiven: „Das Leben für mich war keine Freude mehr [. . .].“ Immer wieder benannt wird die empfundene Stigmatisierung infolge der Zwangssterilisation. Begriffe wie „minderwertig“, „Scham“, „Mensch zweiter Klasse“, „halber Mensch“ oder die genommene „Ehre“ und die Kennzeichnung der Sterilisation als „Schande“ und „Makel“ ziehen sich wie ein roter Faden durch zahlreiche Äußerungen. „Ich wurde durch die Nazis in den 30er Jahren zwangssterilisiert. [. . .] Dadurch war mein ganzes Leben eine Demütigung!“ „Sehr viel war ich in Krankenhäusern. Immer habe ich mich so geschämt, wenn die Ärzte das gesehen haben.“ Viele schweigen ihr Leben lang, zum Teil selbst gegenüber ihren nächsten Angehörigen. Manche bitten den BEZ um neutrale Briefumschläge ohne Absendervermerk, andere möchten gar auf „Entschädigungsgelder“ verzichten – aus Angst, ihre Sterilisierung könnte in ihrem sozialen Umfeld bekannt werden. Bedingt durch all diese Faktoren sind viele der Zwangssterilisierten im hohen Alter nahezu sozial isoliert.

Die jahrzehntelange Ausgrenzung und die geringe Höhe der finanziellen „Wiedergutmachung“ sind häufige Kritikpunkte in den Äußerungen der Betroffenen: „Sonst steht man ja jämmerlich alleine auf weiter Flur, vor unglaublicher Verständnislosigkeit, als wenn es überhaupt keine neue Zeit nach 1945 gäbe.“ Auch wenn der Umgang mit den Betroffenen seit den 80er Jahren ein zunehmend anderer wurde, das zentrale Bedürfnis vieler Zwangssterilisierter nach politischer und sozialer Anerkennung wurde nicht erfüllt: Bis heute spielen die Betroffenen eine untergeordnete Rolle in der „Erinnerungskultur“, bis heute sind Zwangssterilisierte nicht als Op-
fer des Nationalsozialismus anerkannt.

Allgemeines Gedankengut

Die Ursachen der Leiden der Zwangssterilisierten lagen im nationalsozialistischen Erbgesundheitsgerichtsverfahren und dem Zwangseingriff. Dass sich diese „Erbgesundheitspolitik“ aber hunderttausendfach umsetzen ließ, war der allgemeinen Akzeptanz der Eugenik und der bereitwilligen Mithilfe zahlreicher Ärzte und Juristen geschuldet. Es waren nicht zuletzt die Angst vor Krankheit und gesellschaftlichem Zerfall, die Utopie einer „gesunden Gesellschaft“ und das Denken in „Wertigkeiten“, die die Zwangssterilisation von für „minderwertig“ Befundenen als legitimes Mittel erscheinen ließen. Die tiefe Verankerung dieser Vorstellungen zeigte sich schließlich in der Kontinuität der Ausgrenzung der Betroffenen nach 1945. Eine Zwangssterilisierte schreibt in einem Brief: „Von da an trag ich bis ans Lebensende dieses Mahnmal, eine Gezeichnete.“

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2011; 108(11): A 571–4

Anschrift der Verfasserin
Dr. phil. Stefanie Westermann
Institut für Geschichte, Theorie und
Ethik der Medizin
Universitätsklinikum Aachen
Wendlingweg 2
D-52074 Aachen
swestermann@ukaachen.de

Das Buch zum Thema

Wer sich ausführlicher mit dem Thema befassen möchte, dem sei die Lektüre der Dissertation von Stefanie Westermann empfohlen. Diese erschien 2010 unter dem Titel „Verschwiegenes Leid. Der Umgang mit den NS-Zwangssterilisationen in der Bundesrepublik Deutschland“ im Böhlau-Verlag (Hardcover, 343 Seiten, 42,90 Euro).

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