MEDIEN

Psychiatrie: Bewältigung ethischer Herausforderungen

Dtsch Arztebl 2011; 108(12): A-652 / B-530 / C-530

Remschmidt, Helmut

Ethische Fragen haben angesichts des Missbrauchs der Psychiatrie in Vergangenheit und Gegenwart zunehmend an Bedeutung gewonnen. Sie spiegelt sich auch in dem umfangreichen Band wider, der in seltener Präzision und nahezu vollständig in fünf großen Abschnitten alle ethischen Fragestellungen und Felder in den Blickpunkt nimmt, mit denen sich die Psychiatrie weltweit konfrontiert sieht.

Der erste mit „Context“ bezeichnete Abschnitt stellt die ethischen Problemfelder der Psychiatrie in den Zusammenhang mit gesellschaftlichen und ökonomischen Entscheidungen, legislativen Maßnahmen, Forschungsfragestellungen sowie Interessenkonflikten und arbeitet die Bedeutung von Ethikkommissionen für die Forschung und Ethikkomitees für klinische Fragestellungen heraus.

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Der zweite Abschnitt behandelt die ethischen Prinzipien (Grundsätze) in der Psychiatrie. Dies geschieht unter Bezugnahme auf die Deklarationen von Hawaii und Madrid, gefolgt von Ausführungen über die besonderen Probleme des „Informed Consent“ und der gerechten Ressourcenallokation.

Im dritten und umfangreichsten Abschnitt geht es um die Anwendung ethischer Prinzipien in der psychiatrischen Praxis und Forschung. Hier kommen unter anderem ethische Gesichtspunkte der Diagnostik und Therapie zur Sprache, ferner im Zusammenhang mit präventiven Maßnahmen, bei der Behandlung gegen den Willen des Patienten, bei Maßnahmen in der forensischen Psychiatrie sowie bei besonderen psychiatrischen Erkrankungen wie Substanzabhängigkeit oder Demenz. Der Abschnitt wird abgeschlossen durch ein Kapitel über genetische Fragestellungen in der psychiatrischen Forschung, in der Diagnostik und in der genetischen Beratung.

Der vierte Abschnitt ist der nicht-medizinischen Anwendung oder besser gesagt dem Missbrauch der Psychiatrie gewidmet, aufgezeigt am Missbrauch der Psychiatrie für politische Zwecke in der UdSSR (hier findet man eine eindrucksvolle Falldarstellung) und an der zweifelhaften Strategie des Neuroenhancements. Auch ein Beitrag über die Bedeutung der Ethik im Zusammenhang mit der Lehre in der Psychiatrie fehlt nicht. Einzig stiefmütterlich behandelt sind ethische Fragestellungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zwar enthält der Band in einzelnen Kapiteln Hinweise zur seelischen Gesundheit von Kindern, zum Child-Consent und zu genetischen Untersuchungen an Kindern (zum Beispiel Neugeborenen-Screening, Heterozygoten-Screening). Ein zusammenhängendes Kapitel hierzu hätte jedoch das Buch vollends komplettiert. Dies schmälert aber nicht die Gesamtbewertung. Denn die Herausgeber und eine internationale Autorenschaft haben ein vorbildliches Buch geschaffen, das als Standardwerk für ethische Fragen und Probleme in der Psychiatrie bezeichnet werden kann. Es ist dem Rezensenten ein Bedürfnis, die Hoffnung zu unterstreichen, die die Herausgeber am Ende dieses Buches ausdrücken, nämlich, dass es dazu beitragen möge, die ethischen Herausforderungen zu bewältigen, und sich als nützlich erweist für die Patienten und für eine ethisch vertretbare Weiterentwicklung der Psychiatrie. Helmut Remschmidt

Hanfried Helmchen, Norman Sartorius (Editors): Ethics in Psychiatry. European Contributions. Series: International Library of Ethics, Law, and the New Medicine, Vol. 45. Springer, Dordrecht u. a. 2010, 573 Seiten, Hardcover, 149,75 Euro

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