BRIEFE
NS-Zeit: In Gütersloh und Warstein
Dtsch Arztebl 2011; 108(14): A-768 / B-631 / C-631

Das Schuldbekenntnis von Prof. Schneider anlässlich des Berliner Kongresses der DGPPN im November 2010 – ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Fachgesellschaft – verdient Respekt und Anerkennung. Die klare und ungeschminkte, mutige Bilanz erinnert daran, dass der verbrecherische Euthanasieplan des Naziregimes nur nach Vorarbeit und unter Mitwirkung namhafter Psychiater realisiert werden konnte. Abgesehen von wenigen Ausnahmen gab es seitens der damaligen Psychiatrieordinarien und Anstaltsleiter keinen nennenswerten Widerstand gegen den Abtransport und die Ermordung von über 250 000 Kranken und Behinderten – im Gegenteil betätigten sich mehr als 40 Kollegen eifrig an der gutachterlichen Selektion für die Berliner Zentrale.
Nach dem Krieg schmückte sich die Fachgesellschaft mit etlichen ihrer Protagonisten; man habe Schlimmeres verhüten wollen, lautete die übliche Entschuldigung – sofern es überhaupt ein Unrechtsbewusstsein gab. Jachertz verweist auf das ebenso hartnäckige wie irritierende Festhalten an der Verleihung des Hermann-Simon-Preises für soziale (!) Psychiatrie durch die DGPPN bis 2009 unter Bezug auf die – von Simon zwar nicht erfundene, aber rigoros praktizierte – Arbeitstherapie in den Anstalten Warstein und Gütersloh. Spätestens seit den umfangreichen Recherchen der Kollegin Angela Grütter 1994/1995 war indes das wiederholte, öffentliche Eintreten des überzeugten Rassenhygienikers Simon für die „Ausmerze der Minderwertigen“ auch der DGPN bekannt. Bedauerlicherweise gibt es weiterhin nicht nur die „Hermann-Simon-Straße“ in Gütersloh, sondern auch das nach ihm benannte Rehabilitationsinstitut (!) der Warsteiner Psychiatrie.
Prof. Dr. Dr. Theo R. Payk, 53177 Bonn
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