Die Unterfinanzierung des National Health Service lässt die Psychotherapie nicht aus. Die Wartezeiten sind lang, die Therapeuteneinkommen gering, die Ausbildung nicht geregelt. Doch ein Umdenken hat eingesetzt.
Großbritannien, vor allem England, war und ist Heimat und Exil vieler bedeutender Psychologen und Psychotherapeuten, wie beispielsweise Sigmund und Anna Freud, Melanie Klein, Michael Balint, Donald Winnicott oder John Bowlby. Freuds Aufenthalt und Wirken in den Jahren 1938/39 in London verstärkten das ohnehin schon vorhandene, starke Interesse an der Psychoanalyse, das bis zum heutigen Tag anhält und dazu führte, dass es in Großbritannien zahlreiche psychoanalytische Fachgesellschaften gibt und die meisten Psychotherapeuten sich als psychoanalytisch-psychodynamisch orientiert bezeichnen.
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Das Vorherrschen der Psychoanalyse im Bereich der psychotherapeutischen Versorgung führte außerdem im Jahr 1920 auch zur Eröffnung der Tavistock-Klinik, dem ersten psychodynamisch-psychiatrischen Ambulatorium in Großbritannien. Diese zentrale Institution brachte zunächst die Erforschung und Behandlung traumatischer Effekte der Kriegsneurose voran. In den folgenden Jahren waren die Entwicklung der Psychoanalyse, das Angebot psychoanalytischer Behandlungen, die Ausbildung von Psychoanalytikern und die breite Anwendung der Psychoanalyse in der psychiatrischen Praxis und in anderen Bereichen weitere Zielsetzungen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die emotionalen Bedürfnisse der vom Krieg betroffenen Kinder und etwas später die Folgen von emotionaler Deprivation und Trennung erforscht, was zur Förderung der Kinderpsychotherapie und -psychoanalyse beitrug. Bis heute gilt die Tavistock-Klinik als eines der weltweit führenden Zentren für psychoanalytisch fundierte Psychotherapie und ist eine der wichtigsten Ausbildungseinrichtungen Großbritanniens.
Auch wenn sich viele Psychoanalytiker in der Tavistock-Klinik ausbilden lassen, sind die Zugangsbedingungen zum Beruf des Psychotherapeuten dennoch weitgehend ungeregelt. Laut einer repräsentativen Umfrage unter britischen Psychotherapeuten haben nur relativ wenige Psychotherapeuten eine psychologische oder medizinische, wissenschaftliche Ausbildung. Wesentlich häufigere Grundberufe sind hingegen Lehrer, Sozialarbeiter, Rechtsanwalt oder Krankenschwester. Eine lange Tradition hat darüber hinaus die Ausübung psychotherapeutischer Dienstleistungen durch Laien. Das bedeutet, dass im Grunde jeder, der sich dazu berufen fühlt, in Großbritannien Psychotherapie durchführen darf. Um sich von selbst ernannten Kollegen abzugrenzen, absolvieren seriöse Psychotherapeuten eine Ausbildung an privaten oder öffentlichen Instituten, lassen sich supervidieren, gehören mindestens einer Fachgesellschaft an und lassen sich in Register eintragen, beispielsweise ins Register des United Kingdom Council for Psychotherapy (UKCP).
Der UKCP ist eine Dachorganisation, die fachlich ausgebildete Psychotherapeuten erfasst und vertritt, ethische Standards vorgibt, die Forschung fördert, sich um einheitliche Regelungen für die Ausbildung, Qualifikation und Zugänge zum Beruf des Psychotherapeuten bemüht und die Belange von Psychotherapeuten auf politischer und gesellschaftlicher Ebene durchsetzt. Beim UKCP sind circa 4 000 Psychotherapeuten registriert. Da aber viele Psychoanalytiker, Psychiater, Psychologen und andere Berufsgruppen sich nicht oder nur in ihren jeweiligen Fachgesellschaften registrieren lassen, ist die genaue Anzahl der Psychotherapeuten in Großbritannien nicht bekannt. Es ist allerdings davon auszugehen, dass sie wesentlich geringer ist als etwa in Deutschland, was Defizite in der psychotherapeutischen Versorgung zur Folge hat.
„Engpässe ergeben sich zudem aus der ungleichmäßigen Verteilung an Psychotherapeuten“, meint Digby Tantam, Professor für Psychotherapie an der School for Health and Related Research in Sheffield (England). Die meisten Psychotherapeuten praktizieren in England, vorwiegend in London, im Großraum London und im Südosten des Landes. In anderen Regionen Englands, vor allem im Norden sowie in Schottland, Wales und Nordirland, gibt es hingegen nur sehr wenige Kliniken oder niedergelassene Psychotherapeuten, mit der Folge, dass psychisch Erkrankte weit zur Behandlung fahren müssen, nicht adäquat behandelt werden oder unbehandelt bleiben.
