MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Morbus Parkinson: Erstmals Gentherapie in Phase-II-Studie erfolgreich

Dtsch Arztebl 2011; 108(13): A-706 / B-579 / C-579

Siegmund-Schultze, Nicola

Milde Formen von Morbus Parkinson lassen sich im Allgemeinen medikamentös gut behandeln. In fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung aber bringt die Pharmakotherapie häufig nicht mehr die erwünschte Linderung der Symptomatik oder ist mit Komplikationen wie motorischen Fluktuationen verbunden. Für einen Teil der Parkinsonpatienten kann die tiefe Hirnstimulation (THS) eine Option sein, die Gentherapie wird als neue Alternative erforscht und hat sich nun – erstmals in dieser Indikation – in einer placebokontrollierten doppelblinden Studie als erfolgreich erwiesen.

55 Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung (Alter: 30 bis 75 Jahre) haben teilgenommen und sind randomisiert worden in eine Kontrollgruppe (n = 23) oder den Verumarm (n = 22). Die Probanden hatten die Diagnose vor 5 Jahren oder mehr erhalten und mindestens 12 Monate auf Levadopa angesprochen. Die motorische Symptomatik musste auf der Unified Parkinson’s Disease Rating Scale (UPDRS) mit mindestens 25 bewertet worden sein (minimale Punktzahl 0: kein Parkinsonsyndrom, maximaler Punktwert 30: schwerste Form). Zur Nacht bestand eine Levadopa-Einnahmepause.

Primärer Endpunkt der Studie war die Veränderung des UPDRS-Werts nach 6 Monaten. Die das Enzym Glutamatdecorboxylase (GAD) kodierende DNA diente als therapeutisches Gen. GAD erhöht die Produktion des Neurotransmitters Gammaaminobuttersäure. Die Genfähre für GAD war ein von adenoassoziierten Viren abgeleiteter Vektor (AAV2). Der Verumgruppe injizierten die Ärzte AAV2-GAD in einem stereotaktischen Eingriff bilateral in den Nucleus subthalamicus, auch Zielstruktur der THS. Die Placebogruppe wurde vergleichbar operiert, erhielt aber Kochsalzlösung.

Die Daten von 16 Patienten der Verum- und von 21 Probanden des Kontrollarms konnten in der Phase-II-Studie ausgewertet werden, die Symptomatik wurde 1, 3 und 6 Monate nach den Injektionen beurteilt (Grafik). 6 Monate nach der Therapie hatte sich der Wert auf der UPDR-Skala um 8,1 Punkte (23,1 %, p < 0,0001) in der Verumgruppe und um 4,7 Punkte (12,7 %, p < 0,03) im Placeboarm reduziert. Der Unterschied war statistisch si-gnifikant (p = 0,04). Ein schweres, unerwünschtes Ereignis war ein Darmverschluss – ohne Zusammenhang zum Therapieprotokoll.

Fazit: „Erstmals ist in einer doppelblinden Studie die Wirkung einer lokal angewandten Gentherapie bei Morbus Parkinson erfolgreich geprüft worden, darin liegt die Bedeutung“, erklärte Prof. Dr. med. Günther Deuschl (Kiel). Im Vergleich zu anderen Gentherapiestudien sei allerdings der Placeboeffekt niedrig. Dies habe eine statistisch signifikante Differenz zwischen Placebo- und Verumwirkung. Entscheidend sei, dass das Ausmaß der Wirkung mit nur 10 % Besserung sehr gering sei und positive und negative Langzeitwirkungen abgewartet werden müssten. „Es bedarf weiterer umfassender kontrollierter Studien, um langfristige Effekte und auch potenzielle Komplikationen wie Virusenzephalitiden oder Tumorbildung erfassen zu können“, sagte Deuschl. „Zum jetzigen Zeitpunkt sollte man keine Hoffnung auf eine bald verfügbare neue Therapie machen.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

LeWitt PA et al.: AAV2-GAD gene therapy for advanced Parkinson’s disease: a double-blind, sham-surgery controlled, randomised trial. Lancet Neurology, online doi: 10.1016/S1474-4422(11)70039-4.

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