66 Artikel im Heft, Seite 30 von 66

BRIEFE

NS-Zeit: Parallelen bei der PID

Dtsch Arztebl 2011; 108(14): A-769 / B-632 / C-632

Kiworr, Michael

. . . Die Greuel der nationalsozialistischen Verbrechen sollen nicht durch einen Vergleich relativiert werden beziehungsweise die die PID befürwortenden Reproduktionsmediziner auch keinesfalls mit den Tätern oder vielen Mitläufern der damaligen Zeit in einen Tropf geworfen werden oder pauschal solcher Verbrechen verdächtigt werden.

Dennoch lohnt ein Vergleich, um Parallelen und frühe Fehlentwicklungen zu erkennen beziehungsweise kritisch zu hinterfragen. Es geht bei der PID nun einmal um die Ausmerzung von kranken und behinderten Kindern, mag man diese „Diagnostik“, deren „Therapie“ in der Abtötung besagter Embryonen besteht, noch so schönreden . . .

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Man mag die Ängste der Eltern vor kranken oder behinderten Kindern und die Vermeidung von Leid von erkrankten Kindern vorschieben, die sicherlich bedacht werden können (auch wenn betroffene Kinder ihr „Leid“ oft ganz anders beurteilen als ihre Eltern). Aber die Folge der PID ist dennoch eine Früheuthanasie und Ausmerzung der Erkrankten und Behinderten. Man kann den Beginn der Entstehung menschlichen Lebens einfach auf einen späteren Entwicklungszeitpunkt nach der Befruchtung datieren – aber auf welchen eigentlich? Auf die zwölfte SSW? Auf die Geburt? Auf das Erreichen staatsbürgerlicher oder personaler Eigenschaften, wie Singer postuliert, Eigenschaften, die aber Kranke, Behinderte und alte Menschen auch nach der Geburt oft nicht (mehr) erfüllen können? Warum soll ein Kind mit einer genetischen Erkrankung wie Mukoviszidose etc. heute gar nicht mehr geboren werden dürfen, obwohl sich die Prognosen solcher und weiterer Erkrankungen so verbessert haben? . . .

Eines muss bei Zulassung der PID klar sein: Der Schutz menschlichen Lebens, welches nicht die zurzeit aktuellen Kriterien von „gesund“ und „erwünscht“ erfüllt, wird dann noch einmal löchriger und eine Abwärtsspirale fortgesetzt, deren traurige Auswirkungen aus dem Ausland bekannt sind (wo durch die PID Menschen ausselektioniert werden, die womöglich Brustkrebs irgendwann bekommen könnten, das falsche Geschlecht aufweisen oder aber nicht die gewünschten Ersatzteile für ein bereits geborenes Kind aufweisen . . .)

Ihr Artikel ändert mit dem nachdenkenswerten Satz „Ein Gemeinwesen ist dann am stärksten, wenn es vom Schwächsten her denkt“. Möge dies auch für Kinder in ihrem frühesten Entwicklungsstadium vor ihrer Geburt gelten, die in der Tat Schwächsten und Wehrlosesten . . .

Dr. med. Michael Kiworr, 68199 Mannheim


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