Großbritannien hielt außerdem jahrelang den traurigen Rekord darin, die längsten Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz in Europa aufzuweisen (durchschnittlich mindestens 18 Monate Wartezeit). Um diesen Missstand zu beseitigen und Menschen mit psychischen Störungen, vorwiegend Angsterkrankungen und Depressionen, den Zugang zur Psychotherapie zu erleichtern, legte die britische Regierung im Jahr 2006 das Programm „Improving Access to Psychological Therapies“ (IAPT) auf. Es hat eine Laufzeit von sechs Jahren, wurde zwischen 2008 und 2011 mit 173 Millionen englischen Pfund (circa 248 Millionen Euro) gefördert und wird bisher nur in England, nicht aber in Schottland, Wales und Nordirland durchgeführt. Die Psychotherapie im Rahmen des IAPT-Programms erfolgt nach Leitlinien des „National Institute for Health and Clinical Excellence“ (NICE). Danach werden leichtere Störungen mit geführter Selbsthilfe und Psychoedukation auf der Basis kognitiver Verhaltenstherapie, schwerere Störungen mit kognitiver Verhaltenstherapie und anderen Verfahren behandelt; hier scheint die Psychoanalyse ausnahmsweise nicht die Methode der ersten Wahl zu sein.
Initiativen wie IAPT sind dringend nötig, denn die staatliche Gesundheitsversorgung durch den National Health Service (NHS) ist seit Jahren chronisch unterfinanziert. Infolgedessen gibt es in Großbritannien zu wenige Krankenhäuser und Klinikbetten, und die medizinische und psychotherapeutische Versorgung erfolgt überwiegend ambulant nach Überweisungen durch einen Hausarzt. Aufgrund des insgesamt geringen stationären Angebots und rückläufiger Krankenhauskapazitäten lassen sich die meisten Psychotherapeuten nieder und behandeln ihre Patienten in Räumen der eigenen Wohnung oder in angemieteten Praxisräumen. Viele arbeiten aber zusätzlich oder ausschließlich auch in Kliniken und Einrichtungen des NHS. Die niedergelassenen Psychotherapeuten werden vom NHS vergütet, allerdings kommt dieser nur in vollem Umfang für Kurzzeittherapien und Standardbehandlungen auf. Längere Behandlungen müssen die Patienten selbst bezahlen oder werden von privaten Krankenversicherungen übernommen.
Aufgrund der knappen Finanzierung durch den NHS sind viele Psychotherapeuten unzufrieden mit ihrem Einkommen und wandern teilweise ab, weil sie im Ausland mehr verdienen können und dort bessere Arbeitsbedingungen vorfinden. Weitere Folge der finanziellen Engpässe und der Mangelversorgung durch das staatliche Gesundheitssystem ist der Krankentourismus, das heißt, viele Briten lassen sich im Ausland operieren, weil sie dort schneller einen Operationstermin bekommen. Zudem sind alternative Beratungs- und Behandlungsangebote sehr verbreitet, die beispielsweise von karitativen, kirchlichen und anderen Institutionen oder Personen offeriert werden. Diese werden jedoch nicht kontrolliert, so dass Missbrauch und Scharlatanerie kaum Einhalt geboten werden kann.
In Großbritannien hat man mittlerweile erkannt, dass es sich lohnt, in die psychotherapeutische Versorgung zu investieren, dass Organisationen, Vereinbarungen, Kooperationen, Regelungen und Gesetze nötig sind, um adäquate Ausbildungen und professionell durchgeführte Therapien gewährleisten zu können, und dass Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie neben der Psychoanalyse einen wichtigen Beitrag leisten können – bis solche Erkenntnisse allerdings flächendeckend umgesetzt werden, wird es wahrscheinlich noch Jahre dauern, vorausgesetzt, dass ihre Umsetzung überhaupt finanziert werden kann.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser
Kontakt: Digby Tantam, Centre for the Study of Violence and Reconciliation, School for Health and Related Research, Regent Court, 30 Regent Street, Sheffield S1 4D4 (UK), E-Mail: D.Tantam@sheffield.ac.uk
PP-Artikelreihe
Die Artikelreihe „Psychotherapie in Europa“ erscheint in unregelmäßigen Abständen. Bisher erschienen:
„Psychotherapie in Frankreich“, PP, Heft 3/2011
„Psychotherapie in Polen“, PP, Heft 1/2011
„Psychotherapie in Österreich“, PP, Heft 1/2009
„Psychotherapie in Spanien“, PP, Heft 9/2008
1.
Jacobs M: Psychotherapy in the United Kingdom: Past, present and future. British Journal of Guidance and Counselling 2000; 28(4): 451–66.
2.
Rachman S, Wilson GT: Expansion in the provision of psychological treatment in the United Kingdom. Behaviour Research and Therapy 2008; 46(3): 293–5.
3.
Tantam D: Psychotherapy in the UK: Results of a survey of registrants of the United Kingdom Council for Psychotherapy. European Journal of Psychotherapy and Counselling 2006; 8(3): 321–42.
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