POLITIK

Präimplantationsdiagnostik: Zwischen begrenzter Freigabe und vollständigem Verbot

Dtsch Arztebl 2011; 108(14): A-747 / B-617 / C-617

Klinkhammer, Gisela

Über drei fraktionsübergreifende Gesetzentwürfe soll noch vor der Sommerpause im Deutschen Bundestag entschieden werden.

Dürfen Embryonen, bevor sie für eine künstliche Befruchtung verwendet werden, auf Erbkrankheiten untersucht werden? Auf diese Frage müssen die Abgeordneten des Deutschen Bundestages eine Antwort finden. Der Bundesgerichtshof hatte die Präimplantationsdiagnostik (PID) im Juni 2010 bei pluripotenten Zellen für zulässig erlaubt, was jetzt eine Klarstellung durch den Gesetzgeber erfordert. Der Bundestag will in Kürze über die Zulässigkeit dieser Methode entscheiden. Inzwischen liegen drei fraktionsübergreifende Gesetzentwürfe vor.

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Ein Gesetzentwurf, der unter anderem von der gesundheitspolitischen Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Birgitt Bender, und dem Vorsitzenden des Marburger Bundes, Rudolf Henke, unterstützt wird, sieht ein vollständiges Verbot der Präimplantationsdiagnostik vor. Sie begründen dies unter anderem mit medizinischen Bedenken. Das Verfahren biete erhebliche Risiken für Mutter und Kind. Der Anteil der Mehrlingsschwangerschaften nach PID sei zudem stark erhöht. Für die erfolgreiche Durchführung einer Präimplantationsdiagnostik würden in der Regel acht bis neun Embryonen benötigt. Das müsste zwangsläufig eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes nach sich ziehen, um die Herstellung von mehr als drei Embryonen pro Zyklus zu ermöglichen. Da von den Embryonen nur etwa zwölf Prozent letztendlich in die Gebärmutter übertragen würden, entstehe eine erhebliche Zahl „überzähliger“ Embryonen. Der Wunsch, diese Embryonen für andere Zwecke als zur Herbeiführung einer Schwangerschaft, also etwa in der Forschung oder der kosmetischen Industrie zu verwenden, könnte stärker werden. Die PID würde eine eugenische Auswahl zu einem Teil des ärztlichen Behandlungsauftrags machen. Die Unterstützer des Antrags sehen keinen Wertungswiderspruch zur Abtreibungsregelung, da Schwangerschaftsabbrüche in den ersten zwölf Wochen nicht nur auf eine Behinderung des Kindes abzielten: „Sie haben damit keinen selektiven Charakter.“

Die Abgeordneten, die den Gesetzentwurf des SPD-Ethikexperten René Röspel und der Sprecherin für Bildungspolitik der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Priska Hinz, unterstützen, sprechen sich für eine „eng begrenzte Zulassung“ der Präimplantationsdiagnostik aus. „In diesen Fällen muss bei den Eltern oder einem Elternteil eine humangenetisch diagnostizierte Disposition vorliegen, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu Fehl- oder Totgeburten oder zum Tod des Kindes im ersten Lebensjahr führen kann.“ Beweggrund für die Zulassung seien die Leiden und die berechtigten Interessen der Paare, deren genetische Vorbelastung zu Fehl- oder Totgeburten führen könne. Voraussetzungen sind eine verpflichtende Beratung und das positive Votum einer Ethikkommission. Eine Zulassung der PID analog zur Pränataldiagnostik (PND) halten die Unterstützer dieses Gruppenantrags für nicht vertretbar: „Zum einen besteht keine Schwangerschaft, zum anderen dient die PID der Selektion von Embryonen aufgrund bestimmter Merkmale. Es gibt zwar ein Recht auf Fortpflanzung, das aus dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit folgt, aber kein Recht auf ein Kind mit bestimmten Merkmalen.“ Das Kriterium für die Zulassung soll nicht ein bestimmtes Krankheitsbild beim Embryo sein, sondern die (Über-)Lebensfähigkeit des Embryos.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Ulrike Flach, und der parlamentarische Staatssekretär Peter Hintze (CDU) plädieren in ihrem Gesetzentwurf für eine begrenzte Freigabe der PID. Über die Durchführung der PID sei in jedem Einzelfall gesondert zu entscheiden. „Dieser Einzelfall liegt dann vor, wenn ein für die PID geschulter Arzt als Angehöriger eines lizenzierten Zentrums für Fortpflanzungsmedizin eine hohe Wahrscheinlichkeit attestiert, dass das von dem Paar gezeugte Kind von einer besonders schweren Erbkrankheit betroffen sein wird oder eine Fehl- beziehungsweise Totgeburt zu erwarten ist. Die PID darf nur nach Zustimmung einer interdisziplinär zusammengesetzten Ethikkommission zu dem Zweck durchgeführt werden, die Anlagen für dieses Leiden zu ermitteln.“ Das Gesetz verzichte bewusst auf eine Auflistung von Krankheiten als Indikation für eine PID. Bei der Abstimmung vor der Sommerpause ist der Fraktionszwang aufgehoben.

Gisela Klinkhammer

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